Hilfe - ich bin ein Flirttrampel!

DONNERSTAG, 29.03.2018

Der Frühling kommt und mit ihm auch die Frühlingsgefühle. Das ganze Land ist in Balz-Laune. Bis auf eine. Unsere Kolumnistin Anna Gelbert behauptet: Ich kann einfach nicht flirten.

Blühende Bäume, Latte-Macchiato auf Cafe-Terrassen, knappe Klamotten - darüber freuen sich gerade alle. Ich nicht. Mein Problem – und das tritt immer zuverlässig zwischen März und Mai auf, wenn das ganze Land in Balz-Laune ist: Ich kann einfach nicht flirten. Ich verkacke es jedes einzelne Mal.

Das Frühlings-Dilemma

Das leichte Geplänkel zwischen Mann und Frau, das so viel bedeuten kann – oder aber auch nichts: Ich krieg es nicht auf die Kette. Nähert sich mir ein Mann mit einem Lächeln, wirke ich so erschrocken, dass er sofort betreten zur Seite blickt. Schreibt mir jemand mit einem flirty Unterton, bekomme ich Herzrasen.

Ich war mal mit einer Mädelsgruppe auf einer Piazza in Verona. Freitagabend, Aperol-Zeit. Sofort schart sich ein Trupp Angelos, Francescos und Paolos um uns herum. Für alle der Auftakt zu einem launigen Hin und Her aus Zweideutigkeiten. Für mich ein Albtraum. "Hörst du Stimmen, die dir Botschaften senden – oder wieso schaust du so verkniffen?", fragen meine Freundinnen. Was soll ich tun? Ich werde nie verstehen, was man mit jemandem redet, mit dem man NICHT befreundet ist und NICHT ins Bett will.

Die Flirt-Versagerin

Ich weiß sogar, was ich falsch mache, denn ich hab mich beobachtet. Es ist, als verlasse meine Seele meinen Körper, um sich dann von oben an die Stirn zu schlagen: Wie bescheuert kann man sein? Entweder ich kringle debil eine Haarsträhne zwischen meinen Fingern und sage gar nichts oder ich falle gleich mit der Tür ins Haus und bespreche plötzlich die Probleme der amerikanischen Waffengesetzgebung. Sicher ein wichtiges Thema – ABER DOCH NICHT HIER!

Nicht verwunderlich, dass sich der eine oder andere (okay, JEDER) Typ irgendwann umdreht und zur Nächsten schlendert, die vielleicht ein paar leichtere Themen im Portfolio hat. Ich hab auch schon versucht, mir bei meinen Freundinnen was abzugucken: Da gibt es zwei Lager. Die einen machen es elegant: Im Zweifel einfach lächeln. Das kann dem Gegenüber bedeuten: Ich mag dich, du bist irre geistreich und wahrscheinlich eine Granate im Bett. Es kann aber auch heißen: Dein Atem riecht nach Vitello tonnato, und du hast noch nicht eine originelle Meinung über irgendetwas geäußert. Geh bitte einfach sehr viel weiter.

Wenn du nur lächelst, finden Männer dich geheimnisvoll und legen den Bagger-Turbo ein. Oder sie finden dich langweilig. Auch gut.

Und dann gibt es noch die Hardcore-Flirterinnen. So wäre ich gern. Jedes halb gehauchte, halb gesungene "Hellloooo" aus ihrem süß schmollenden Mund klingt wie eine Verführung. Vor ein paar Monaten in einer Cocktailbar: Meine Single-Freundin und ich bestellen Drinks. Ich glaube: Wir sind hier, um mal wieder zu ratschen. Sie glaubt: Wir sind hier, um mit JEDEM Mann zu flirten, der uns vor die Flinte läuft.

Das erste Opfer: Der Barmann. "Ohhh, das ist aber ein dickes Glas! Hmmm, und mit sooo einem langen Strohhalm!", seufzt sie mit dramatischem Augenaufschlag. Ich: "Das ist eine Cola Zero, und du wolltest den Strohhalm wegen deines Lippenstiftes." "Pssst", ermahnt sie mich. "Das muss Anes doch nicht wissen!" Ich: "Woher kennst du denn seinen Namen? Seid ihr auch schon auf Facebook befreundet? Wie ist seine Mutter denn so?"

Sie: "Schau auf die Quittung! Es bediente Sie ANES …", steht da, flüstert sie vielsagend. "Ist gleich viel persönlicher, wenn man die Männer mit Namen anspricht."

Ich schaue fassungslos auf die Rechnung: "Da steht allerhand! Vielleicht heißt er auch Mehrwertsteuer oder 13,70?"

Sie ist entsetzt: "Jetzt hör mal auf mit deinem Sarkasmus, da stehen Männer gar nicht drauf!"

"Ich bin ja aber hier, um mit dir zu reden. Stattdessen verkneife ich mir die ganze Zeit Verhaltensweisen, um Männern zu gefallen, die mich nicht interessieren. Wie krank ist das bitte?"

Frauen wie sie gehen immer mit ein bis zwei Nummern aus einer Bar und zahlen – natürlich - keinen Drink selbst. Mein Abend endet immer damit, dass ich Männern in die Jacke helfe, die mir dann das letzte Taxi vor der Nase wegschnappen.

Wie geht Flirten?

Ist es dieses Oh-lala, das solche Frauen in jede Zeile legen (ob sie mit ihrem Zahnarzt auch so sprechen?). Was auch immer es ist. Ich hab's nicht. Ich bin wie ein Kugelstoßer auf der Ballettbühne, wie Shrek im Palast von Eiskönigin Elsa. Ich habe einen Partner und interessiere mich in den allerseltensten Fällen für andere.

Während das ganze Land blüht, hab ich Treu-Schnupfen

Kann man das bitte irgendwo lernen? Ich könnte einen meiner schwulen Freunde bitten, mal ein kleines Rollenspiel mit mir einzuüben. Aber ich vermute, die würden einen Lachkrampf bekommen, wenn sie meine Gesichtsverrenkungen sehen. Ach, was soll's. Auch diesen Frühling werde ich ohne Flirts überleben. Und im Herbst, wenn sich alle beruhigt haben, bin ich wieder ganz weit vorne.

Autorin: Anna Gelbert

Anna Gelbert

Unsere Kolumnistin sieht staunend den Flirt-Künsten ihrer Freundinnen zu - was läuft bei ihr falsch? Wo bitte, kann man richtig flirten lernen?

Über die Autorin

Anna Gelbert war 15 Jahre lang Promi-Reporterin und kennt sämtliche Red Carpets. Die Mutter zweier Kinder lebt und arbeitet als TV-Producerin und Autorin in München. Zudem gibt sie Writing-Workshops für TV-Nachwuchstalente, Produktionsfirmen und Wirtschaftsunternehmen. Seit November 2017 bloggt die working mum unter annagelbert.com. Ihr Anliegen: Frauen zum Lachen zu bringen und Mut zu machen. Ihr Motto: Es gibt ein Leben ohne Size Zero! Wir sind alle nicht perfekt – aber hey, dann lasst uns verdammt nochmal wenigstens Spaß haben!