"Liebe. Ein unordentliches Gefühl"

Liebe, was bist du?

fem.com-Kolumnistin Anne Probst denkt über die Liebe nach - und lässt sich dabei von dem Philosophen Richard David Precht inspirieren.

Ich weiß nicht, was schlimmer ist: über die Liebe zu lesen oder darüber zu schreiben. Und ich spreche nicht über das Schmökern in mächtigen Romanzen wie dem "Englischen Patienten" oder das Verfassen von Bestsellern wie "Jenseits von Afrika".

Was ich meine, sind Bücher, die Liebe erklären. Was ich meine, sind Ratgeber, die der Liebe einen Bauplan zugrunde legen, der nicht komplexer ist als ein mittelschweres Sudoku. Was ich meine, ist der ach so populäre, wissenschaftliche Kunstgriff, dass hinter all den Liebes-Plänkeleien oder dem stechenden Schmerz des Nicht-Geliebt-Werdens eigentlich nur der Drang zur Vermehrung stehen soll!

Simple Liebes-Mechanismen

Wer hat überhaupt danach gefragt? Nach der Entzauberung, ja der Verklärung der Liebe durch die Wissenschaft: Wie auch immer Mann und Frau sich paaren - im Grunde sollen die Liebenden lediglich ihren egoistischen Genen gehorchen!?

Erbgut-Verbreiten ist der Schlüssel zum evolutionären Verständnis der Liebe. So gesehen ist Liebe als Emotion nur die Spitze vom Eisberg. Der Bärenanteil, der unser Liebesleben organisiert, gehorcht simplen Mechanismen.

Das Weibchen nimmt die fettesten Würmer

Und so verklickern uns evolutionäre Psychologen wie David Buss ("Die Evolution des Begehrens"), warum Frauen sich so und Männer eben anders verhalten.

Abgelesen werden die Charakteristika im Tierreich - wenn es sein muss auch mal beim Grauen Würger aus der Familie der Sperlingsvögel. Hier sucht das Vogelweibchen sich den Partner vor allem nach einem Kriterium aus: vollgestopfte Speisekammer. Wo das Weibchen die fettesten Würmer im Nest wähnt, nistet es sich ein.

Frauen sind anders als Vögel

Frauen sagt man nichts anderes nach. Menschenfrauen seien in ihren Herzen Graue Würgerinnen, das sitze nun mal ganz tief in ihnen drinnen - so fasst der Autor Richard David Precht Buss' Position  zusammen. Gegen die wird Precht noch einiges vorbringen: zahlreiche Umdeutungen und Gegenthesen über mehr als 300 Seiten.

Männer-Wünsche und Frauen-Wünsche

In seinem Buch "Liebe. Ein unordentliches Gefühl" debattiert Precht mit der Zunft evolutionärer Psychologen. Gleich einer Hassliebe streicht Precht die Fürs und Widers ihrer Theorien heraus. Neben dem Würgerweibchen-Klischee rückt Precht noch andere Zerrbilder zurecht, zum Beispiel Männer-Wünsche und Frauen-Wünsche.

Pralle Lippen, glatte Haut

In einer Monster-Studie suchte Professor David Buss nach den sexuellen Auswahlkriterien des Menschen. Das Ergebnis zeigt, dass Männer, egal auf welcher Erdhalbkugel, das Gleiche wollen. Auch Frauen unterscheiden sich in ihren Präferenzen nicht voneinander.

Nur innerhalb der Geschlechter gibt es laut Buss' Studie Unterschiede: Männer wollen kurvige Silhouetten, glatte Haut und pralle Lippen. Sie binden und paaren sich mit "fitten" Frauen. Die wiederum sehnen sich nach den mächtigen, wohlhabenden, starken Männern mit Humor - und nach einem Paradoxon: Treu und testosterongesteuert soll der Mann sein, liebevoll und draufgängerisch.

Wespentaille in der Steinzeit?

Beide suchen also immer den/die "Fitteste/n" der Spezies. So flüstern es uns die Gene noch aus steinzeitlichen Tagen ein. Precht allerdings fragt zu Recht, ob die Flüsterpost nicht ein Ammenmärchen liefert. Stand der Steinzeitjäger tatsächlich in der Steppe, Ausschau haltend  nach der Frau mit der günstigsten Fett-Verteilung und der schärfsten Wespentaille?

Zu viele Ausnahmen

Es gibt wohl eine gewisse Ordnung, wo die Liebe hinfällt - sowohl bei Männern als auch bei Frauen - attraktiv, lustig, intelligent, wohlhabend etc. Verallgemeinern lässt sich das allerdings nicht. Dafür gibt es zu viele Ausnahmen: Wir verlieben uns in Ältere, Jüngere, Kranke und - Gleichgeschlechtliche!

