Leben & Familie

Interview mit Julia Werner von der Glamour

MONTAG, 28.05.2018

Wir treffen Julia Werner in den Räumen des Condé Nast-Verlags. Mit der stellvertretenden Glamour-Chefredakteurin (38) möchten wir vor allem wegen ihres beeindruckenden Lebenslaufes sprechen - aber auch deshalb, weil ihr eine besonders einnehmende Art nachgesagt wird, mit der sie schon den ein oder anderen schwierigen Interviewpartner zähmen konnte. 

Julia Werner empfängt uns gut gelaunt und plaudert munter drauf los. Sie trägt kaum Make-up und ist stilvoll leger gekleidet. Sie antwortet spontan und ohne Angst, etwas Falsches zu sagen. Im Interview verrät sie Überlebensstrategien für Kreative in Konzernstrukturen und was der beste berufliche Ratschlag ist, den sie je bekommen hat.

Was ist das Ausgefallenste, das auf deinem Schreibtisch steht?

Julia Werner: Eine Illustration von Janosch aus dem Zeit-Magazin, da geht es um meine Lieblingsbeschäftigung Prokrastinieren. Sie lautet in etwa so: "Herr Janosch, wie motiviert man sich zur Arbeit? – Wondrak nimmt die Macht der Würfel zur Hilfe. Er würfelt. Wenn es eine Eins gibt, muss er nicht anfangen zu arbeiten. Manchmal dauert es Stunden, bis er eine Eins würfelt." (lacht)

Wie würdest du beschreiben, was dein Job ist?

Mein Job ist es, das Heft gemeinsam mit meiner Chefredakteurin Andrea Ketterer und im Sinne von Glamour zu gestalten. Wir sind Ideen-Manager: Die besten Einfälle hat unser Team.

Was ist das Schönste daran?

Der Spaß, den wir zusammen haben und die tollen Ideen, die dabei entstehen. Wir werfen uns dabei oft so lange die Bälle hin und her, bis wir den perfekten Ansatz für eine gute Geschichte finden.

Was fällt dir bei deiner Arbeit am schwersten?

Mich selbst zurückzuhalten. In einer leitenden Funktion ist man eben nicht Autorin. Es gibt schon Phasen, in denen ich das Schreiben total vermisse. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man so eine Position annimmt.

Was waren die Meilensteine auf deinem Karriereweg?

Ich hatte immer zwei Leidenschaften: Schreiben und Mode. Wobei ich schreiben immer besser konnte als nähen zum Beispiel. Nach der Schule war für mich klar, dass ich eins von beidem machen möchte. Also bin ich erstmal nach Florenz und habe ein Jahr lang in der Textilbranche gearbeitet. Ich wäre eigentlich am liebsten dageblieben, aber meine Eltern bestanden glücklicherweise darauf, dass ich noch etwas "Anständiges" lerne.

Konntest du Italienisch, bevor du nach Mailand gezogen bist?

Nein, das habe ich dort gelernt. Ich glaube, dass jeder mindestens eine Sprache neben Englisch können und einmal selbst "Ausländer" gewesen sein sollte. Es hilft einem für den Rest des Lebens, wenn man für eine gewisse Zeit in einer Welt gelebt hat, in der man nicht zuhause ist.

Wie ging es dann weiter?

Dann bin ich zurück und habe eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht, wieder in einem Textilunternehmen. Ich dachte darüber nach zu studieren, machte aber erst ein Praktikum bei Elle. Ich weiß noch, dass ich dort mit ein paar weiteren Praktikanten saß, die alle unbedingt ein Volontariat wollten. Und mich selbst zog es eigentlich nur nach Italien zurück. Aber dann bekam ich das Angebot! Ich habe das Volontariat angenommen und so die Deutsche Journalistenschule besucht. Danach war der Weg klar.  

Braucht man also gar kein Studium, um es in der Branche weit zu bringen?

