Reise-Tipp: Barcelona

Streifzug durch Barcelona

Die katalanische Hauptstadt brilliert in den unterschiedlichsten Rollen. Mal ehrwürdig und leise, mal ausgeflippt und laut.

Text: Verena Haart
Fotos: Egbert Krupp

Es war ihre bislang größte Rolle: An der Seite von Scarlett Johansson und Rebecca Hall spielte Barcelona die dritte Hauptfigur in Woody Allens Film "Vicky Cristina Barcelona". Eine Liebeserklärung an die Stadt, wie der 73-jährige Allen betont. Im Film kommen die beiden Amerikanerinnen Cristina und Vicky für einen Sommer nach Barcelona, entdecken die Stadt und nach zahlreichen romantisch-erotischen Irrungen auch sich selbst. Sie trinken Rotwein im Restaurant Els Quatre Gats, wo einst Pablo Picasso eine seiner ersten Ausstellungen hatte. Sie bewundern die Werke von Architekt Antoni Gaudí, amüsieren sich im Vergnügungspark auf dem Berg Tibidabo und besuchen das Museum Fundació Joan Miró. Doch da ist auch dieses Lied, das den Film wie ein Rahmen umschließt und das der Zuschauer, längst nachdem der Abspann vorbei ist, vor sich hin summt. "Barcelona és poderosa" (Barcelona ist mächtig), haucht eine Stimme immer wieder zu den Flamenco-Rhythmen der Gitarre.

Echten Barcelonern begegnen

Die Stimme gehört Giulia Tellarini. Eine junge Frau um die 30 mit großen, traurigen Augen und kurz geschorenen Haaren. Giulia ist Sängerin und Kopf von Giulia y los Tellarini, einer multikulturellen, achtköpfigen Band. Das Lied "Barcelona" machte die Band bekannt. Ihr Barcelona wird uns Giulia heute zeigen: "Eine Stadt, in der man sich verlieren kann, ohne zu finden", heißt es im Songtext. Wir treffen die Sängerin am vollsten Ort der Stadt, der Rambla, direkt im Zentrum: Straßenkünstler, Kleintierhändler, Blumenverkäufer, Taschendiebe und Touristengruppen lassen sich im Strom der Spaziergänger treiben. "In die Straßencafés hier würde ich mich nie setzen. Das ist reine Abzocke", sagt Giulia, "mit einer Ausnahme, dem Cafè de l’Òpera. Da kann man noch in Ruhe einen Cafè amb Llet (Milchkaffee) trinken und sogar echten Barcelonern begegnen."

Ruhepause am Augustus-Tempel

Sonst ist die Altstadt fest in der Hand der Touristen. Von Jahr zu Jahr kommen mehr. Knapp 6,7 Millionen Urlauber fielen allein 2008 in die Hauptstadt Kataloniens ein. "Fremde Gesichter wandeln durch die Straße", singt Giulia im Song "Barcelona". Von der Rambla sind es nur ein paar Schritte bis ins Gotische Viertel, dem Barri Gòtic. Mit seinen engen und schattigen Gassen ist es ein einziges Freilichtmuseum, für das die Stadtverwaltung Eintritt verlangen könnte. Plötzlich stehen wir vor den Überresten des römischen Augustus-Tempels. Zehn Meter ragen drei korinthische Säulen in die Höhe. Schweigend betrachten wir sie und genießen die Ruhe. Das kleine Schild mit der Aufschrift "Columnes Romanes" an der Eingangstür scheinen viele Touristen zu übersehen.

"Die beste Küche Spaniens"


Unübersehbar sind hingegen die Tapas-Bars, die es in Barcelona an jeder Ecke gibt. Auf der langen Holztheke in der Bar Sagardi Euskal stehen Platten mit Iberischem Schinken, Quiche vom Kabeljau oder Kroketten mit Gambasfüllung. "Euskal bedeutet 'baskisch'. Und die baskische Küche ist die beste Spaniens", erklärt Giulia und legt sich eines der aufgespießten Häppchen auf den Teller. Abgerechnet wird zum Schluss. Der Gast bezahlt pro Zahnstocher. Zu genau nehmen das die Hungrigen allerdings nicht, denn das ein oder andere Holzstäbchen fällt schon mal ungezählt auf den dunklen Holzboden.

