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So verhindern Frauen Emanzipation

SONNTAG, 10.03.2019

Frauen, die andere Frauen als Schlampen bezeichnen, machen die Emanzipation unmöglich. Warum haben wir Vorurteile und beleidigen uns selbst?

Neulich auf dem Oktoberfest, genau so passiert: Frauen in Dirndln (und natürlich den dazugehörigen Dekolletés) tanzen auf Bänken, trinken Bier, haben Spaß, singen laut Lieder mit (deren Inhalte meistens nicht so besonders Frauen-freundlich sind). Irgendwann kommen zwei andere Frauen dazu, deren Dekolletés noch ein bisschen tiefer sind, die Dirndl etwas kürzer und die Make-up-Schicht etwas dicker. "Was machen die Bitches hier?" fragte eine der Frauen – und beschneidet damit die hart erkämpfte Freiheit dieser Frauen, gleichzeitig ihre eigene. Es ist ihr nicht bewusst.

Wer Frauen als Schlampen bezeichnet, ist keine Feministin

Wenn man darüber spricht, was der Gleichberechtigung von Frauen im Weg steht, dann kreist das Gespräch meistens um Männer. Männer, die schon wegen ihres Geschlechts mehr Chancen auf Chefsessel haben. Männer, die ihre Macht ausnutzen und Frauen missbrauchen. Männer, die das alles lieber nicht ändern möchten und wegsehen. Man muss aber auch mal über Frauen sprechen. Die Frauen, die anderen Frauen im Weg stehen. Und damit sich selbst, auch wenn sie das vielleicht noch nicht verstehen.

Szenen wie oben beschrieben erlebt man nicht nur auf dem Oktoberfest. Das passiert an Karneval, in einem Club an einem ganz normalen Samstagabend, auf Social Media sowieso. Frauen, die andere Frauen als Schlampen bezeichnen – wegen ihres Aussehens oder ihres Verhaltens. Wir sollten an dieser Stelle gar nicht groß darüber diskutieren, dass man Frauen Schlampen nennt und Männer nicht. Solche Beleidigungen sind immer falsch, egal ob es sie nur gegen Frauen gibt oder ob sie auch gegen Männer gerichtet werden. Tatsache ist aber: Besonders Frauen als "Bitches" zu bezeichnen, hält notwendige Entwicklungen auf.

Echter Feminismus kämpft für jede Freiheit

Feministinnen kämpfen seit Jahrzehnten für mehr Freiheit, die eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für Gleichberechtigung ist. Wir kämpfen ja noch immer. Für die freie Wahl, Kinder neben der Karriere zu bekommen oder eben nicht. Oder für die politische Freiheit, den Männern ebenbürtig Land und Leben gestalten zu können. Und ganz simpel, aber ehrlich entscheidend: Dafür, bitte aussehen zu können, wie wir wollen.

Sogar (vermeintliche) Feministinnen werden jetzt sagen: Wir sollten wirklich über Wichtigeres diskutieren, als das Aussehen. Wir sagen: Wir müssen genau darüber sprechen. Weil das Aussehen vielleicht erst mal nur Oberfläche sein mag, aber eben alles andere als oberflächlich.

Feminismus kennt keine Vorurteile

Wie eine Gesellschaft angemessene Schönheitsideale definiert und welche Kleidung als akzeptabel gilt, sagt viel darüber aus, wie frei Frauen wirklich schon sind. Es zeigt sich nämlich: Sie sind es noch nicht, nirgendwo.

Frauen sollten selbstverständlich mit Speckröllchen zufrieden sein dürfen. Wenn andere aber im Fitness-Studio auf die persönliche Traumfigur hinschwitzen, muss das genauso ok sein. Freiheit ist, selbst entscheiden zu können und für die Entscheidung nicht verurteilt zu werden. Vor allem nicht von Frauen. Kaum jemand würde es noch wagen, über den speckigen Bauch einer Frau herzuziehen (Gott sei Dank!), einige aber finden es gerechtfertigt, eine Frau wegen aufgespritzter Lippen oder gemachter Brüste zu verurteilen. Solche Frauen fragen auf Berichte über grapschende Männer selbstgefällig: "Hatte die einen Minirock an?"

Wer Frauen wegen ihres Aussehens als Schlampen, Bitches oder Ähnliches bezeichnet, gesteht Männern ganz schön viel Macht zu, die sie Frauen gleichzeitig entreißen. Wer andere Frauen so diskreditiert, steht uns allen im Weg. Und wird selbst nicht frei.

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