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Wer fickt im Rap eigentlich wen?

SONNTAG, 13.09.2020

Rap ist sexistisch, transfeindlich, homophob, rassistisch, ableistisch und vor allem frauenfeindlich-zumindest,wenn er von Deutschappern wie Kollegah, Farid Bang oder Bushido kommt. Dabei beweisen gerade Frauen, dass es auch anders geht. 

 „Eine Chick ist ne Broke-Ass-Bitch, denn ich fick sie, bis ihr Steißbein bricht“, behauptet Fadrid Bang, einer der bekanntesten deutschen Rapper. Und Bushido stellt klar, dass „nur weil du eine Frau bist und man dir in den Bauch fickt“ es nicht heißt, dass er „dich nicht schlage, bis du blau bist“. Und auch K.I.Z hat schon Pläne: „...trete deiner Frau in den Bauch, fresse die Fehlgeburt". Und zum krönenden Abschluss will Kollegah zusammen mit Farid Bang noch „deine Ma, die Flüchtlingsschlampe“ ficken. Alles klar!

Mit Gewaltverherrlichung, Antisemitismus, Sexismus, Transfeindlichkeit sowie mit Homophobie und Misogynie kennen sich diese Rapper gut aus. Und nicht nur die, denn Zeilen wie diese – egal ob offensichtlich oder subtiler – findet man zuhauf im Rap und Hip-Hop. Frauenfeindlichkeit ist dabei, laut einer Studie von „Puls“, dem Jugendradiosender des bayrischen Rundfunks, die häufigste Diskriminierungsform innerhalb der erfolgreichsten Deutschrap-Alben.

Aber Halt! Rap ist ja Kunst! Kunst ist frei, darf auch mal provozieren und Grenzen überschreiten. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Medien indiziert jedoch vier von Farid Bangs Alben, drei davon in Zusammenarbeit mit Kollegah.

Ist das wirklich das, was Rap verkörpert?

Laut Definition handelt es sich beim Rap um einen rhythmischen Sprechgesagt, der Teil der Hip-Hop Kultur ist und in den 70er Jahren in den USA an Popularität gewann. Das Wort „Rap“ stammt vom englischen Verb „to rap“ ab und kann sowohl quatschen als auch kritisieren bedeuten. Ursprünglich – so heißt es – diente Rap dazu auf die Ungerechtigkeiten und Missstände von Minderheiten aufmerksam zu machen: Gewalt, Drogenexzesse, Kriminalität und auch Diskriminierung und Rassismus, denn beim Urgestein des amerikanischen Raps handelte es sich meist um „people of color“. Es gingt also um Authentizität und Realität.

Bei Kollegah, Farid Bang etc. ist von Authentizität aber wohl nichts mehr übrig. Hoffentlich, denn das würde ja bedeuten, dass sie das, was sie rappen auch wirklich in die Realität umsetzen. Folglich würden sie sich alles andere als Gesetzes konform verhalten, denn Missbrauch ist in Deutschland strafbar und laut Bangs Aussage müsse er „lügen, wenn [er] sagen würde: Nein, ich habe nie ne minderjährige Bitch missbraucht.“

In einem Interview mit Planet Inzerview erzählt Farid Bang allerdings, er mache keine frauenverachtende Musik. Er erzählt „Jemand zu bedrohen […], das würde nicht zu [s]einer Philosophie als Mensch passen.“ 

Zumindest Kollegah nicht nur in seinen Songs sexistisch und gewalttätig ist. Denn nach einer Disko-Schlägerei wurde Kollegah wegen gefährlicher Körperverletzung angezeigt und kassierte auch nach einer weiteren Schlägerei auf der Bühne seines eigenen Konzertes eine Anzeige. Den bis 2018 existierenden deutschen Musikpreis Echo hat er trotzdem dreimal gewonnen.

In den letzten Jahren wird deutlich, dass Rap auch kreativ, klug und ermutigend sein kann

Natürlich sind Misogynie, Rassismus, Sexismus, Transfeindlichkeit nicht alleine im Rap vorhanden. Und Rap ist nicht per se entwürdigend und diskriminierend. Gerade in den letzten Jahren wird deutlich, dass Rap auch kreativ, klug, ermutigend und erfreulich sein kann. Oftmals ist er das, wenn er von Frauen kommt – allerdings nicht ausschließlich. Wo wir schon beim nächsten Punkt wären: herrscht im Rap tatsächlich ein Frauenmangel? Was sagen Rapperinnen zu den Texten mancher ihrer männlichen Kollegen? Und wie fühlt es sich an als Frau inmitten dieser Szene?

