Aufräum-Profi im Interview

Abenteuer Ausmisten

Wie therapeutisch wirkt Ausmisten, wieso stärkt es unser Selbstvertrauen, und was brauchen wir wirklich? Aufräum-Coach Clemens Neuhauser kennt die Antworten.

Vor einem Jahr trennte sich Clemens Neuhauser von seinem bisherigen Beruf als Architekt. Seither unterstützt er als Aufräum-Profi Menschen professionell dabei, zwischen wichtigen und unwichtigen materiellen Besitztümern zu unterscheiden - und sich von letzteren zu trennen. Welche psychologischen Dimensionen dieser Prozess hat, erfahren Sie im fem.com-Interview:

Wie kam es dazu, dass Sie sich als Aufräumcoach selbständig gemacht haben? Üben Sie diese Beschäftigung hauptberuflich aus?

Bei einem Umzug vor zehn Jahren habe ich mich von einem großen Teil meines Besitzes getrennt. Ich machte eine Bestandsaufnahme und sortierte mich neu. Das Ausmisten war abenteuerlich und außerordentlich befreiend.
Das Experiment hieß: was brauche ich wirklich zu meinem neuen Leben in der halb so großen Wohnung? In der Folgezeit stellte ich fest, dass es in meinem Bekanntenkreis einige Menschen gab, die sich in ihrem Wohnumfeld durch Unordnung oder zu viele und unangenehme Dinge belastet fühlten. Oder auch einfach nur Probleme haben, Strukturen zu schaffen, in denen Ordnung erst möglich ist. Vor einem Jahr wagte ich dann den Schritt meinen Unterhalt mit Aufräumen zu verdienen.

Wer nimmt Ihre Dienste in Anspruch?

Menschen, die meine Unterstützung in Anspruch nehmen sind in einer Umbruchphase. Scheidung, berufliche Neuorientierung, neuer Lebensabschnitt auf Grund von Alter, Krankheit, Krise. Alle wissen, dass sie aus ihrer jetzigen Situation herauswollen, wohin es genau gehen soll, ist manchmal noch nicht ganz klar. Aufräumen kann dabei zu mehr Klarheit verhelfen. Es ist ein gutes Vehikel, um sich seinen Wünschen und Bedürfnissen anzunähern.
Meine Kunden haben Leidensdruck und sind offen für Neues, sie wollen etwas bewegen. 90 Prozent meiner Klienten sind Frauen. Frauen fällt es leichter, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen und diese dann in Anspruch zu nehmen. Sie sind offener für Neues, kommunikativer und nehmen mehr Spielraum für sich in Anspruch als Männer.

Wieviele Wohnungen "entschlacken" Sie im Durchschnitt pro Woche?

Manche Kunden benötigen nur wenig Anstoß, um Fahrt aufzunehmen. Manche Kunden brauchen mehr Feedback und aktive Auseinandersetzung.
Dann ist es hilfreich, die Gegenstände einzeln in die Hand zu nehmen um gemeinsam deren Bedeutung und Wert zu begreifen. Wenn man um den wahren Wert seines Besitzes weiß, kann man souveräner damit umgehen.
In der Regel verbringe ich zwischen zehn und 130 Stunden mit meinen Kunden.

Was bedeutet Besitz für Sie?


Besitz soll mein Leben bereichern. Besitz ist ein Werkzeug, um mein Leben so zu gestalten, wie ich es mir wünsche. Nicht mehr, nicht weniger. Ich weiß, dass ich mich dem Einfluss der Dinge, mit denen ich mich umgebe, nicht entziehen kann. Deswegen achte ich darauf, nicht zuviel zu haben. Das, was ich brauche, gestalte ich so einfach und bewusst wie möglich.

>> Warum wir uns von Dingen, die wir nicht mehr brauchen oft nur schwer trennen können, und warum wir diesen Schritt wagen sollten, lesen Sie im zweiten Teil des Interviews.

26.06.09 - 09:04

 


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Tags:
Aufräumen, Ordnung, Psychologie    
     

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"Ausmisten ist eine gute Strategie, sich seinen Wünschen und Bedürfnissen anzunähern", sagt Aufräum-Coach Clemens Neuhauser.Foto: iStockphoto

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