Segeln rund um Mallorca – Viel Wind um eine Insel

Mittwoch, 10.03.2010

Für spektakuläre Ausblicke vom Land aufs Meer ist Mallorca berühmt. Wir haben die Perspektive gewechselt. Und segelten einmal rund um die Insel.

Text: Katja Frisch

Beinah wäre er ertrunken, unser sechster Mann. Gleich auf der ersten Etappe geht er über Bord und treibt im nachtschwarzen, welligen Meer. Übers Deck robbend, versuche ich, ihn mit dem langstieligen Bootshaken zu fassen zu kriegen. Skipper Udo lenkt das Segelboot in endlose Kreisel, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Der Rest der Besatzung läuft hektisch an Deck auf und ab und versucht zu helfen. Erst im fünften Anlauf gelingt es mir, den Schiffbrüchigen über die Bordwand zu ziehen. "Da seht ihr", sagt Udo und macht ein zufriedenes Gesicht, "wie wichtig es ist, dass eine Crew Mann-über-Bord-Manöver übt." Dann räumt er den geretteten Plastikkanister wieder in die Backskiste.
Bücher gegen Langeweile, Tabletten gegen Seekrankheit
Fünf Leute sind wir, alle in einem Boot. Unser Vorhaben: eine Mallorca-Umseglung. Unsere Vorstellungen: ziemlich unterschiedlich. Alicia ("Meine einzige Berührung mit Schiffen war eine Schlauchbootfahrt auf dem Baggersee") hat stapelweise Bücher gegen die Langeweile dabei. Marco ("So ein Schiff schaukelt ganz schön") Tabletten gegen Seekrankheit. Nur Philipp und ich, beide Regattasegler, ahnen, was auf uns zukommt, als wir über die Gangway unsere schwimmende Ferienwohnung betreten: die Vino Tinto, eine 13 Meter lange Bénéteau Océanis, gechartert für eine Woche. Unser Chef in dieser Zeit: der erfahrene Bootsführer Udo aus Bremen, 62. Hauptberuflich Architekt.
Palma–Port d’Andratx: Die Luft schmeckt nach Süden
Noch drei Stunden bis Port d’Andratx. Eine Delfinfamilie begleitet uns eine Seemeile. Wie zum Gruß ragen immer wieder Rückenflossen aus dem Wasser. Udo erteilt seiner Mannschaft eine weitere Lektion: "Fallen sind die Leinen, die senkrecht am Boot verlaufen, Schoten jene, die waagerecht verlaufen. Alles klar?" Alicia zieht wortlos den Gurt ihrer Rettungsweste enger, von allen anderen Leinen lässt sie aber vorerst lieber die Finger. Um 23 Uhr laufen wir in den Hafen von Andratx ein. Von den Hängen der Bucht blinzeln vereinzelte Lichter in die Dunkelheit. Die dazugehörenden luxuriösen Anwesen werden wir erst anderntags sehen. Wir atmen die Stille der Nacht, die Luft schmeckt nach Süden. Wir sind angekommen.

Minuten werden zu Stunden
"Ententeichwetter!", schimpft Udo, der am Morgen als Erster den Kopf durch die Luke streckt und aufs glatt gebügelte Meer schaut. Seine Stimmung hebt sich, als es aus der Kombüse nach Rührei mit Speck und Kaffee riecht. Als wir den Hafen verlassen, kräuselt sich das Wasser leicht. "Wann klappen wir denn jetzt das Segel aus?", fragt Marco. Udo verzieht schmerzvoll das Gesicht. "Das heißt Segel setzen oder meinetwegen den Lappen raufziehen", brummt er. Kein Schiff am Horizont. Nichts zu sehen außer den Möwen und der zerklüfteten Steilküste. Für mich beginnt eine neue Zeitrechnung. Minuten werden zu Stunden und sind doch niemals langweilig. Selten war Nichtstun eine so intensive Beschäftigung. Auch Alicia ist so gefesselt vom Meer, als sei es die Leinwand, auf der der neueste "James Bond" gezeigt wird.
Auf "Schweineohren"-Kurs nach Port de Sóller
"Willst du mal?" Udo schaut Marco an und deutet auf das Steuerrad. Zögerlich übernimmt Marco. Anfangs fahren wir noch "Schweineohren": Schlangenlinien, wie jeder Anfänger sie ins Meer zeichnet. Doch bald hat Marco den Unterschied zwischen Anluven und Abfallen verstanden. Und trotz hochkonzentrierten Blicks deutet sich auf seinen Lippen ein Lächeln an. Am frühen Abend erreichen wir unser Ziel: Port de Sóller. Das Hafenstädtchen, rund 2700 Einwohner, ist berühmt für die Straßenbahnlinie zum drei Kilometer entfernten Hauptort Sóller. Offene Holzwaggons aus dem Jahr 1913 rumpeln vorbei an üppigen Orangen- und Zitronenhainen. Wir machen unsere eigenen Entdeckungen. "Schwankt ihr auch so?", fragt Marco. Alle nicken. Wir schwanken wie angetrunkene Matrosen über festen Boden, um die innere Wellenbewegung auszugleichen. Wir haben begonnen, uns dem Meer anzupassen.
Abendessen unter vollen Segeln
Unsere längste Etappe steht an: 35 Seemeilen sind es nach Port de Pollença. Der "Treffpunkt der Winde", wie man das Cap de Formentor auch nennt, zeigt sich heute von seiner sanften Seite. Die steilen Felsen leuchten orange-rosa in der Abendsonne. Auf der Landspitze steht einsam der Leuchtturm. Auf der kurvenreichen Straße zum beliebten Aussichtspunkt herrscht in der Hochsaison Dauerstau. Alicia erinnert sich, dass sie als Kind mit ihren Eltern genau dort im Auto unterwegs war: "Damals habe ich die Leute auf den Segeljachten beneidet." Ja, wir erleben die Insel aus einer exklusiven Perspektive. Als wir unter vollen Segeln das Abendessen servieren, setzt schon die Dunkelheit ein. 39 Euro kostet die Nacht im Hafen Port den Pollença für ein Schiff mit fünf Personen. Die Gebühr treibt der freundliche Hafenmeister ein. Die meisten seiner Gäste kämen aus Deutschland, erzählt er. "Ich sollte endlich mal Deutsch