Nura, Juju, Hayiti, Sokee, Shirini Davids, Eunique, Ebow, Antifuchs, Ace Tee, Lumeras, Leila Akinyi, Sly…bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass es einige Rapperinnen gibt, die es sich lohnt zu kennen und zu hören. Zudem haben diese mitunter auch schon namenhafte Referenzen.

2018 wurde Nura mit der 1LiveKrone, dem Musikpreis des gleichnamigen Radiosenders zur „Besten Künstlerin des Jahres“ ausgezeichnet Juju rauschte mit ihrer Rap-Ballade „Vermissen“ auf Platz 1 der Deutschen Charts und auch Shirin Davids tut es ihr gleich. Mit dem Song „Gib ihm“ gewann sie im Juni die Goldene Schallplatte. Damit schafft es Shirin David nach 20 Jahren das erste Mal wieder als deutsche Rapperin Preisträgerin dieser Auszeichnung zu sein. Auch Sokee ist stolze Preisträgerin: 2018 gewann sie den Louise-Otto-Peters-Preis. Der Preis, benannt nach der 1895 verstorbenen deutschen Feministin Louise-Otto-Peters, zeichnet besondere Leistungen zur Förderung der Gleichstellung zwischen Mann und Frau aus. Und Hayiti ist bis heute die erste und einzige Rapperin, die den Echo gewonnen hat.

Viel wichtiger als jeder Preis: sie haben eine Botschaft!

Shirin David erlange mit nur 19 Jahren auf Youtube an Bekanntschaft. Nach jahrelanger Suche nach einem geeigneten Produzenten veröffentlicht sie 2019 ihren ersten Song. Für viele kam dies unerwartet, denn nur wenige wissen, dass die Halb-Litauerin mit iranischen Wurzeln von klein auf Geige, Oboe und Klavier spielt. Nach einer Ausbildung an der „Jugend-Opern-Akademie“ wirkte sie an mehreren Projekten der Hamburgerischen Staatsoper mit. Bekannt ist David vor allem für ihre extravagantes, von manchen als übertrieben und barbiehaftes Aussehen: lange Fingernägel, falsche Haare, knallig-knappe Outfits und übernatürliche Kurven.

In ihrer Musik und den dazugehörigen Musikvideos dreht sie den Spieß um. Was die harten Rapper können, kann sie auch: teure Marken Klamotten, Geld, in einer Limousine den „Fucksboys“ den Mittelfinger entgegenstrecken und dabei ziemlich sexy aussehen. Darum dreht es sich auch in ihrem ersten Song „Gib ihm“. Für ihren ersten Hit erntete sie viel Hass. Dafür, dass sie als Frau und Youtuberin rappe. Dafür, dass sie eine Perücke trage, über Geld rappe und dafür, dass sie auffalle. Mittlerweile wundert sie sich sogar, wenn sie mal keine hasserfüllten Kommentare und Rückmeldungen bekommt: „Wenn dem mal so ist, mache ich mir fast Sorgen!“ erzählte sie der deutschen Vogue.

Shirin David scheint sich in diesem männerdominierten Bereich gerade mit ihrer Weiblichkeit, die manchmal überspitzt wirkt, zu behaupten, ohne sich dabei selbst zum Objekt zu machen. Hass greift sie oft ironisch auf und macht ihn sich zu eigen. „Alles nur Plastik“, kritisieren viele und spielen auf Davids Schönheits-OPs an. Auf dem Cover ihres Albums „Supersize“ zeigt sie sich daraufhin nackt und von Plastik umgeben.

Kaum veröffentlicht sie einen emotionalen Song, wird sie von positive Feedback überhäuft 

Kaum veröffentlicht sie „Flieg mit mir“ ein emotionaler Song über ihren Vater, der nie da war flog ihr das positive Feedback aus den davor so kritischen Kreisen nur so zu. Shirin Davids ist pikiert:  "Muss eine Frau erst rumheulen, um akzeptiert zu werden? Solange ich mich verletzlich zeige, ist alles cool. Aber flexen - wie ein Mann - das geht natürlich nicht."

Was offensichtlich auch nicht geht: gestandenen deutschen Rappern eine Absage erteilen. Das zeigt die „Situation“ mit Shindy, ebenfalls ein bekannter deutscher Rapper. Obwohl Shirin David Shindy, eigener Angaben zufolge mehrere Wochen vor Erscheinen der gemeinsamen Single „Affalterbach“ eine Absage erteilte, weil sie „menschlich nicht auf einen Nenner“ kamen, wurde der Song veröffentlich. Allerdings ohne Shirin David namentlich zu erwähnen. Und auch was das Musikvideo zu besagtem Song angeht gab es Uneinigkeiten. Shirin David wollte nicht als „Sidechick“ Shindys dargestellt werden. Es wäre „der Absturz der weiblichen Selbstermächtigung auf dem Rücksitz eines Machos“ gewesen.  Die Konsequenz des Ganzen: David wurde mit Hass der Shindy Fans überhäuft und ihr Teil im Song wurde ersetzt, nachdem ihr Management Druck ausübte.

