Prokrastination - Job-Beratung – Aufschieberitis

Montag, 14.06.2010

Leiden Sie im Job an Aufschieberitis - auch "Prokrastination" genannt? Der Psychologe Albert J. Bernstein gibt Tipps, wie Sie am besten damit umgehen.

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In seinem Buch "Bin ich denn der einzige Normale hier" (Redline, 19,90 Euro, bestellbar z.B. über www.amazon.de) präsentiert der Psychologe Albert J. Bernstein 101 Lösungen, wie man mit vertrackten Situationen im Büro klar kommt.

fem.com präsentiert zehn dieser Lösungen in der neuen Serie "Büro-Wahnsinn".

Teil 7: Prokrastination - die Aufschieberitis

DAS SZENARIO 
Seit Bill zum Abteilungsleiter ernannt wurde, hat er plötzlich Probleme mit seinem Zeitmanagement. Seine Berichte kommen stets zu spät, er versäumt Besprechungen und selbst die einfachsten Aufgaben scheinen bei ihm Wochen zu dauern.

Franks Vorgesetzter ist ein Tyrann und Drängler. Aus irgendeinem Grund wird Frank immer langsamer und vergesslicher, je mehr die Anforderungen seines Chefs steigen.

Marie weiß: Initiativanrufe sind die einzige Möglichkeit, Versicherungen zu verkaufen, aber immer, wenn Sie das Telefon sieht, fallen ihr hundert andere Dinge ein, die noch erledigt werden müssen.

Wenn Sie fragen würden, würden alle diese Personen sagen, dass sie unter "Prokrastination" leiden. Das lateinische Wort procrastinatio bedeutet "Aufschub, Vertagung" - und manche Therapeuten benennen so das Phänomen, wenn Menschen etwas immer wieder auf morgen verschieben. Es handelt sich um eine Art Blockade, eine Erledigungsblockade. Umgangssprachlich wird es schlicht und einfach Aufschieberitis genannt.

Diese Personen haben möglicherweise schon ein oder zwei Zeitmanagement-Seminare belegt und sich anschließend gewundert, dass die Methoden nichts brachten. Der Grund, warum die Zeitmanagement-Methoden nichts brachten, liegt darin, dass Aufschieberitis nicht das Problem ist; in Wirklichkeit dient es als Schutz vor dem eigentlichen Problem.

Bills Aufschieberitis beschützt ihn vor seinen Selbstzweifeln bezüglich seiner Fähigkeit, seine Arbeit auszuüben. Franks Erledigungsblockade beschützt ihn davor, seinen Vorgesetzten zur Rede zu stellen und in eine Auseinandersetzung zu geraten. Maries Blockade beschützt sie vor dem Gefühl, abgelehnt zu werden, wenn jemand Nein sagt.

Für alle drei ist die Aufschieberitis eine teure und wirkungslose Art, sich selbst zu schützen. Wenn sie damit weitermachen, können sie ihre Arbeit verlieren. Sie müssen alle dringend etwas gegen dieses Aufschiebeverhalten unternehmen, aber was? Vielleicht schieben Sie auch schon den Umgang mit Ihrer eigenen Aufschieberitis vor sich her.

DIE LÖSUNG

1. Schieben Sie den Umgang mit Aufschieberitis nicht auf die lange Bank.

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Wenn Sie merken, dass Sie wichtige Aufgaben hinausschieben, müssen Sie zunächst wissen, wie das mit der angeblichen Erledigungsblockade eigentlich funktioniert: Nennen Sie es nicht "Prokrastination" oder "Blockade"! Diese Begriffe selber liefern eine Ausrede, einen Grund, warum Sie etwas nicht erledigt haben und keine Beschreibung dessen, was tatsächlich passiert ist.

Es ist nützlicher zu sagen: "Ich habe solange Computer-Solitaire gespielt, bis es zu spät war anzurufen" oder "Ich habe den Tag damit verbracht, meine Akten zu sortieren, statt an meinem Bericht zu arbeiten."
2. Erkennen Sie, dass Aufschiebeverhalten Sie vor etwas beschützt.
Fragen Sie sich: "Was müsste ich tun, wenn ich nicht aufschieben würde?" Erkennen Sie, was das Problem ist - und dass die Aufschieberitis die Abwehr darstellt. Betrachten Sie sie als etwas, das Sie ausüben, nicht als etwas, das einfach passiert.

Menschen, die immer alles vor sich herschieben, liegen nicht den ganzen Tag schlafend unter einem Baum. Tatsächlich folgen sie einem ziemlich typischen Muster: Sie machen Versprechungen, um von anderen Menschen (und sich selbst) in Ruhe gelassen zu werden. Statt zu tun, was sie eigentlich tun sollten, suchen sie andere Aufgaben, dann finden sie Vorwände, warum das, was sie machen sollten, nicht getan wurde. Der nächste Schritt im Umgang mit Aufschiebeverhalten ist, das Hintertürchen zu verschließen, indem man diese Strategien erkennt und sie aktiv unterbindet.