Erlahmendes Shopping-Interesse
 
Halbzeit unseres Törns, Zeit für den ersten längeren Landgang. Der öffentliche Bus bringt uns ins etwa drei Kilometer entfernte Pollença. Die Hitze macht uns träge. Wir schleichen durch die schöne Altstadt mit ihren sandsteinfarbenen Häusern, über die weitläufige Plaça Major, räudige Katzen queren unseren Weg. In einem Straßencafé unter Schatten spendenden Bäumen strecken wir die Füße aus. Alicia und ich machen noch einen halbherzigen Shopping-Versuch, aber bald erlahmt unser Interesse. Mag sein, dass es an den 33 Grad liegt. Oder daran, dass wir schon ein bisschen in einer anderen Welt leben.
Übernachtung im "Päckchen liegend"
 
Wir verlassen den Hafen von Pollença in den frühen Abendstunden. Großsegel setzen, Philipp legt das Fall über die Winsch, Alicia und ich helfen ihm beim Ziehen, und Marco hält das Steuerrad fest. Udo schaut zufrieden zu, die Handgriffe sitzen. Bei Ostwind mit Stärke zwei bis drei segeln wir bis zur Cala Mesquida, wo uns ein lang gezogener Sandstrand an Land lockt. Sonnenschirme und Tretboote lassen ahnen, was hier noch vor ein paar Stunden los war. Schon in der Hafeneinfahrt von Cala Rajada wird klar, welche Art von Nacht uns hier erwartet. Am Ufer kleben die Bars aneinander und wetteifern darin, deutsche Schlager aus den Lautsprechern dröhnen zu lassen. Wir finden keinen Liegeplatz direkt am Steg, müssen im "Päckchen liegen", also an anderen Booten festmachen.
Zu gut gebräunte Deutsche um die 40
Philipp überredet uns, dem Nachtleben von Cala Rajada eine Chance zu geben. Im Chocolate, einer Bar mit riesiger Terrasse, sitzen ein bisschen zu gut gebräunte Deutsche um die 40, sortiert in Männer- und Frauengrüppchen. Trotz Caipirinha werde ich das Gefühl nicht los, hier fremd zu sein. Während die anderen halbherzig weiterziehen, steige ich zurück in die Koje. Dankbar für die Stille dort, lasse ich mich von der Vino Tinto in den Schlaf wiegen.
Wie im Film "Die blaue Lagune"
Gleich nach dem Frühstück haben wir Kurs genommen auf die Cala Petita am mittleren Ostufer. Nur zwei Boote passen in die beliebte Bucht, in der das Meer türkis leuchtet. Dank Udo, der uns zur Eile angetrieben hat, ist die Vino Tinto jetzt eines davon. Wir fühlen uns wie im Film "Die blaue Lagune". Philipp hat sich mit Büroklammer und Takelgarn eine Angel gebastelt und starrt nun aufs klare Wasser. Doch weder Brot noch Salami ködern die erhoffte Beute. Dann gibt es heute eben Nudeln zum Mittagessen.
Fischer präsentieren ihre teils noch zappelnde Ware
Landgang in Cala Figuera, Vorräte einkaufen. Die Einfahrt ist eng, dann aber öffnet die Bucht sich weit und gibt den Blick auf den Ort frei. Während wir an der Gästemole festmachen, kommen Fischer an Land und präsentieren ihre teils noch zappelnde Ware. Wir entscheiden uns aber für eine Tapas-Bar und genießen Aioli und Datteln im Speckmantel und die herrliche Aussicht auf die Bucht. Der angekündigte Südwind bleibt aus, wir können wie geplant ankern. Den richtigen Platz zu finden ist nicht so einfach. Das Wasser darf nicht zu tief sein, damit der Anker gut hält. Andererseits müssen wir aufpassen, nicht auf Grund zu laufen. Als wir dann endlich sicher vor Anker liegen, braten wir frische Brassen und verfüttern die Gerippe an kreischende Möwen.


Udo schreit: "Schwimmwesten an!"
In der Nacht war das Meer unruhiger als erwartet. Um nicht in der Koje von einer Seite zur anderen zu kullern, musste man sich mit den Füßen an der Bordwand abstützen. Der Wind treibt die Wellen so heftig vor sich her, dass sie Schaumkronen tragen. Die Segel schlagen hin und her, die Schoten ächzen, Udo schreit: "Schwimmwesten an!" Wacker stampft sich die Vino Tinto durch die Wellen in Richtung Palma. Wir peilen direkt die Kathedrale an. "Segeln macht süchtig", entfährt es Marco. Wohin er die Tabletten gegen Seekrankheit gepackt hat, hat er längst vergessen. Wir lassen S’Arenal rechts liegen. Ein letztes Mal sitze ich auf der Bordkante, lasse Seele und Füße baumeln. Alicia übt Knoten, Palstek, Webleinstek, alle wichtigen hat Udo uns beigebracht. Das Lesezeichen im Buch neben ihr steckt auf Seite 16.

Den ungekürzten Artikel finden Sie im ADAC-Reisemagazin "Mallorca - Mehr als eine Insel".

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10.03.2010 18:11
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