Cinema-Therapie

Hollywood, die Apotheke gegen Seelenschmerz

Wenn sich Robert de Niro in "Reine Nervensache" als Gangsterboss bei seinem Psychotherapeuten ausweint, ist das gute Unterhaltung. Wenn Psychotherapeuten im echten Leben ihren Klienten Filme zur Gesundung empfehlen, dann nennt sich dieser neue Trend in den USA "Cinema-Therapy".

Das funktioniert so: Der Therapeut verschreibt seinem Patienten einen Film, von dem er meint, die Handlung, die Charaktere oder die Botschaft haben etwas mit dem Problem des Patienten zu tun. Bei der nächsten Sitzung wird dann darüber gesprochen: "Wir diskutieren über die Personen - mögliche Identifikation, Vorlieben, Abneigungen - und schlagen dann den Bogen zu relevanten Themen im Leben des Patienten. Der Film wirkt so als Katalysator, um zu tiefer liegenden Schichten zu kommen", erklärt der amerikanische Psychotherapeut John Hesley, der in seiner Praxis mit Kinotherapie arbeitet und sogar ein Buch zum Thema geschrieben hat. Durch die Filme - so sein Argument - kommen Klienten "schneller zur Sache". Das ist wichtig, denn in den USA werden von den Krankenkassen lediglich sechs bis zehn Stunden Therapie bezahlt.

Auch wenn diese neue Methode bei deutschen Psychologenverbänden unbekannt ist, so rümpfen die meisten doch diskret ihre Nase, wenn sie davon hören. "Mal wieder so eine verrückte Idee aus Amerika", so der Tenor. "Modischer Schnickschnack", urteilt denn auch Claudia Guderian von der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT): "Durch das Anschauen von Filmen, kann man seine psychischen Probleme nicht lösen. Ein Film kann uns nicht davon befreien, an den eigenen Problemen zu arbeiten."

Ein Statement, das ihre amerikanischen Kollegen nicht bestreiten. Allerdings: Filme setzen in uns Emotionen frei. So gibt es Menschen, die im Kino ihren Gefühlen und Tränen freien Lauf lassen. Im realen Leben verhindern nicht selten vielfältige Blockaden diese Entladung der Emotionen. In den Tränen der "Kinoweiner" fand der Tränenforscher William Frey sogar eine deutlich andere chemische Zusammensetzung als in Tränen, die wir beispielsweise beim Zwiebelschneiden vergießen. Kinotränen ähneln somit echten Tränen, denn sie enthalten Stresshormone, die in Zwiebeltränen nicht enthalten sind.

Andere Filme wiederum machen gute Laune, inspirieren, liefern neue Handlungsmöglichkeiten und frische Ideen. So sind es nicht immer die intellektuell anspruchsvollen Filme, die uns weiterbringen, beobachtete die Psychologin Michaela Köster: "Oft helfen uns gerade Klamaukfilme aus einem kleinen Stimmungstief. Jedoch: Auch ein Eis kann uns manchmal gut tun. Deshalb würde ich noch lange von keiner 'Eis-Therapie' sprechen. Film als Medium hat allerdings seinen Sinn."

Unser Rat: Stellen Sie sich doch eine gut bestückte Videothek als private Notfallapotheke gegen die eine oder andere Widrigkeit des Lebens zusammen. Filme werden individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen, deshalb ist es auch schwierig allgemeingültige Aussagen zu tätigen wie etwa: Schauen Sie sich "Out of Rosenheim" an, wenn Sie etwas Power brauchen.
Natürlich ist Film auch kein Allheilmittel. Bei ernsthaften Erkrankungen der Seele ist eine professionell begleitete Therapie sicherlich die richtige Entscheidung. Jedoch bei momentanen Verstimmungen wirken vielleicht schon die Marx Brothers als Antidepressivum.

Theresia de Jong / Wortwexxel

06.07.08 - 10:22

 


Tags:
Trend, Kino, Psychologie

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Reine Nervensache - Foto: defd

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