Ich persönlich habe mich ständig in die größten Looser im Landkreis verliebt. Fast jede Biographie macht der These vom egoistischen Gen einen dicken Strich durch die Rechnung. Über gut 130 Seiten duelliert sich Precht mit den evolutionären Psychologen. Und dann endlich folgt, was der Titel verspricht: in großen Lettern das Kapitel "Die Liebe".

Gesellschaftlich oder biologisch?


Die Liebe - seit Anbeginn der Menschheit dichten und malen wir darüber, hauen sie in Stein oder singen sie in den Himmel. Erklären kann sie bis heute niemand. Auch Precht nicht. Allerdings gelingt es ihm, zu zeigen, dass unsere Liebes-Vorstellung nicht reine Bio-Chemie sind, sondern von der Gesellschaft hervorgebracht werden.

Hohe Ansprüche

Und an die "Liebe heute" stellen wir hohe Erwartungen, sagt Precht: "Wir wollen nicht nur Sex und Liebe vereinen, wir wollen noch viel mehr: Intensität und Dauer ... Aus der Kluft zwischen lieben wollen und nicht mehr langfristig glücklich lieben können erwächst eines der zentralen Themen unserer heutigen Zeit. Mehr als den anderen, so scheint es, lieben wir die Liebe."

Die große Idee

Das große Gefühl, jeder sucht es und wer wird fündig? Für die Liebe gibt es keine Erklärungen, maximal Anhaltspunkte. Wie eine große Idee schwebt sie über uns. Und dann - irgendwann - kommt der Moment, in dem wir fühlen, was bislang nur Vorstellung war. Precht meint, wir kennen die Liebe, bevor sie kommt.

Wie ein Sparmenü

Je mehr wir darüber wissen, um so besser könnten wir damit umgehen. Und vielleicht eines Tages den Tod der Liebe verhindern? Sie bestellen wie ein Sparmenü, prompt geliefert und genauso aussehend wie auf der Abbildung. Ihr Ideal kennen wir zu gut.

Nur wie es erreichen? Scheidungsraten von über 40 Prozent und übersexte Gesellschaften - all die Studien und Bestseller zum besseren Verständnis des anderen Geschlechts können dagegen nur wenig ausrichten.

Über die Liebe kann wenig gesagt werden

Und weil Precht so informiert und ehrlich ist, ist es weder schlimm, sein Buch zu lesen, noch darüber zu schreiben. Und ich behaupte, dass sich das Buch im Spätsommer noch besser liest, als zu seinem Erscheinen im Frühjahr. Denn "Liebe. Ein unordentliches Gefühl" heizt weder Libido noch Paarungswillen an, sondern regt ein tiefes Verständnis über das wenige an, was über die Liebe gesagt werden kann.

Wer nach dieser Lektüre auf "Amerikanische Studien haben gezeigt, dass ..." stößt oder über ein "Wie er sich jeden Tag neu in Sie verliebt" liest - der wird getrost weiterblättern...

"Liebe. Ein unordentliches Gefühl" von Richard David Precht ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro. Es ist zum Beispiel über www.amazon.de bestellbar.








DIE AUTORIN VON BRAINFUCK:
Anne Probst ist ein mediales Multi-Talent. Sie arbeitet als Regisseurin, Fernsehkolumnistin und Autorin. Die studierte Philosophin hat lange in London gelebt und trägt nach eigenen Angaben ihr "Herz im Kopf". Klingt kompliziert? Ist es nicht: Annes journalistische Spezialgebiete sind Emo-Themen. "Eins plus eins ist nicht gleich zwei" sagt sie und geht dieser Ungleichung von Berufswegen auf den Grund. Wo sie ihr Wissen sammelt werden wir nie erfahren, dafür teilt sie ihre Erkenntnisse als Autorin mit fem.com.

29.08.09 - 12:41

 


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Tags:
Liebe, Beziehungsratgeber, Bücher, Kolumne, Brainfuck, Partnerschaft

Kommentare

Die Liebe ist ein unordentliches Gefühl - schreibt der Autor Richard David Precht. fem.com-Kolumnistin Eva Achinger macht sich dazu so ihre Gedanken.

Die Liebe ist ein unordentliches Gefühl - schreibt der Autor Richard David Precht. fem.com-Kolumnistin Eva Achinger macht sich dazu so ihre Gedanken.
 Foto: Bauchgefühl/Photocase

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