Das nahmen die Rapper der Szene als Anlass ihre eigene Meinung kundzutun:

"Ich feier nicht die Mukke, die diese junge Dame macht. Die ganzen Weiber vergiftet. Einen auf halb angezogen hier rumlaufen. Dass das in unserer Community gepusht wird, so was. Arsch und Titten zu zeigen,“ meint Rapper Jigzaw.

Aber David bekommt auch Unterstützung aus der Rap-Szene: In den Augen des Rappers Fler ist das alles nur Neid: „Wenn eine richtig geile Sau […] einfach richtig High-End-Level in allen Bereichen abliefert – dann ist es doch klar, dass die Leute dissliken!"

Ziemlich präsent und akzeptiert in der Rap-Szene sind Juju und Nura, die bis 2018 Bestandteil von SXTN waren.

Bei Juju geht es des Öfteren ums Kiffen und saufen. Ein „ficke deine Mutter“ kommt auch vor, aber sie stellt auch klar, dass sie alle ihre Texte selbst schreibt und „viel zu lange leise [war].“ „Endlich finde ich Gehör/Du verbietest meine Meinung, ich zerficke dein Gehör“/ Ist doch scheißegal, ich muss nicht auf sympathisch tun/ Ja, ich hab' es drauf, ich gehöre auf die Eins, Bitch“. Sie weiß was sie kann und das ist einiges. Alleine der Hit „Vermissen“ zeigt, dass sie sowohl pöbeln und Klartext reden kann, als auch emotionale Rap/Rock-Balladen schreiben und mit ihrer ersten Single als Solokünstlerin direkt einen Nummer 1 Hit landen kann.

Dem Cannabis-Typ Sativa widmet Nura gleich ein ganzes Lied  

„Ich bin die Frau und ich ficke, diese Welt, mehrere Stiche.“ Nura, die in den deutschen Charts zuhause ist und fast ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht hat muss trotzdem alle zwei Jahre ihr Visum verlängern. Die Einreise nach Australien wurde bereits sechsmal verweigert. Warum? Als dreijährige ist sie mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern von Saudi-Arabien nach Deutschland geflüchtet. In Wuppertal wächst sie zwischen europäisch-westlichen und arabischen Wertevorstellung auf. Während ihre Brüder bei Freunden übernachten dürfen, wird Nura immer wieder in die Schranken gewiesen. „Wir machen sowas nicht!“. Nachdem sie mit einer Freundin abhaut, landet sie beim Jugendamt und schließlich in einem Heim. Hier wird sie nach Alter behandelt und nicht nach ihrem Geschlecht. Das gefällt ihr und sie bleibt bis sie mit 18 Jahren nach Berlin zieht.

Immer wieder thematisiert sie ihre Vergangenheit und bezieht politisch Stellung. 2018 war sie das Gesicht des Berliner Christopher Street Days und trat in Chemnitz auf einem Solidaritätskonzert gegen rechtsradikale Ausschreitungen auf. Sie drückt sich aber auch gerne direkt und provokant aus und widmet dem Cannabis Typ Sativa gleich ein ganzes Lied. Auf die Frage, ob sie nicht Sorge hätte, ihre – teilweise auch sehr jungen Fans - zu Drogen zu verleiten, antwortet sie, dass sie sich sicher sei, dass ihre „Fans so schlau sind, dass sie niemals sagen würden: Ich kiffe jetzt, weil Nura auch kifft.“ Auf Instagram und in ihrem Podcast „allo Leute“ lernen ihre Fans außerdem ihre andere Seite kennen.

Und was haben Nura und Juju zur Rap-Szene zu sagen? Immerhin sind sie nach dem plötzlichen Erfolg von SXTN schon etwas länger auf der Bildfläche.

Nura nervt es, dass sie für Aussagen und Dinge kritisiert wird, die männliche Kollegen seit Jahren mit einer Selbstverständlichkeit tun. Und auch über Respekt im Rap hat sie so einiges zu sagen:

„Mit SXTN kamen wir aus dem Nichts, sind auf Platz 8 gechartet und drei Mal Gold gegangen - aber das schätzt keiner. Es schätzt auch keiner, dass wir alles selbst geschrieben haben. Rapper sind gierig und wollen nichts abgeben. Es gibt 500 Typen, die gleich aussehen und gleich rappen. Dann kommen zwei Mädels, die was ganz anderes machen, und eigentlich müssten alle sagen: Hey, krass! Bei euch standen viel mehr Leute vor der Bühne! Ihr habt das Festival gefickt! Aber nein, sagt keiner.