Ich träume heute noch davon zu studieren, weil ich andere wahnsinnig darum beneide, was sie in dieser Zeit erlebt haben. Ich trauere manchmal ein bisschen dem Wissen nach, das ich da angehäuft hätte. Aber nein, braucht man wahrscheinlich nicht unbedingt.

Und nach dem Volontariat?

… war ich mit 24 Redakteurin bei Elle, dachte mir dann aber, dass es das noch nicht gewesen sein konnte. Deshalb habe ich gekündigt und bin nach Paris – und habe als Booking-Assistant in einer Modelagentur angefangen. Ich weiß noch, dass mich meine damalige Chefredakteurin für verrückt erklärt hat. Ich sei überqualifiziert und was ich dort überhaupt wolle. Der Job an sich hat mir tatsächlich nicht so gefallen. Aber bereut habe ich die Zeit nicht. Ich habe dort so viel erlebt und konnte durch die enge Zusammenarbeit mit Fotografen viel über Bilder lernen. Das hilft mir in meiner jetzigen Position – und beweist, dass alles, was einem im ersten Moment vielleicht bedeutungslos vorkommt, dann später doch etwas bringt. Man lernt immer!

Was passierte nach Paris?

Danach habe ich frei gearbeitet und war unter anderem Redakteurin bei Freundin und Amica. Anschließend bin ich zurück nach Italien und habe von dort aus vier Jahre lang Geschichten geschrieben – unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und VOGUE. Da kam mir mein Italienisch zugute. Wenn es um Interviews mit Designern ging, die kein Englisch sprechen – was ja in Italien immer noch gang und gäbe ist – wurde ich angerufen. Das ist lustigerweise noch heute so.

Was war bislang dein Highlight?

Eine Geschichte über die damals neuen Designer Pierpalo Piccioli und Maria Grazie Chiuri bei Valentino. Ich durfte einen Tag lang ins Haute-Couture-Atelier und Zeit mit den Petites Mains, also den Schneiderinnen verbringen, die stundenlang Perlen aufnähten und Plisseefalten in Stoffe bügelten. Ich weiß noch, wie mich abends eine Freundin angerufen und gefragt hat, warum ich so glücklich klinge. Da habe ich geantwortet: "Ich war gerade im Paradies." Diese Geschichte steht aber nur stellvertretend dafür, was man als Journalist alles erlebt. Man darf in Welten reinschauen, die man unter normalen Umständen nie sehen würde. Als Journalist macht man nichts anderes als die ganze Zeit zu lernen. Das, was einen gerade am meisten interessiert, macht man zu seinem Thema. Der größte Glücksmoment ist dann immer der, in dem man etwas herausfindet oder erfährt, das man vorher nicht gewusst hat.

Welche beruflichen Rückschläge hattest du?

Ich weiß noch, als 2008 die Wirtschaftskrise losging und auch viele Redaktionen sparen mussten. Da wusste ich teilweise nicht, wie ich meine Miete bezahlen sollte. So ging es vielen freiarbeitenden Journalisten. Und ein Job bei einem Online-Luxus-E-Commerce-Unternehmen machte mich einmal unglücklich. Da war ich plötzlich keine Journalistin mehr, sondern Verkäuferin. Natürlich habe ich auch in dieser Zeit viel gelernt, aber in dem Moment kam es mir vor, als hätte ich meine journalistische Seele verkauft.

Hattest du – auch wenn du sehr viel frei gearbeitet hast – eine Person, die du als deinen Mentor bezeichnen würdest?

Ich glaube, solche Menschen hat man immer. Bei mir war das zum einen Patricia Riekel, die mich früh ins kalte Wasser geschmissen hat. Sie hat mich einfach raus in die weite Welt geschickt und ich habe früh viel Verantwortung übernommen, auch wenn ich manchmal ganz schön nervös war. Zum Beispiel als ich einmal Giorgio Armani interviewt habe. Er begrüßte mich mit den Worten: "Wir haben zehn Minuten!" Ich dachte: Er hat schlechte Laune, jetzt kann ich ohnehin nichts verlieren und habe losgelegt. Am Schluss fand er das Interview so interessant, dass wir insgesamt zwei Stunden miteinander gesprochen haben. Patricia hat sich nie die Frage gestellt: "Kann die das?", sondern einfach immer gesagt: "Los, renn." Heute ist meine Mentorin Andrea Ketterer, meine jetzige Chefin. Von ihr lerne ich vor allem viel darüber, wie man ein Team richtig führt.