In roten Sofas versinken und dem Meeresrauschen lauschen

Wir verlassen die kühlen Gassen der Altstadt und spazieren zum Strand. Vor etwa 20 Jahren gab es hier nichts als Fabriken und stinkendes Gewässer. Doch als die Zusage für die Olympischen Spiele 1992 kam, ließ die Stadtverwaltung die Fabriken verlegen und Tonnen von Sand und Dutzende Palmen herbeischaffen. So entstanden auf einer Länge von 4,5 Kilometern sieben Strandabschnitte. Tagsüber kommen Einheimische wie Touristen zum Baden hierher und promenieren auf dem Passeig Marítim. Nachts strahlt die Leuchtreklame der vielen Clubs, die sich am Strandabschnitt vor dem Port Olímpic aneinanderreihen, in den dunklen Himmel. Zwar wird die Elektromusik dort erst gegen zwei Uhr so richtig laut, und die Tanzflächen füllen sich, doch auf der Terrasse des Shôko können die Gäste schon vor Mitternacht in einem der riesigen, roten Sofas versinken, sich einen Cocktail genehmigen und dem Meeresrauschen zuhören.

Gràcia: das "andere Barcelona"


"Meine Welt sind diese schicken Clubs nicht, deshalb fahren wir in das andere Barcelona, nach Gràcia", sagt Giulia. "Gràcia no és Barcelona" – Gràcia ist nicht Barcelona, lautet der Wahlspruch dieses Quartiers. Bis zur Eingemeindung 1898 war der Stadtteil ein eigenständiges Dorf. Nur selten verirren sich Touristen hierher, die auf Geheiß von Reiseführern einen kurzen Blick in das Viertel wagen. Die Schönheit Gràcias zeigt sich erst auf den zweiten Blick. Keine gotischen Kathedralen oder fantasievollen Gaudí-Bauten versetzen den Besucher in Staunen. Es sind das kreative Flair und die nachbarschaftliche Atmosphäre, die diese Gegend besonders machen. "Hier sprechen die Bewohner noch Català, Katalanisch, und viele Künstler, Bars und Boutiquen haben sich in den Straßen wie der Carrer de Verdi angesiedelt", erklärt Giulia.

Kein Alkohol, dafür allerlei Süßes

An warmen Sommertagen füllen sich die Plätze in Gràcia mit Menschen. Sie ruhen sich in den Straßencafés aus oder lassen sich einfach auf dem Pflaster nieder und trinken ein paar Canyes (gezapftes Bier). Einer der schönsten ist die Plaça de la Virreina mit der barocken Kirche Sant Joan. Ganz in der Nähe liegt Giulias Lieblingslokal, die Bar La Nena. Ein kleines Café, in dem es keinen Alkohol, aber allerlei Süßes gibt. Etwa Xurros amb Xocolata. Das sind längliche, frittierte Gebäckstangen, die in heiße Schokolade getaucht werden. Eines ihrer ersten Konzerte gaben Giulia y los Tellarini ein paar Häuser weiter in dem Club Heliogàbal. Dort trifft sich Barcelonas junge Musikszene und lauscht den Gitarrenklängen von Independent Bands.

Über den Dächern von Barcelona


Um Barcelona in seiner Gesamtheit zu betrachten, erklimmen wir am Ende der Tour den 173 Meter hohen Hausberg Montjuïc. Hier oben befinden sich das Olympiastadion, das Castell de Montjuïc und der Pavillon des deutschen Architekten Ludwig Mies van der Rohe, der anlässlich der Weltausstellung von 1929 erbaut wurde. Einzigartig ist aber der Blick auf die Stadt vom Aussichtspunkt Mirador de L'Alcalde. Lautlos gleiten die Gondeln der Seilbahn Telefèric über den Hafen. Die Straßen und Gassen der Altstadt verschwimmen zu einem Ozean aus Dächern. Alles erscheint so friedlich und ruhig. Wie singt Sängerin Giulia noch in ihrem Lied? "Te quiero, Barcelona." Ich liebe dich, Barcelona.

Den ungekürzten Artikel und weitere Informationen zu Barcelona finden Sie in der aktuellen Ausgabe des ADAC-Reisemagazins "Katalonien". Weitere Informationen finden Sie hier.

07.05.10 - 13:06

 


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Tags:
Reise, Spanien, ADAC-Reisemagazin

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Von der Dachterrasse des Hotels Casa Fuster, dem Mirador del Passeig, bietet sich ein weiter Blick über den Passeig de Gràcia, der - wie der Name verrät - in den Stadtteil Gracía führt, das "andere Barcelona".
 Foto: Egbert Krupp / ADAC Reisemagazin

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