Wandern in den Pyrenäen – Hang zum Drama

Donnerstag, 13.05.2010

Untrainiert, aber mit einem guten Freund an der Seite, unternahm Sebastian Glubrecht eine 6-Tage-Tour durch die Pyrenäen - gewagt, wie er feststellen musste.

Text: Sebastian Glubrecht/ ADAC reisemagazin

Fotos: Enno Kapitza/ ADAC reisemagazin


Vorweg: Ja, ich wollte ein Abenteuer erleben. Eine mehrtägige Bergwanderung durch fremdes Terrain schien mir dessen ursprünglichste Form zu sein: Man zieht mit einem guten Freund hinaus in die Fremde, stellt sich einer Herausforderung, findet neue Gefährten, besiegt den ärgsten Feind und durchläuft eine Katharsis. So will es die klassische Dramentheorie. Aber wie sieht so etwas in der Praxis aus? Es gibt einen Weg, das herauszufinden: den Carros de Foc. Er verläuft durch den einzigen Nationalpark Kataloniens, den Aigüestortes i Estany de Sant Maurici in den spanischen Pyrenäen, ist 62,7 Kilometer lang und führt über insgesamt 9.700 Höhenmeter rauf und runter.

Hannibal hat auch nicht geübt, bevor er die Alpen überquerte

Wer ihn absolviert und sich bei jeder der neun Refugis, Schutzhütten, auf dem Weg einen Stempel holt, bekommt ein braunes T-Shirt, auf dem "Carros de Foc Finisher"steht. So eines hätte ich auch gern. Ich bin aus Norddeutschland nach Bayern gezogen und war in den vergangenen sieben Jahren bloß zweimal in den Bergen. Aber Hannibal hat schließlich auch nicht geübt, bevor er die Alpen überquerte - und der hatte noch Elefanten dabei. Ich dagegen glaube, dass man für so eine Tour drei Dinge braucht: Zeit, gute Kleidung und einen Freund. Mein Kumpel Enno ist genau der richtige Begleiter für so eine Reise - nicht etwa, weil er als Fotograf eh der beste Freund des Reporters ist, auch nicht, weil er fast jedes freie Wochenende in den Bergen verbringt, sondern weil ich mit ihm sowohl reden als auch schweigen kann. Jetzt, beim Abstieg im Schneesturm, schweigen wir viel. Wer hätte gedacht, dass es Mitte September in den sonnigen Pyrenäen schneit?

Kein Empfang, keine Chance, Hilfe zu holen

Tag 1: Wir wandern seit zehn Stunden, fünf davon über Geröllfelder mit mannshohen Felsbrocken, den Rest durch Schlamm und Pfützen. Meine Beine zittern vor Erschöpfung und Kälte, meine drei Liter Wasser habe ich längst getrunken. Ab und zu bleibe ich stehen und schöpfe Regenwasser aus einem der Rinnsale. Es dämmert. Ich denke an meine Tochter und daran, dass ich es für sie zurück nach München schaffen muss. Auf meinem Handy habe ich ein Foto von ihr gespeichert. Empfang haben wir hier nicht - keine Chance, Hilfe zu holen. Ich schlage Enno vor, das Abenteuer morgen abzubrechen und in ein Thermalbad zu fahren. "Das entscheiden wir beim Frühstück", entgegnet er. Eine halbe Stunde später erblicken wir die rettende Refugi d’Estany Llong.

Fast-Stierkampf und Teeküche auf 2.600 Meter

Tag 2: Am nächsten Morgen leuchtet der Himmel zu blau, als dass wir den Tag mit einer Kapitulation beginnen könnten. Der Geruch von Fichten, feuchter Erde und Blaubeeren steigt mir in die Nase und lenkt vom Muskelkater ab. Die Natur scheint freundlich, nur einmal steht ein Bulle mit spitzen Hörnern auf dem Weg und starrt feindselig meine rote Jacke an. Ich entscheide mich gegen den Stierkampf. Ein paar Stunden später, nach einem erneuten Aufstieg auf 2.600 Meter, begegnen wir zwei etwa 40-jährigen Frauen, die mitten auf dem Pass Tee kochen.

Muskelkatertherapie mit Akupunktur und Moxakraut

Die Engländerin Ruth lebt als Köchin auf Ibiza, Lynne ist Designerin und kommt aus Kapstadt. Wenig später treffen wir noch Angelika, eine Berliner Heilpraktikerin, die in Jeans und ausgelatschten Turnschuhen ein erstaunliches Tempo geht. Abends in der Refugi de Colomina behandelt sie meinen Muskelkater mit Räucherstäbchen, Akupunktur und Moxakraut. Danach gibt es Bratwurst, wie gestern. Nach dem Essen spielen wir Karten und trinken Rotwein. Die Musik kommt von den Dire Straits, wie auf einer Jugendfreizeit für Erwachsene.