Also hat man auch dann noch Mentoren, wenn man schon in einer hohen Position angekommen ist?

Ich glaube, man muss sein ganzes Leben lang Mentoren haben, denn man lernt ja nie aus.

Wie wichtig sind solche Menschen für einen?

Superwichtig! Und meistens suchen sich die Mentoren ihre Mentee selbst. Das merke ich auch jetzt: Sobald ich bei jemandem ein besonderes Talent sehe, ist es mir ein Herzensbedürfnis, dass sich diese Person weiterentwickelt.

Was ist dein ultimativer Tipp für jemanden, der in eine leitende Redakteursposition möchte?

Ich glaube nicht, dass es der richtige Weg ist, gezielt eine Führungsposition anzustreben und zu sagen: "Ich will Chef werden." Ich glaube der richtige Weg ist vielmehr, seinen Job zu lieben und zu versuchen, ein guter Journalist zu sein. Der Rest kommt dann von selbst. Man ist nie gut, wenn man eine Arbeit nur wegen des Titels auf der Visitenkarte macht. Auch nicht, weil es schick ist, auf Modenschauen zu fahren oder über Trends zu berichten. Man muss immer eine Neugierde besitzen – unabhängig davon, ob man im Modejournalismus arbeitet oder in einem anderen Bereich. Dann kommt einem das auch nicht wie Arbeit vor.

Was war der beste berufliche Ratschlag, den du je bekommen hast?

"Der Leser ist König" – kommt von Patricia Riekel. Als Journalist tendiert man ja oft dazu, in seiner kleinen Blase zu denken. Aber sie hat immer gefragt: Interessiert das irgendjemanden da draußen? Ein Leser sollte nie das Gefühl bekommen, er könne nur in ein Glashaus schauen, aber nie Teil dieser Welt sein.

Du hast für sehr unterschiedliche Medien gearbeitet und viel gesehen. Was sind Überlebensstrategien für kreative Menschen in Konzernstrukturen?

Ich glaube, man darf einfach keine Angst davor haben, anzuecken. Auch wenn man mit Leuten in einem Raum sitzt, die sich alle einig sind, sollte man sich nie davor scheuen zu sagen: "Ich sehe das anders." In dem Moment, in dem man seine Meinung zurückhält, geht die eigene Kreativität verloren. Jeder in einem Unternehmen spielt eine Rolle. Es gibt die Fantasten, die voller Ideen sprühen, sich aber keine Gedanken über die Umsetzung machen. Und es gibt die Realisten, die die Fantasten wieder auf den Boden holen. Diese verschiedenen Menschen müssen sich gegenseitig zuhören und schätzen, um voneinander profitieren zu können.

Was muss jemand mitbringen, der in der Branche Fuß fassen möchte?

Ein guter Journalist muss seinen Chefredakteur solange mit Ideen und Themenvorschlägen nerven, bis er oder sie nicht mehr kann – und nicht umgekehrt. Das ist kein bürokratischer Job, bei dem man morgens zur Arbeit geht und automatisch Aufgaben zugeteilt bekommt. Man muss für seine Themen brennen und dadurch eine Überzeugungskraft haben, bis die Chefredaktion sagt: "Ja okay, dann mach!"

Welches große Ziel möchtest du noch erreichen?

Einen Roman schreiben. Worüber ist noch ein Geheimnis. (lacht)

Interview: Katja Wies

Julia Werner, stellvertretende Chefredakteurin von Glamour pin

Julia Werner ist seit 2015 die stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift Glamour.