Babysteps-Kolumne: Warum ein Baby NICHT alles verändert

MONTAG, 26.11.2018 Carmen Lehmann

"Babysteps - die Kolumne von Carmen Lehmann" lest ihr ab sofort jeden Monat neu, hier bei fem.com. Carmen Lehmann, ihres Zeichens frisch gebackene Mutter und Co-Host des "Babysteps"-Podcasts, beschäftigt sich in ihrer Kolumne jeden Monat mit einem neuen Thema rund um Baby, Familie und Co. Heute dreht sich alles um die Frage, ob ein Baby das ganze Leben verändern muss. 

„Du wirst sehen ein Kind verändert alles.“ Wie oft ich diese vermeintliche Weisheit während der Schwangerschaft zu hören bekommen habe. Von Freunden, Kollegen, Familienmitgliedern und besonders häufig von anderen Eltern. Eltern, die im gleichen Atemzug Hiobsbotschaften wie „Du wirst nie wieder schlafen“, „So ein Baby ist ein echter Beziehungskiller“ und „Von deinen kinderlosen Freunden kannst du dich schon mal verabschieden“ verbreiteten.

Muttersein hat nichts mit Selbstaufgabe zu tun

Heute, ziemlich genau ein Jahr später, kann ich getrost sagen, dass ich mich von niemandem verabschieden musste. Weder von meinem Mann, noch von meinen Hobbies oder von meinen (kinderlosen) Freunden. Und schon gar nicht von meinem Leben. Insgesamt hat sich von der süffisanten Liste aller mir während der Schwangerschaft eingebläuten Horrorszenarien wenig bis gar nichts bewahrheitet. Das soll aber nicht heißen, dass es keine Justierungen in unseren vier Wänden und Anpassungen in unserem Lifestyle gab. Die gab es unumstritten.

So haben wir anstatt einer Bar nun einen Winnie The Pooh Hochstuhl im Wohnzimmer stehen (an dessen Anblick ich mich als Design-Victim immer noch nur schwer gewöhnen kann). Wenn wir verreisen, frage ich im Hotel nicht mehr bis wann, sondern ab wann es Frühstück gibt (weil mein Sohn ab 6.30 Uhr im Bett steht). Beim Wandern trage ich statt meinem Ultra-Light-Rucksack eine fette Babytrage auf dem Rücken (inklusive Wechsel-Strampler, Ersatzmütze, Wickelunterlage, Fläschchen, diversen Baby-Snacks, Kuscheldecke und auch das Lieblings-Plüschtier darf natürlich nicht fehlen). Und während der Arbeit liegt mein Handy omnipräsent vor mir auf dem Schreibtisch (und das nicht, weil ich keine „It’s a Match!“ Push Notification verpassen möchte, sondern damit ich jederzeit für die Kita erreichbar bin).  

Leben heißt Veränderung 

Natürlich wäre es auch eine Lüge zu behaupten, dass mein Mama-Alltag meiner Single-Zeit gleicht. Während ich vor ein paar Jahren an den Wochenenden noch im Morgengrauen vom Feiern nach Hause geschwankt bin, stehe ich jetzt früh morgens auf dem Spielplatz – in der Hoffnung, dass der Kaffee-Laden gegenüber bald aufmacht und ich mir einen Cappuccino holen kann. Aber ich bin halt auch keine Mitte 20 mehr. Das Älterwerden bringt Veränderung. Und als Mutter habe ich Verantwortung. Verantwortung einem anderen Menschen gegenüber. Auch das bringt Veränderung.

Es gibt keine Art von Beziehung ohne Kompromisse

Trotzdem wehre ich mich gegen Panikmache und noch viel mehr gegen die Behauptungen, dass man sich mit Kind von seinem Leben und seinen Träumen verabschieden müsse. Das stimmt einfach nicht. Zumindest nicht für mich. Je länger ich drüber nachdenke, wie sich die Veränderung durch unseren Sohn beschreiben lässt, desto treffender finde ich den Vergleich mit dem Beginn einer Paarbeziehung. Man lässt einen anderen Menschen in sein Leben und gibt ihm einen festen Platz. Man muss sich kennenlernen und arrangieren. Einen gemeinsamen Alltag etablieren und das Zusammenleben regeln. Kompromisse eingehen und an mancher Stelle vielleicht sogar zurückstecken. Aber das macht man gerne. Man liebt den Menschen schließlich.

Und so toleriert man den sperrigen 55 Zoll 4K Ultra HD Flatscreen inklusive Playstation, Controller und Kabelsalat im ursprünglich mal sehr liebevoll eingerichteten Wohnzimmer. Bei der Hotelauswahl wird plötzlich ein Doppelbett mit durchgehender Matratze zum ausschlaggebenden Faktor für die Buchung (ich hasse es die halbe Nacht in der Bettritze zu liegen). Und statt mit den Mädels am Samstagabend den vierten Gin & Tonic in irgendeiner Bar zu bestellen, verbringt man die Zeit lieber kuschelnd auf der Couch. Die Prioritäten verschieben sich. Aber deswegen würde man noch lange nicht von einer radikalen Lebensveränderung oder gar einer Aufgabe der eigenen Träume sprechen, oder?

Eine gesunde Portion Egoismus macht mich zu einer besseren Mutter  

Im Kern ist man schließlich der gleiche Mensch geblieben. Mir hat es mir immer Spaß gemacht die Welt zu entdecken und Zeit in der Natur zu verbringen. Ich gehe gerne in die Arbeit und noch lieber mit Freunden ein Glas Wein trinken. Und warum sollte meine Mama-Rolle etwas daran ändern? Ich möchte mir ganz bewusst nicht jede Sekunde meines Lebens von meinem Kind diktieren lassen. Klingt vielleicht egoistisch, aber nur wenn ich meine eigenen Bedürfnisse nicht ganz außer Acht lasse und mich nicht selbst verliere, kann ich genug Energie für meine Familie aufbringen.

Unser erstes Jahr als Familie: Das vielleicht schönste Abenteuer meines Lebens  

Natürlich habe ich in meinem ersten Sommer mit Kind einige Abstriche gemacht, weshalb aus der Benediktenwand mit Kraxe auf dem Rücken „nur“ die Kampenwand und aus einem abenteuerlichen Roadtrip durch Asien eine gemütliche Camper Van Tour durch Neuseeland geworden ist. Und auch das Glas Wein mit Freunden ist seltener geworden, aber trotzdem noch häufig genug, um zu wissen was sie bewegt. Rückblickend habe ich nichts vermisst. Nur weil es nicht ganz genau das war, was ich mir ursprünglich vorgenommen hatte, sondern das was im Rahmen meiner Möglichkeiten machbar war, fühlt es sich nicht weniger wertig an. Letztendlich war das erste Jahr als Familie mit seinen ganzen „Firsts“ so einzigartig und besonders, dass es in vielerlei Hinsicht vielleicht sogar abenteuerlicher war als die Jahre zuvor.

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Ein Baby stellt das Leben völlig auf den Kopf - Mythos oder Wahrheit?

Carmen Lehmann

Carmen verbringt seit Kurzem ihr Nachtleben mit Windeln statt einem Gin & Tonic in der Hand und berichtet hier von der Alltagscrazyness mit Baby Levi.