Charity-Shopping
New York Thrift-Shops
Der kleine, warm ausgeleuchtete Thrift-Shop im East Village ist an diesem sonnigen Winternachmittag im Januar sehr gut besucht. Junge, lässige New Yorkerinnen in Chucks und Mützen aus dicker Wolle sehen die Kleiderstangen nach einem flauschigen Cashmerepulli für den sonntäglichen Brunch mit den Freundinnen durch. Zwei Studenten durchforsten Sakkos und Anzüge und hoffen auf ein kaum getragenes Stück eines schlanken, älteren Herren, der seinen exquisiten Kleiderschrank aussortiert hat. Aber auch bedürftige Kunden wie die gebrechliche, alte Dame, die eben zur Tür hereingekommen ist, können sich hier für zwanzig Dollar einen warmen, gebrauchten Wintermantel leisten, der für sie sonst unerschwinglich wäre.
Stöbern lohnt sich
Die Preise für die bunten Cocktailkleider, Mäntel, Schallplatten, Möbel, Vasen oder gar Porzellan-Geschirr sind in den hier in New York so beliebten Thrift-Shops extrem niedrig. Neben der obligatorischen Auswahl an Secondhand-Kleidung werden auch günstige und qualitativ hochwertige Teile angeboten. Ein T-Shirt von Gap gibt es hier bereits für fünf Dollar, und selbst einen schicken Nerz-Mantel kann man hier für weniger als 300 Dollar ergattern. Wer nicht auf Pelz steht, der greift für ca. 80 Dollar zum schwarzen Zweireiher von Christian Dior oder einem klassichen Jil-Sander-Kostüm für etwa 50 Dollar. Mit seinem Frühe-90er-Jahre-Look könnte es tatsächlich noch ein von der Designerin selbst entworfenes Stück sein.
Sicher, manches ist inzwischen nicht mehr ganz á la mode, doch viele klassische Kleider und Mäntel der Jackie O.-Ära sind im Grunde nie aus der Mode gekommen und haben dank ihrer hochwertigen Stoffqualität die Jahre in gut gepflegten Kleiderschränken tadellos überdauert, bevor sie gespendet worden sind.
Donated Goods
Dass die Thrift-Stores Möbel, Kleidung, Schuhe, Bücher, Schallplatten, Bilder und Hausrat für wenig Geld abgeben können, liegt zum einen daran, dass die Läden so genannte "donated goods" verkaufen - Spenden von Privatleuten oder Restposten an Designerware, die den Läden umsonst überlassen wurden. Zum anderen arbeitet ein Großteil der Mitarbeiter in den Thrift-Shops unentgeldlich.
Die meisten Verkäufer sind "volunteers". Sie arbeiten in ihrer Freizeit ehrenamtlich im Thrift-Shop, beraten dort Kunden, sortieren Ware ein und packen mit an, wenn eine sperrige Kommode aus der hinteren Ladenecke zur Kasse getragen werden muss. Weil sie ihre Arbeitskraft freiwillig zur Verfügung stellen, sind die Personalkosten sehr niedrig und die Einnahmen aus den Verkäufen kommen nahezu vollständig dem Fonds zugute, für den der jeweilige Shop sammelt.
Shoppen für den guten Zweck
So unterstützt die Stiftung "Housing Works" mit ihrer in New York sehr populären Thrift-Store-Kette die Aids-Forschung. Der "Memorial Sloan-Kettering-Cancer-Center-Thrift Shop" sammelt - der Name sagt es schon - für eine Krebsstiftung. Und der "City Opera Thrift Shop" nutzt die Einnahmen schlicht für sich selbst: Mit dem Gewinn werden neue Kostüme für künftige Opern-Produktionen finanziert. Dass betuchte Opernfans hier neben abgelegten Gala-Roben auch antike Kinderkrippen, Lampenständer und Kristallvasen abgeben, ist in New York längst kein Geheimnis mehr.
Auch die Heilsarmee unterhält Thrift-Stores in New York. Diese Läden sind oftmals nicht so aufgeräumt und gut sortiert wie andere Wohltätigkeits-Shops, doch wer sich für freakige Skijacken aus den Siebzigern interessiert und ein wenig Geduld mitbringt, um sich durch die Kleiderberge zu wühlen, wird mit Sicherheit einen originellen Fund nach Hause tragen. Die Amerikaner sammeln auf diesem Weg seit vielen Jahren erfolgreich Geld für Kinderheime und Obdachlosenunterkünfte, für Kirchen, Tierheime und andere Bedürftige.
Über den großen Teich
Entstanden sind die ersten Thrift-Stores jedoch nicht in den USA, sondern während des 2. Weltkriegs in England. Dort hatte das Rote Kreuz Läden eröffnet, in denen Gespendetes für einen geringen Betrag erstanden werden konnte. Allerdings nur unter der Bedingung, dass es nicht woanders teurer weiterverkauft werden dürfe.
Die Einnahmen gingen direkt an den Fonds des Roten Kreuzes, aus dem man während und nach dem Krieg unter anderem Notaufnahmen gründete oder die medizinische Versorgung von Verwundeten in Krankenhäusern und Genesungsheimen bezahlte.
Während sich die karitativen Thrift-Shops in England und Amerika nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen, werden Designerstücke in Deutschland zumeist an einfache Secondhand-Läden oder über das Internet verkauft. Der Thrift-Shop-Kult ist hier noch nicht ganz angekommen. Schade drum, denn es soll sogar schon eine erstklassige Hermès-Kelly-Bag aus einem New Yorker Thrift-Shop getragen worden sein - vermutlich wird sie keine 50 Dollar gekostet haben.
Melanie Petersen
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New York, Shopping, Trend, Aids, HIVKommentare

In New Yorks Thrift-Stores finden sich jede Menge Secondhand-Schätze.Foto: iStockphoto












