Klettersteige in Graubünden

Treppenhaus der Alpen

Abenteuer Klettersteig: Helm auf, Klettergeschirr an, Karabinerhaken und Seile bereit. Und dann mutig hinein in den Fels. Ein Porträt der drei wichtigsten Klettersteige Graubündens

Der Meilerstein ragt wie der Zeigefingereines Riesen in den Himmel. Eine 100 Meter hohe Nadel aus Kalkgestein. Was für ein Anblick! Und hier soll es weitergehen? "Im Grunde kann jeder geübte Wanderer in die Wand steigen", sagt Kaspar Rhyner, während wir das Klettergeschirr anlegen und unseren Helm aufsetzen. "Familien zum Beispiel kämen ja sonst nie in den Genuss einer solchen Wand." Der Bergführer deutet nach oben. Tatsächlich: 30 Meter über uns hangelt sich gerade ein Paar mit zwei kleinen Kindern nach oben. Eine Bergwand als Alternative zum Familienspaziergang? Ist das nicht gefährlich?

Pinut-Klettersteig: "Es ist, als würde uns der Berg verschlucken"

"Seit Juni 2007 sind mehr als 12.000 Leute über den Klettersteig gegangen. Mit so vielen haben wir nicht gerechnet", sagt Rhyner. Der drahtige Mann mit den grauen Haaren und den zerfurchten Händen, die von seinem Leben als Elektroinstallateur und Bergliebhaber zeugen, ist für die Sicherheit des Pinut-Klettersteigs verantwortlich. Bügel und Seile schimmern in der Sonne, die Besteigung des Flimsersteins ist ein Genuss: Nachdem wir die Einstiegsleitern unter uns gelassen haben, befinden wir uns mitten in der Wand und queren wenige Meter am Meilerstein vorbei nach links bis unter einen Überhang. Wir klettern weiter in eine Höhle. Es ist, als würde uns der Berg verschlucken.

Nach 27 Treppen, 900 Tritten und drei finalen Leitern, die wie ein Z in der Wand hängen, erreichen wir das Plateau des Flimsersteins. Die beiden Kinder beglückwünschen sich mit einem schweizerischen "Tiptop", und ihre Eltern tragen sich ins "Pinutbuch" ein. Die Alpenblumen stehen in voller Blüte, Schmetterlinge flattern über die Wiese.

Mutprobe am Piz Trovat: Die Hängebrücke

Auch am Piz Trovat oberhalb von Pontresina und am Piz Mitgel bei Savognin glitzert das Metall von zwei neuen Klettersteigen. Für den Klettersteig am Piz Trovat ist Bergführer Paul Brunner zuständig. Brunner ist ein kleiner Mann mit Schnauzer, er trägt Jeans, Holzfällerhemd und sagt: "Also ich zwinge niemanden, sich ins Seil einzuhängen, aber besser wäre es eigentlich schon." Der Klettersteig beginnt steil, führt durch kantiges, graubraunes Gestein und flacht danach ab. Auf halber Strecke erreichen wir den Höhepunkt: die Hängebrücke. Und weil hier jeder ein Foto machen will, ist auch der Weg zum "Fotopoint" mit einem eigenen Seil gesichert. Die Bilder der Touristen zeigen die Brücke, die Wand, den Gletscher und in der Ferne den Piz Palü - eine fantastische Aussicht.

Piz Mitgel: "Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich"

Am nächsten Tag am Piz Mitgel bei Savognin, etwa 40 Kilometer nordwestlich vom Piz Trovat: Wir stehen am Fuß der Wand und wollen gerade einsteigen, als ein kräftiger Mann von oben herunterkommt. Es ist Sepp Antona, Bergführer aus Savognin. Vor vier Jahren hat er geholfen, den Steig am Piz Mitgel zu bauen. Und seither ist er für die Instandhaltung mitverantwortlich.

"Im Herbst ziehen wir die Seile ab, im Frühjahr bringen wir sie wieder an und überprüfen alles", sagt er. Unser Blick folgt dem Sicherungsseil über die Wand. Hier haben im Sommer 2005 insgesamt 30 Leute zwei Monate lang getüftelt, gebaut und gebohrt. "Es wurde nur das Nötigste verbaut, also gut 200 Tritte und keine einzige Leiter“, sagt Geni Ballat, der hauptverantwortliche Bergführer. Wer keinen Klimmzug schaffe, so heißt es, komme nicht durch die überhängende Ausstiegsstelle. Nicht zuletzt wegen dieser anspruchsvollen Schlüsselstelle warnt schon weiter unten ein Schild: "Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich".

Wir stehen unentschlossen am Fuß der Wand, 350 Meter unter der Schlüsselstelle. Sollen wir? Aus Westen zieht ein Regenfeld herüber. Obwohl einige Felswände der Berge Graubündens nun auch für Familien zugänglich sind, müssen wir die Gesetze der Natur akzeptieren, unsere Karabiner lösen, das Klettergeschirr ablegen und über die Alm wieder hinab zum Parkplatz wandern. In den Anemonen am Wegesrand sammeln sich Regentropfen. Hochalpine Berge sind eben doch nicht immer ein Kinderspiel.

Text: Andreas Lesti

Informationen zu geführten Klettersteigtouren:
www.bergfuehrergeni.ch
(Klettersteig Piz Mitgel)
www.govertical.ch (Klettersteig Piz Trovat)

Den ungekürzten Text finden Sie in der aktuellen Ausgabe des ADAC Reisemagazins "Graubünden - Deine Welt sind die Berge". Siehe auch: www.adac.de/reisemagazin




27.07.09 - 14:15

 


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Tags:
ADAC-Reisemagazin, Reise

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Die Klettersteige Graubündens sind ein Paradies für Gipfelstürmer.

Die Klettersteige Graubündens sind ein Paradies für Gipfelstürmer. Hier zu sehen: die letzten drei Leitern des Pinut-Klettersteigs.
 Foto: Udo Bernhart; ADAC-Reisemagazin

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