Richard Avedon Retrospektive – "Bilder ohne Menschen kann ich nicht"

Donnerstag, 08.01.2009

Er war einer der bekanntesten Modefotografen seiner Zeit. Doch sein Herz gehörte der Arbeit jenseits von Glanz und Glamour.

"Ich habe zwischen der Modefotografie und dem, was ich meine eigentliche Arbeit nenne, immer unterschieden. Mit Mode verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Ich will das nicht abwerten. Es macht viel Freude, sich so zu ernähren. Aber eine viel größere Genugtuung bereiten mir die Porträts." (Richard Avedon)
"Modefotos, die nicht wie Modefotos aussehen"
Avedons rund sechzig Jahre währende fotografische Laufbahn begann während seiner Militärzeit bei der US-Handelsmarine. Mit einer Rolleiflex-Kamera - einem Geschenk seines Vaters - fertigte er Tausende von Porträts von Marineangehörigen für deren Dienstausweise an. Dem gestalterischen Prinzip, Menschen am liebsten vor neutralem, hellem Hintergrund zu porträtieren, blieb er bis zum Ende seines Lebens treu. Ansonsten war sein Werk stets von der Lust am Experimentieren und der Suche nach neuen fotografischen Ausdrucksformen geprägt. "Ich mag Modefotos, die nicht wie Modefotos aussehen", befand Avedon. Er brachte Bewegung in die steife Ästhetik der Fashion-Fotografie. Seine Models durften springen, tanzen, ihre Haare fliegen lassen. Als einer der ersten Fashion-Fotografen lichtete er sie auch außerhalb des Studios ab, auf der Straße oder auch im Elefantenstall eines Pariser Zirkus. Models wurden mehr als nur Kleiderpuppen, er machte sie zu Schauspielerinnen, aktiven Beteiligten der Inszenierung.
Darling der Schönen und Reichen
Die Modefotografie machte ihn berühmt, öffnete ihm die Türen, machte ihn selbst zum Star. Über die Jahre schuf er ein umfangreiches Portfolio an Porträts von Künstlern, Staatsmänner, Schauspielern und Schauspielerinnen. Marilyn Monroe, Audrey Hepburn, Brigitte Bardot, Humphrey Bogart und Charlie Chaplin standen vor seinem Objektiv, genauso wie die Schriftsteller Karen Blixen und Truman Capote oder hochrangige Politiker wie Henry Kissinger oder Dwight D. Eisenhower.
Hautnah dabei: Civil Rights Movement und Vietnamkrieg
Parallel dazu entstand ab den 40er Jahren ein journalistisch-dokumentarisches Werk fernab der glitzernden Wohlstandswelt der Schönen und Einflussreichen. 1949 fotografierte Avedon im Auftrag des Magazins LIFE New Yorker Alltagsszenen. Anfang der 60er Jahre reiste er durch den amerikanischen Süden und fing den erbitterten Kampf zwischen Bürgerrechtlern und den Befürwortern der Rassendiskriminierung ein. Seine Reportage über eine Nervenheilanstalt in Louisiana während dieser Zeit unterstrich sein Engagement für das Amerika jenseits der Hochglanzmagazine. Acht Jahre später fotografierte er im Vietnamkrieg die Opfer von Napalm-Angriffen der US-Luftwaffe.
"In the American West": der Blick hinter die Kulissen
Während einer schweren Wirtschaftskrise zwischen 1979 und 1984 reiste Avedon mehrere Jahre lang durch den amerikanischen Westen und dokumentierte, worüber niemand reden wollte. Die Serie "In the American West" zeigt eindringliche Ansichten von Bergleuten, Landarbeitern, Migranten, arbeitenden Kindern und Arbeitslosen in deren Gesichtern die Härten des Alltags zu lesen sind. Auch Avedons letztes Projekt "Democracy 2004" widmet sich hauptsächlich den sogenannten Menschen von nebenan. Es blieb unvollendet - Avedon starb 2004 im Alter von 81 Jahren an einer Hirnblutung.
Die Ausstellung "Richard Avedon - Fotografien 1946-2004" ist die erste Retrospektive des Starfotografen in Deutschland. Noch bis zum 19. Januar 2009 sind im Berliner Martin-Gropius-Bau rund 250 Aufnahmen aus allen wichtigen Schaffensperioden und Werksreihen in chronologischer Reihenfolge zu sehen.
Weitere Informationen unter: www.gropiusbau.de
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Richard Avedon Retrospektive
"Bilder ohne Menschen kann ich nicht"
Er war einer der bekanntesten Modefotografen seiner Zeit. Doch sein Herz gehörte der Arbeit jenseits von Glanz und Glamour.
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