Die erste Dusche seit drei Tagen

Tag 3: Morgens tobt ein Schneesturm. Aufstehen um sieben, ein Frühstück, karg wie das Leben hinter der Baumgrenze: Zwieback, Kekse und ein Muffin, dazu schwarzer Kaffee. Wir beschließen, mit Ruth und Lynne zusammen weiterzugehen. Angelika müssen wir zurücklassen. Sie würde mit ihren ausgelatschten Schuhen nicht weit kommen. Allein würden die beiden den Weg wahrscheinlich nicht finden, denn Markierungen, wie sie der Deutsche Alpenverein setzt, sind auf dem Carros de Foc die Ausnahme. "Der Weg verläuft durch ein Naturschutzgebiet", hat Veranstalterin Stephanie Soop erklärt. Der Orientierung dienen kleine Steinhäufchen, sogenannte Steinmanderl, die jetzt unter 20 Zentimeter Schnee versteckt liegen. Abends in der Refugi J. M. Blanc stellen wir die durchnässten Schuhe so nah ans Feuer, dass das Gummi qualmt. Dann nehme ich meine erste Dusche seit drei Tagen. Zum Abendbrot gibt es Bratwurst mit Dire Straits.

Malerisch verdorrte Fichten

Tag 4: Morgens erwarten uns eine große Espressomaschine, ein Fließband-Toaster und strahlend blauer Himmel. Meine Beine wollen wandern. Hinter jedem Pass liegen Seen, deren Wasser so klar ist, dass wir den Grund erkennen können, Enno sieht Fische, Ruth entdeckt auf einem Felsen ein Murmeltier. Am blauen Himmel kreisen Adler über einer Bergkuppe. Der Weg führt vorbei an malerisch verdorrten Fichten und lässt erahnen, wie traumhaft hier der Sommer sein muss. Nach einer Stunde Wandern werden die Steinmanderl weniger und verschwinden schließlich.

Stechender Schmerz im rechten Knie

Enno wirkt unsicher, will vorgehen, um zu schauen, ob hinter der nächsten Bergkuppe ein Weg verläuft. Früher hätte ich mich als Laie nie in die Navigation von Profis eingemischt. Jetzt plädiere ich dafür, zur letzten Markierung zurückzukehren, auch wenn uns das wertvolle Zeit kostet. Enno hört auf mich. Wir finden den Weg wieder, und ich werde von allen Seiten für Vernunft am Berg gelobt. Nach einem dreistündigen Abstieg durchs Geröll fährt ein stechender Schmerz durch mein rechtes Knie. Das Bein lässt sich nicht mehr durchdrücken. In der Refugi Ernest Mallafré fragt Enno, ob wir abbrechen sollen. Ich schüttele den Kopf. Es fehlen nur noch vier Stempel.

Alles, was zählt, ist der nächste Schritt

Tag 5: Ich gehe an Stöcken. Enno und ich haben uns von Lynne und Ruth verabschiedet, sie mussten ihren Flieger kriegen. Nun reißen wir wieder Männerwitze, reden über Sachen, die ich hier nie aufschreiben würde. Bergkameraden sind wir. Ich trage einen Bart, alles, was zählt, ist der nächste Schritt. Eine kleine Herde Gämsen kreuzt unseren Weg, ein Jungtier posiert für Enno in sicherer Entfernung auf einem Findling. Mit dem einsetzenden Regen kommen wir in der Refugi de Saboredo an.

Wie ein neuer Mensch

Tag 6: Trotz Regen und Schnee brechen wir auf. Meinem Knie geht es wieder besser, und wir müssen Strecke machen. Xavi hat uns Brote mit Tortilla mitgegeben. Nach neun Stunden kommen wir im Regen in der Restanca an, der ersten und letzten Hütte. Ich fühle mich wie ein neuer Mensch: gesünder, kräftiger, widerstandsfähiger. Termine, Jobs und Fernsehen liegen so weit hinter mir, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann.

Die Trophäe: leider viel zu groß

Einen Feind habe ich bei diesem Abenteuer definitiv besiegt: meinen inneren Schweinehund. Und die Trophäe? Leider haben wir die Finisher-T-Shirts nur noch in Größe XXL", sagt die Hüttenwirtin. Viel zu groß. Nach sechs Tagen Wanderung muss ich meinen Gürtel eh schon zwei Löcher enger schnallen. Wir sollen uns die Shirts aus dem Büro in Vielha holen. Eines hat mich der Carros de Foc gelehrt: Hier kann jeden Moment alles passieren.

Epilog: Im Büro in Vielha erkundigt sich ein Tourist aus Israel nach dem Wetter oben in den Bergen. "Schön", sagt die Dame hinter dem Computer. "Vielleicht ein bisschen Regen. Aber kein Problem."

Den ungekürzten Artikel und weitere Informationen finden Sie in der aktuellen Ausgabe des ADAC-Reisemagazins "Katalonien".

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Wandern in den Pyrenäen.

Bergkameraden sind wir: Wanderer am See Estany Tort de Peguera vor den Gipfeln des Montanyó und des Pic de la Mainera (2.904 Meter).

 

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Hang zum Drama
Untrainiert, aber mit einem guten Freund an der Seite, unternahm Sebastian Glubrecht eine 6-Tage-Tour durch die Pyrenäen - gewagt, wie er feststellen...
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13.05.2010 11:03
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