"Plastic Planet"-Regisseur im Interview – "Plastik macht uns krank"

Sonntag, 21.02.2010

In der Umwelt-Dokumentation "Plastic Planet" (Kinostart: 25.2.2010) nimmt Regisseur Werner Boote unsere gar nicht schöne neue Plastikwelt unter die Lupe. fem.com traf ihn zum Interview.

Jedes Jahr werden rund 240 Millionen Tonnen Plastik produziert. Unsere Welt erstickt in teils hochgiftigem Plastikmüll. Rund zehn Jahre lang recherchierte der gebürtige Wiener Werner Boote Hintergründe, Ursachen und Folgen dieser Entwicklung. Für "Plastic Planet" bereiste er von der Verschmutzung besonders betroffene Gebiete, und interviewte in bester Michael-Moore-Manier Konzernbosse, Wissenschaftler, Künstler, und sogar einen plastischen Chirurgen in Hollywood.

Wie entstand die Grundidee zum Film "Plastic Planet"?
1999 habe ich zum ersten Mal in der Zeitung etwas zum Thema Plastik gelesen. Es war ein kleiner Artikel über vom Aussterben bedrohte Fische, die sich nicht mehr fortpflanzen können, weil ihnen eine Substanz schadet, die in Kunststoff enthalten ist und unter bestimmten Umständen in die Umwelt gelangen kann. Damals habe ich mich schon gefragt, warum darüber nur mit so wenigen Zeilen berichtet wurde. Das war doch der reinste Sprengstoff! Warum kümmerte sich niemand darum?

Also haben Sie sich darum gekümmert ...?

Nicht direkt. Ich habe den Zeitungsausschnitt eine Weile aufgehoben, bin dem Thema dann zwar nicht konkret nachgegangen, aber es hatte etwas in mir in Gang gesetzt, was nicht mehr aufzuhalten war. Auf die zweite Meldung stieß ich im "Time Magazine", da ging es um Eisbären, die von der Verschmutzung des Grönlandmeers bedroht waren. Es kamen immer mehr Artikel dazu, und schließlich fing ich gezielt an zu sammeln und zu recherchieren. Ich begann mich dafür zu interessieren, ob es nicht auch eine direkte Bedrohung für den Menschen gab - und wenn ja, worin sie bestand.
Wie sieht Ihr eigener Umgang mit Plastik aus? Hat er sich über die Beschäftigung mit dem Thema verändert?
Mein Privatleben hat sich durch all das, was ich durch die Interviews und Recherchen für den Film Plastic Planet erfahren habe, verändert. Im Studio hatte ich immer eine Plastikflasche neben mir stehen, die ich stets mit Leitungswasser nachfüllte. Nachdem ich in einer Studie gelesen hatte, dass man Plastikflaschen maximal einmal verwenden sollte, weil sich stets mehr und mehr Giftstoffe im Wasser ansammeln, habe ich die Flasche ausgetauscht.

Woraus trinken Sie jetzt?

Immer aus Glasflaschen. Im Supermarkt rede ich mit den Leuten und mache sie auf Plastikverpackungen aufmerksam. Und in der chemischen Reinigung bekommt mein Anzug keine Plastikschutzhülle mehr. Ich lebe modern, also mit Plastikhandy, Plastikcomputer und Plastikfernseher, aber gemäß den drei R: reduce, re-use und recycle. 

Warum fällt es den meisten Menschen schon schwer, beim Einkaufen auf Einwegplastiktüten zu verzichten? Wie erklären Sie sich diese Trägheit? Warum verändern wir unser Konsumverhalten nicht?  
Die Industrie hat jahrzehntelang ganze Arbeit geleistet und uns eingeimpft, das Material Plastik nicht mehr wahrzunehmen. Wir kaufen "Musik", aber keine Scheibe aus Plastik. Wir kaufen eine "Cola", aber keine Plastikflasche mit Getränk. Jetzt ist es höchste Zeit unseren Blick wieder zu schärfen. Wir müssen uns nun über Kunststoffe und deren Bedrohung für Mensch und Umwelt informieren und neue Wege für das Leben auf dem Plastikplaneten finden. Dazu soll der Film "Plastic Planet" einen ersten Beitrag leisten.
 
Wer ist Ihrer Ansicht nach hauptverantwortlich für die globale Verschmutzung durch Plastikmüll?
Die Kunststoffproduzenten, die Kunststoffkonsumenten und die Behörden, die das Problem seit Jahren kennen und bisher nicht reagierten. Plastik ist billig, wird seit Jahrzehnten mit den billigsten und schädlichsten Substanzen hergestellt, dadurch wirft man es leichtfertig weg.
 
Gab es einen Augenblick, einen Ort während der Dreharbeiten, der Sie besonders berührt hat? Gab es angesichts der verheerenden Zustände Momente von Hoffnungslosigkeit?
Da mein Großvater in der Kunststoffindustrie gearbeitet hat, habe ich mich immerfort gefragt, was er wohl damals, in den 60er- und 70er-Jahren, von der Gefährlichkeit von Plastik gewusst haben mag. Das nagt auch heute noch an mir, weil er leider gestorben ist, bevor ich ihn fragen konnte. Während der Dreharbeiten gab es viele berührende Situationen und Momente der Hoffnungslosigkeit. Am meisten hat mich jedoch schockiert, als wir für den Kinostart von "Plastic Planet" in Österreich einige Babysauger testen ließen. Es stellte sich heraus, dass in fast allen Produkten Bisphenol A, eine der bekannten gefährlichen Substanzen, in hohem Maße enthalten war. Nicht nur in Silikonschnullern, sondern sogar in Latexschnullern. Das finde ich sehr ekelhaft. Mein Gefühl ist, dass uns hier vorsätzlich gefährliche Produkte verkauft werden, die Substanzen enthalten, die krebserregend sind und unfruchtbar machen, weil diese Stoffe am billigsten sind und die Konzerne damit am meisten Geld verdienen. Vor allem bei Babysaugern finde ich das einen Skandal. Diese Produkte wurden jetzt vom Markt genommen. Das ist jedoch erst der Anfang einer langen Liste, die notwendig ist.
 