"Das gehört dazu", sagt Juju

Zur aktuellen Debatte, wie ernst Gewalt und Sexismus im Rap genommen werden sollten, äußert sich Juju wie folgt:

"Das gehört dazu, und das macht es ja auch irgendwie interessant. Ich höre mir auch manchmal solche Macho-Songs an, weil ich sie lustig finde. […] Ihnen (den Rappern) ihren Machismo auszutreiben, würde ohnehin nicht funktionieren." Sie ist der Meinung, man müsse eher "die kleinen Püppchen" unterstützen, die auf so etwas reinfielen, "denen müsste man mehr Selbstbewusstsein geben".

Auch wenn Juju, Nura und Shirin David teilweise Begriffe verwenden oder Dinge rappen, die wir bei männlichen Rappern kritisieren, wie beispielsweise „Schlampe“ oder „Bitch“ könnte man trotzdem sagen, dass sie in ihren Texten weitaus weniger Menschen beleideigen und Sexismus, Rassismus und Gewaltverherrlichung weitaus weniger bis gar nicht vorhanden sind.  Man sollte sich hier außerdem die Frage stellen, ob es nicht ein Unterschied macht, ob Männer Frauen als Schlampe oder Bitch bezeichnen oder Frauen sich und oder andere Frauen als Bitch bezeichnen. Ganz davon abgesehen, dass es auch immer mehr Ansätze – von Frauen wohlgemerkt - gibt, negative und verletzende Bezeichnung wie eben Bitch oder Slut positiv zu konnotieren. Und von wegen Authentizität und Realität: die verpacken Nura, Juju und Ebow geschickt und ohne damit sämtliche gesellschaftliche Gruppierungen zu diskriminieren.

Nur um ein Beispiel von vielen zu erwähnen: Nura erzählt, in „Radio“ wie sie auch ohne Abschluss Geld verdient und als Geflüchtete mit ihrer Musik Erfolg hat. Das ermutigt und bildet gleichzeitig die Wahrheit ab.

Ursprünglich thematisierte Rap Missstände und Minderheiten 

Laut Definition handelt es sich beim Rap um einen rhythmischen Sprechgesagt, der Teil der Hip-Hop Kultur ist und in den 70er Jahren in den USA an Popularität gewann. Das Wort „Rap“ stammt vom englischen Verb „to rap“ ab und kann sowohl quatschen als auch kritisieren bedeuten. Ursprünglich – so heißt es – diente Rap dazu auf die Ungerechtigkeiten und Missstände von Minderheiten aufmerksam zu machen: Gewalt, Drogenexzesse, Kriminalität und auch Diskriminierung und Rassismus, denn beim Urgestein des amerikanischen Raps handelte es sich meist um „people of color“. Es gingt also um Authentizität und Realität.

Bei Kollegah, Farid Bang etc. ist von Authentizität aber wohl nichts mehr übrig. Hoffentlich, denn das würde ja bedeuten, dass sie das, was sie rappen auch wirklich in die Realität umsetzen. Folglich würden sie sich alles andere als Gesetzes konform verhalten, denn Missbrauch ist in Deutschland strafbar und laut Bangs Aussage müsse er „lügen, wenn [er] sagen würde: Nein, ich habe nie ne minderjährige Bitch missbraucht.“

In einem Interview mit Planet Inzerview erzählt Farid Bang allerdings, er mache keine frauenverachtende Musik. Er erzählt „Jemand zu bedrohen […], das würde nicht zu [s]einer Philosophie als Mensch passen.“ 

Zumindest Kollegah nicht nur in seinen Songs sexistisch und gewalttätig ist. Denn nach einer Disko-Schlägerei wurde Kollegah wegen gefährlicher Körperverletzung angezeigt und kassierte auch nach einer weiteren Schlägerei auf der Bühne seines eigenen Konzertes eine Anzeige. Den bis 2018 existierenden deutschen Musikpreis Echo hat er trotzdem dreimal gewonnen.

*aufgrund der teilweise schwer auszumachenden Grenzen fällt es schwer Rap und Hip-Hop zu trennen, denn Rap wird häufig als Teil der Hip-Hop-Kultur gesehen. Rap meint also Vorkommnisse und Phänomene im Rap und Hip-Hop.