Reise-Tipp: Sizilien – Die sizilianische Erfahrung

Sonntag, 05.09.2010

ADAC-Reisemagazin-Redakteur Martin Fraas wagte das Abenteuer und umrundete Sizilien mit einer Vespa. Auf der Suche nach dem schönsten Badeplatz.

Text: Martin Fraas

Fotos: Roderick Aichinger
Das Schlimmste für einen Sizilianer? Stillstand. Selbst wenn der Körper ruht, sind die Hände noch aktiv. Ständig in Bewegung zu sein ist tief verwurzelt in Wesen und Temperament. Mobilität gehört sogar zum Überlebensprogramm - wovon sizilianische Auswanderer in aller Welt zeugen. So entstand die Idee, Rastlosigkeit zur Basis einer Reportage zu machen. Und auf diese Weise Sizilien intensiv zu erfahren. Der Plan: die Insel auf einer Vespa umrunden, möglichst am Meer entlang, auf der Suche nach dem schönsten Strand.
1. Tag: Palermo - Cefalù - Santo Stefano di Camastra (104 km)  
Schlagloch - Buca
Es gibt in der Psychologie einen Lehrsatz: "Wenn alle verrückt sind, ist der Normale der Verrückte." Der Verrückte bin also ich. Mit deutschen Primärtugenden zittere ich mich durch Palermos Rushhour. Auf der fünf Jahre alten PX 150, begleitet vom Fotografen, bin ich ein Verkehrshindernis. Es wird gehupt, gedrängt, geschimpft.
Temperamentvoll, aber nie zu aggressiv. Ich lerne, und das hat Allgemeingültigkeit für Sizilien: Der Blick ist geradeaus gerichtet. Was hinter einem liegt oder fährt, interessiert nicht. Dem Kommenden gilt die Aufmerksamkeit. Dort vorne müssen Verkehrsteilnehmer mit allem rechnen: mit frisch überfahrenen Katzen. Mit Schlaglöchern, die so tief sind, dass eine der Katzen darin beerdigt werden könnte. Mit frei laufenden Hunden auf der Fahrbahn.

Die Anarchie regiert. Rechthaberei wird früher oder später tödlich enden. Wohl eher früher, wie die vielen improvisierten Altäre am Straßenrand mit Fotos der dort Verstorbenen zeigen. Ich schaffe es heil bis zum malerischen Strand von Cefalù. Das erste Bad im Meer, der erste Campari – ein versöhnlicher Ausklang für sechs Stunden Unterricht in sizilianischer Chaostheorie.
2. Tag: Santo Stefano di Camastra - Capo d’Orlando - Milazzo - Taormina (230 km)
Spitzkehre - Tornante
Sizilien ist keine makellose Schönheit. Die Landschaft hat "spröden Charme", um es diplomatisch zu umschreiben. Allenfalls die Bougainvillea-Sträucher in Lila und Rot sorgen für Farbakzente. Sizilianer haben einen speziellen Bezug zur Natur: Sie entsorgen ihren Müll vom Auto aus direkt in die Landschaft. Die Straßenränder gleichen Deponien.

An einer Tankstelle in Milazzo rät der Besitzer zu einer Abkürzung: "Spart euch die Küstenstraße über Messina, fahrt durch die Berge", sagt er. Ein Tipp, für den wir ihm lebenslänglich dankbar sind. In ungezählten Spitzkehren windet sich die Straße auf 1100 Meter. Ein Traum für alle Zweiradfahrer dieser Welt. Die Landschaft: magisch schön, wolkenverhangene Märchenwälder. Hab ich was von "karg" erzählt? Scusi, ich nehme das zurück.
3. Tag: Taormina - Lentini - Syrakus - Pachino - Pozzallo (222 km)
Stuttgart - Stoccarda
Ich frage einen Mann nach dem Weg nach Floridia. "Was willst du denn da", sagt er unwirsch. Niemand wird behaupten, dass Sizilianer aufdringlich freundlich sind. Viele wirken zuerst abweisend. Wenn sie aber Vertrauen
fassen, erweisen sie sich als herzlich und hilfsbereit. Viele sprechen Deutsch. Selbst in abgelegenen Dörfern treffen wir einige, die in Stuttgart oder Berlin gelebt haben.