Ist es Ihrer Meinung nach möglich, auf Plastik zu verzichten?
Mit Plastik sind wir auf den Mond geflogen. Ohne Plastik würden wir heute hinter dem Mond leben. Es geht nicht darum, auf Plastik zur Gänze zu verzichten. Es müssen einfach die bekannt gefährlichen Substanzen aus den Plastikprodukten raus, und dort wo man nicht dafür sorgt, soll das auch angegeben werden. Eine Kennzeichnungspflicht muss her! Aber 80 Prozent des Kunststoffes, den wir tagtäglich kaufen, brauchen wir in Wahrheit gar nicht, sondern er verursacht nur unnötigen Mist in unseren Mülleimern.
 
Welcher Ihrer Interviewpartner hat Sie am meisten beeindruckt?
Margot Wallström, die Vizepräsidentin der EU, habe ich als eine beeindruckende Persönlichkeit kennengelernt. Sie war für das Chemikaliengesetz REACH mitverantwortlich. Sie hat mich gelehrt, dass ich nicht von heute auf morgen alles in Sachen Plastik zum Besseren werde ändern können. Sie hat mir Mut für das Projekt gegeben und gemeint, dass auch ein kleiner Schritt in die richtige Richtung ein wichtiger Schritt ist. Daran denke ich oft.
 
Der Claim des Films lautet: "Wenn Sie diesen Film gesehen haben, werden Sie nie wieder aus einer Plastikflasche trinken". Glauben Sie wirklich, dass die Botschaft des Films nachhaltig für veränderte Verhaltensmuster sorgt?
Ich denke, dass die KinobesucherInnen nach "Plastic Planet" oft an den Film und dessen Botschaft erinnert werden. Das zeigen schon alleine die ersten Reaktionen nach dem Kinostart in Österreich. Dort werden jetzt "Plastic Planet"- Parties - als Antwort auf Tupperware-Parties - veranstaltet. SchülerInnen haben Projekte gestartet, an den Unis werden Referate zum Thema gehalten. Alle politischen Parteien Österreichs haben nun gemeinsam eine parlamentarische Anfrage gestartet. Eine Familie hat sich nach dem Kinostart bei mir gemeldet und das Experiment www.keinheimfuerplastik.at begonnen, bei dem sie plastikfrei einkaufen. Ihr Webblog ist zu einer Plattform für Information über Alternativprodukte geworden. Supermärkte sind nun mit Konsumenten konfrontiert, die nachfragen und sich nicht mit Floskeln abspeisen lassen. Man hat in der EU das Recht, vom Geschäft innerhalb von 45 Tagen Auskunft darüber zu erhalten, welche Substanzen in einem x-beliebigen Produkt enthalten sind.
 
Woran krankt unsere Gesellschaft Ihrer Meinung nach am meisten?
Plastik macht uns sicherlich krank. Woran krankt unsere Gesellschaft am meisten? Wenn ich das wüsste, würde ich darüber meinen nächsten Film machen.
 
Ist das Thema "Plastik" nun für Sie abgeschlossen?
Der Film "Plastic Planet" ist nun zwar fertig und startet in den deutschen Kinos, aber ich fühle die Verantwortung, all das Wissen, das ich während der 10-jährigen Arbeit an diesem Film angesammelt habe, zu teilen. Immerhin bin ich in 25 verschiedene Länder gereist und habe mit WissenschafterInnen, PolitikerInnen und Personen aus der Industrie gesprochen. Ich habe mit einem Team von Wissenschaftern an die 700 wissenschaftliche Studien zum Thema Kunststoff durchgearbeitet. Das sitzt alles in meinem Kopf gespeichert und soll weitergegeben werden. Deswegen habe ich nun auch ein Buch "Plastic Planet" geschrieben, dass zum Kinostart in Deutschland in Buchläden aufliegen wird. Mittlerweile bin ich zu einer Art Plastik-Ombudsmann geworden und das ist gut so.
 

Worum geht es in Ihrem nächsten Filmprojekt?

Für das österreichische Fernsehen stelle ich zurzeit eine humorvolle Dokumentarserie mit dem Titel "Die Kunst im Leben" fertig, bei der ich mich jeweils einer großen Leidenschaft der ÖsterreicherInnen widme: Weihnachtsbeleuchtung, Autos, Tanzen, Trauern, Sonnenbräunen, Trivialliteratur etc. Diese Serie wird übrigens auch auf 3Sat gezeigt. Das ist mal etwas ganz anderes.

Plastic Planet läuft ab dem 25. Februar 2010 in den deutschen Kinos an.

Unsere Welt erstickt in hochgiftigem Plastikmüll. Der Regisseur der Umwelt-Doku "Plastic Planet" im fem.com-Interview.

Die gar nicht schöne neue Plastikwelt macht selbst vor der Wüste nicht halt. "Plastic Planet"-Regisseur Werner Boote im Gespräch mit einem Beduinen.

 

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21.02.2010 20:02
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