Werkschau in Edinburgh – Gnadenlose Selbstentblößung: 20 Jahre Tracey Emin

Donnerstag, 28.08.2008

Ihre Kunst ist provokant, anstößig, exhibitionistisch. Die National Gallery of Modern Art in Edinburgh widmet der Künstlerin Tracey Emin eine schwer verdauliche Retrospektive.
Der Guardian bezeichnete die Ausstellung "Tracey Emin: 20 Years" als tätlichen Überfall. Ein angemessener Vergleich: Emins Arbeiten rufen in ihrer selbstentblößenden Direktheit physisches und psychisches Unwohlsein hervor. Nicht ohne Grund warnt man in der National Gallery of Modern Art in Edinburgh, dem Tatort des künstlerischen Übergriffs: "Die Ausstellung enthält Arbeiten expliziten Inhalts. Zutritt für Personen unter 16 Jahren nur in Begleitung von Erwachsenen erlaubt".
Wer sich trotz oder gerade wegen dieser Warnung für einen Besuch entscheidet, sollte mit Leidensfähigkeit oder einer guten Portion abseitigen Humors ausgestattet sein, denn es gibt kein Entrinnen... am eigenen Leibe erfahrene Qualen wie Missbrauch, Krankheit, Abtreibung sind - neben Sex der eher herben Art - Leitmotive der 45-jährigen Britin; In "The Week from Hell" verarbeitet sie die Geschehnisse an sechs aufeinanderfolgenden Tagen des Jahres 1995: Emin wird unter anderem von den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums, Durchfall, Brechattacken, einem eitrigen Zahn und schließlich dessen Entfernung gepeinigt und lässt den Betrachter mit handgeschriebenen Leidensberichten und der Zurschaustellung ausgewählter forensischer Beweisstücke teilhaben.
Ähnlich befremdlich: ein beflecktes Laken, mit dem Emin an einen traumatischen Vorfall während einer Klassenreise erinnert: Die Skifreizeit ging Klein-Tracey so sehr an die Nieren, dass sie zur Bettnässerin wurde.
In die Reihe der Körperflüssigkeits-Kunst fügt sich auch Emins bis heute bekanntestes Werk ein: Die Installation "My Bed" aus dem Jahre 1999 zeigt das Bett der Künstlerin - in dem Zustand, den es aufwies, nachdem Emin im Zustand schwerster Depressionen mehrere Tage darin vor sich hin vegetiert hatte - unübersehbar getragene Slips inklusive. Kunstsammler Charles Saatchi erstand dieses deprimierende Zeugnis einst für 150 000 Pfund. Seine Begeisterung ging sogar so weit, dass er "My Bed" von Emin in einem Zimmer seines damaligen Anwesens aufbauen ließ. Auch bei der aktuellen Ausstellung nahm sie die Anordnung der verschiedenen Bestandteile des Werks wie immer persönlich vor.
Eine andere berühmt-berüchtigte Arbeit fehlt jedoch in der Retrospektive: "The Tent" oder "Everyone I have Ever Slept With - 1963-1995". Emin beschriftete die Wände eines blauen Zeltes mit den Namen aller, die im Laufe von 32 Jahren das Bett mit ihr teilten. 2004 fiel es einem Feuer zum Opfer. Das Angebot Saatchis, es für eine Million Pfund zu rekonstruieren schlug Emin aus, mit der Begründung, es sei unmöglich, da sie sich heute ganz anders fühle als damals.
Ein Statement, das sich in ihrer Kunst nur teilweise widerspiegelt; Genauso wie zum Beginn ihrer Karriere kreist Emin nach wie vor um sich selbst und den ganz persönlichen Horror ihres Lebens. Mal zornig, mal sentimental, mal voller Selbstmitleid. Jedoch noch immer mit einer Intensität, die dem Betrachter alles abverlangt.
Tracey Emin: 20 Years in der Scottish Gallery of Modern Art in Edinburgh dauert noch bis zum 9. November. Weitere Informationen unter: www.nationalgalleries.org

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