Stress-Bewältigung: Interview

"Wieder klar sehen"

In ihrem Buch "Tanz mit dem Säbelzahntiger" gibt Sigrid Engelbrecht Tipps, wie man sein Leben gezielt entstressen kann. fem.com hat die erfolgreiche Wellness-Trainerin zum Interview getroffen.

Frau Engelbrecht, eigentlich sind Sie studierte Designerin und Malerin - wie sind Sie auf das Thema Stressbewältigung gekommen?


Der Alltag als freischaffende Designerin bringt oft viel Zeit- und Organisations-Stress mit sich. Konkurrenz ist ein heißes Thema, Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein anderes. Nachdem ich Ende der 1990er-Jahre einem Burnout ziemlich nahe war, habe ich ganz entschieden mehr Entspannung und "Wohlfühl-Inseln" in meinen Arbeitsalltag eingebaut - und gemerkt, dass mich diese Art der Achtsamkeit wieder in meine innere Balance bringt. Die Initialzündung, mich mit dem Thema Stressbewältigung auch aus Trainer- und Berater-Sicht zu befassen, kam dann ein paar Jahre später in meiner Mental- und Wellnesstrainer-Ausbildung.

Das Wörtchen "Stress" ist in unserer Welt allgegenwärtig. Was verstehen Sie als Expertin darunter?

Einen Impuls, der starke Anspannung und erhöhte Leistungsbereitschaft auslöst. Dieser kann von außen oder von innen, also durch die eigenen Gedanken und Vorstellungen, kommen.

Welche Arten von Stress muss man unterscheiden?

Ganz klassisch zunächst mal den "Eu-Stress" und den "Dis-Stress". Der Eu-Stress ist der angenehme Stress, der lustvolle Nervenkitzel, die aufgeregte Erwartung. Der Dis-Stress ist der Stress, der durch Erschrecken, Angst, Ärger oder ein Gefühl der Hilflosigkeit ausgelöst wird. Hier kann man unterscheiden zwischen kontrollierbarem und unkontrollierbarem Stress. Wenn ich an einer akut erschreckenden oder belastenden Situation etwas ändern kann, hilft mir die Aktivität, den Stress zu bewältigen - auch wenn das Problem vielleicht nicht gleich komplett zu lösen ist. Bin ich der Situation jedoch ausgesetzt, ohne handeln zu können, belastet mich das erheblich stärker - körperlich als auch psychisch.

Glauben Sie, dass sich viele Menschen unnötigerweise selbst Stress machen?

Ja, leider ist das so - beispielsweise durch überhöhte Anforderungen an sich selbst. Viele Menschen haben das Bestreben, es jedem recht machen zu wollen, und verhalten sich rücksichtslos gegenüber den eigenen körperlichen und psychischen Bedürfnissen.

Haben Sie als Wellness-Trainerin selbst manchmal Stress?

Na klar. Wenn zu viele Anforderungen auf einmal kommen und alle mit engen Terminsetzungen verbunden sind. Da bricht mir schon mal der Schweiß aus und ich gerate in einen irgendwie fiebrigen Zustand - aufgedreht, aber gleichzeitig nervös und unkonzentriert.

Was tun Sie dagegen? Gibt es wirksame Tricks, die sofort helfen?


Ja, ich mache in solchen Momenten meine Sofort-Übung: hinsetzen, Rücken aufrecht, Hände locker aufeinandergelegt. Jetzt die Augen schließen und bewusst ein- und ausatmen. Dabei stelle ich mir vor, meine Hibbeligkeit mit dem Ausatmen loszulassen, lasse meine Atemzüge langsamer werden und denke dabei immer nur: Ruhe ein, Hektik raus. Die Übung dauert nur ein paar Minuten, aber danach sehe ich wieder klar.

In Ihrem Buch nennen Sie drei verschiedene Stress-Typen. Wie unterscheiden sie sich?

Dem "Schnellen Macher" sitzt ständig die Zeit im Nacken - er muss immer etwas zu tun haben, Leerlauf kann er schlecht haben. Am liebsten erledigt er möglichst viel in möglichst kurzer Zeit - und will, dass andere auch so schnell sind und ihn nicht aufhalten. Der "Perfektionist" lässt nur 100-prozentiges gelten und stellt generell auch sehr hohe Ansprüche an sich und seine Umgebung. Er hat genaue Vorstellungen davon, wie man sich zu verhalten hat und wie Aufgaben richtig zu erledigen sind. Der "Harmonieorientierte" liebt Lob und Anerkennung und will es gern allen recht machen. Er lässt sich häufig durch die Erwartungen anderer unter Druck setzen und kann meist nur schwer Nein sagen.

Warum hilft es mir zu wissen, welcher Stresstyp ich bin?

Weil Sie dann bestimmte Ihrer eigenen Reaktionen besser verstehen und auch Ihre Stressauslöser schneller identifizieren und entschärfen können.

Was wäre denn zum Beispiel eine gute Anti-Stress-Strategie für den "Perfektionist"?

Den 100-Prozent-Vollkommenheits-Anspruch auf wenige wirklich wichtige Dinge begrenzen zu lernen und sich bei den eher banalen Alltagsaufgaben ganz bewusst mit weniger zufrieden zu geben. Sich selbst dabei immer wieder etwas zu sagen wie: "Stop! Das reicht." Oder: "Das ist jetzt gut genug."

Viele Menschen haben Probleme, abends von der Arbeit abzuschalten. Wie gelingt's trotzdem?


Da kann ein kleines Ritual helfen: Bevor man den Schreibtisch verlässt, sich ganz bewusst etwas sagen wie "Die Arbeit bleibt hier". Am besten einen ganz persönlichen Signalsatz finden, der hilft, einen Schnitt zu machen. Auf dem Heimweg Musik hören, die in gute Laune und Feierabendstimmung versetzt.


Sigrid Engelbrecht ist zertifizierte Wellness-Trainerin, ausgebildeter Coach sowie Designerin und Malerin. Neben "Tanz mit dem Säbelzahntiger" (orell füssli Verlag, 19,90 Euro, bestellbar z.B. über www.amazon.de) hat die 54-Jährige bereits zahlreiche andere Ratgeber veröffentlicht.

14.07.09 - 09:02

 


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Tags:
Stress, Gesellschaft, Tipps, Interview, Psychologie

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