Den schönsten Strand des Tages entdecken wir im Naturschutzgebiet von Vendicari. Hier hat jeder 50 Meter für sich. Am Ende der Etappe führt mich Franco Caruso, der 70-jährige Besitzer der Villa Aurea, nachts um ein Uhr bei 28 Grad und Zikaden-Konzert durch den Garten, um mir seine Oliven-, Zitronen-und Orangenbäume zu zeigen. Ich darf Weine kosten und hausgemachtes Zimt-und Zitronen-Gelee, das nach Sonne schmeckt. So in etwa stelle ich mir das Paradies vor.
4. Tag: Pozzallo - Licata - Agrigent (166 km)
Duft - Profumo
Eine schmale Küstenstraße. Wenig Verkehr. Kühler Fahrtwind. So hatte ich mir das erträumt. Ich pfeife vor mich hin. Die sizilianische Lässigkeit färbt ab. Die Reise ist eine Dauerstimulanz für den Geruchssinn: Pinienwälder, Bäckereien, kurz zuvor abgebrannte Felder - und natürlich das Meer. Am Strand in Marina di Ragusa springen wir ins klare Wasser und essen zu Mittag. Die Spezialität: Tintenfisch-Spaghetti.

Ein abendlicher Stopp in Torre di Gaffe. Kinder und Jugendliche kurven auf Zweirädern aller Art unermüdlich den Dorfplatz rauf und runter, zeigen Kunststücke, fahren zu zweit auf dem Roller - nur auf dem Hinterrad. Die alten
Männer, die vor der Bar sitzen, schimpfen nicht etwa, sondern sehen ungerührt zu. "Tranquillo" wird zu meinem Lieblingswort. Es lässt sich übersetzen mit "lässig" - ja, das sind sie wirklich, die Sizilianer.
5. Tag: Agrigent - Selinunt - Marsala (151 km)
Hitze - Caldo
Capo Bianco wird unsere neue Nummer eins der bisherigen Strände. Bei 38 Grad besichtigen wir die archäologische Ausgrabungsstätte Selinunt. Wir flüchten in den Schatten und stellen uns vor, wie es hier mal ausgesehen haben könnte. Die Weiterfahrt durch Weinberge und entlang der Küste könnte Teil eines Vespa-Werbefilms sein. Der Hotelportier in Marsala lotst uns zum Parkhaus, das früher eine Kirche war.
 
6. Tag: Marsala - Trapani - San Vito lo Capo - Mondello - Palermo (193 km)
Schaufenster - Vetrina
Ein morgendlicher Einkaufsbummel in der schönen Altstadt von Marsala. Ich kaufe grüne Bermudashorts, die erste grüne Hose meines Lebens. Offensichtlich bin ich infiziert vom textilen Farbenmut des Südens. Die Etappe entpuppt sich als die landschaftlich schönste, mit Traumstränden um das Capo San Vito und in Mondello, kurz vor Palermo. Wer wenig Zeit hat, kann sich auf diese Strecke beschränken - sie ist die Essenz sizilianischer Reize.
Abschied - Addio
Mit Umwegen, Abstechern zu den Stränden und Sonderfahrten für den Fotografen liegen mehr als 1500 Kilometer hinter mir. Ein seltsames Gefühl. Heute muss oder darf ich nicht mehr auf die Vespa steigen. Ich habe mich an
das Tempo gewöhnt, daran, dass Abertausende von Momentaufnahmen wie ein Videoclip an mir vorüberziehen. Die ständige Bewegung, sie macht süchtig. Addio, du hektisch-anstrengendes-intensiv-sinnliches-unvergessliches Sizilien!

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Die ungekürzte Reportage sowie viele nützliche Sizilien-Adressen und Tipps finden Sie in der aktuellen Ausgabe des ADAC-Reisemagazins "Sizilien - heiß wie ein Vulkan" (7,80 Euro). Weitere Informationen unter: www.adac.de/reisemagazin

 

Wir wagten das Abenteuer und umrundeten Sizilien mit einer Vespa. Auf der Suche nach dem schönsten Badeplatz.

Strand-Geheimtipps: Die sonnengelbe Wiese bei Castelluzzo reicht bis an den Sand, dahinter ragt der Monte Cofano in den Himmel (oben). Nicht minder verlockend: Der idyllisch-einsame Badeplatz am Golfo di Torre Normanna (unten).

 

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05.09.2010 10:24
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