Hier einige Vorschläge, die helfen:

  • Machen Sie jedes Versprechen zu einer verbindlichen Zusage. Die meisten Aufschieber wollen es allen recht machen, was aber im Allgemeinen darauf hinausläuft, dass sie alle wütender machen, als sie es wären, wenn sie gewisse Dinge gleich abgelehnt hätten.
  • Wenn Sie etwas nicht tun werden, sagen Sie das, anstatt Versprechungen zu machen, die Sie unmöglich einhalten können. Sagen Sie nie etwas zu, ohne genau festzulegen, wann es erledigt sein wird, und klar zu benennen, was Sie machen, wenn Sie ihr Versprechen nicht halten. Wenn Sie Zusagen geben müssen, sollten Sie diese Form haben: "Ich werde es Donnerstag um fünf für Sie erledigt haben - wenn nicht, bleibe ich solange hier, bis ich fertig bin."
  • Schluss mit den Ausreden. Aufschieben funktioniert nicht ohne Ausreden gegenüber anderen. All die Ausreden, die Ihnen einfallen - "Ich hatte nicht alles, was ich brauchte", "Das Telefon hat die ganze Zeit geklingelt", "Ich wurde immer von jemanden gestört", "Ich war erschöpft" oder "Ich mach's morgen" laufen auf dasselbe hinaus: "Ich hab's nicht gemacht, als ich es machen sollte." Erklären Sie nie, weshalb Sie etwas nicht geschafft haben, sagen Sie nur, dass Sie es nicht getan haben. Wenn Sie Verantwortung dafür übernehmen, dass Sie etwas nicht erledigt haben und nicht versuchen zu erklären warum, ist der Handlungsdruck beim nächsten Mal größer. Der dritte Schritt im Umgang mit Aufschieberitis ist, die konkreten Gründe für Ihr Vermeiden bestimmter Aufgaben herauszufinden.

Im Allgemeinen gibt es drei Gründe dafür, dass man Dinge aufschiebt:
1. Sie haben Angst.
Menschen fürchten Ablehnung, Kritik und Konfrontation; deshalb suchen Sie nicht nach Arbeit, tätigen keine Initiativanrufe, stellen keine Forderungen oder sie widersprechen nicht, wenn sie etwas nicht wollen. Es ist leicht, sich von etwas ablenken zu lassen, das weniger riskant ist.

2. Ihr Arbeitsfeld ist zu umfangreich.
Menschen beginnen alles vor sich herzuschieben, weil sie durch ihr Arbeitspensum schlicht überwältigt sind. Deswegen kümmern sie sich nicht um ihre Steuererklärung oder andere wichtige Projekte.

3. Ihre Arbeit ist ihnen unangenehm.
Menschen verschieben Sachen, die sie einfach nicht gerne tun. Um ein erfolgreicher Erwachsener zu sein, muss man aber dummerweise auch die Dinge erledigen, die man nicht so gerne tut. 

In einem weiteren Schritt nach all der Selbsterkenntnis geht es darum, eine Strategie zu wählen, um mit den Gründen für die Aufschieberitis umzugehen.

Wenn Sie Angst haben

  • Gestehen Sie sich ein, dass Sie von Furcht zurückgehalten werden und nicht von äußeren Ereignissen.
  • Beschließen Sie, trotzdem zu handeln.
  • Holen Sie sich emotionale Unterstützung.
  • Wenn die Aufgabe Sprechen erfordert, schreiben Sie ein Skript und üben Sie es ein.
  • Treffen Sie gegenüber so vielen Menschen wie möglich verbindliche Aussagen über den Zeitpunkt, wann Sie eine Aufgabe erledigt haben.
  • Nutzen Sie die Angstmanagement-Techniken aus dem nächsten Überlebens-Szenario.
  • Wenn die Aufgabe zu umfangreich oder unangenehm ist, teilen Sie sie in kleine Schritte auf. Die ersten sollten viel kleiner sein, als Ihrer Ansicht nach nötig. Sollten Sie Probleme damit haben, die Aufgaben einzuteilen, bitten Sie die am besten organisierte Person aus Ihrem Umfeld um Hilfe.
  • Erledigen Sie jeweils einen Schritt zu einem festgelegten Zeitpunkt.

    Machen Sie etwas Angenehmes, zum Beispiel eine vormittägliche Kaffeepause oder das Mittagessen, bevor Sie sich dem nächsten Schritt zuwenden.

  • Konzentrieren Sie sich immer nur auf den nächsten Schritt, niemals auf die Aufgabe als Ganzes. Jede Aufgabe, egal wie groß, besteht lediglich aus einer Abfolge nächster Schritte.

Geld regiert die Welt. Der fünfte und abwegigere Schritt - für den Fall, dass Sie immer noch nicht vorankommen:

  • Schreiben Sie Spendenschecks für verschiedene Organisationen, die Sie abgrundtief hassen. Stecken Sie jeden Scheck zusammen mit einem wohlwollenden Schreiben in einen frankierten Umschlag. Geben Sie den Umschlag einem Freund, der ihn sofort abschickt, sobald Sie eine bestimmte Aufgabe nicht rechtzeitig erledigt haben. Diese Technik ist sehr schlagkräftig. Ein Afroamerikaner, der unter Aufschieberitis litt, konnte mit einem einzigen Beitrag an den Ku-Klux-Klan geheilt werden. Meine Umschläge sind an die "American Nazi Party" adressiert.

Albert J. Bernstein, PhD, ist selbstständiger Psychologe, Bestsellerautor und Experte im Bereich der Konfliktlösung.

Mehr Infos: www.redline-verlag.de

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Wer unter Prokrastination - also Aufschieberitis - leidet, hat meist Angst vor etwas. Nun gilt es, herauszufinden, wovor.

 

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