Perfektionismus - Job-Beratung – Gut ist gut genug!

Mittwoch, 30.06.2010

Perfektionisten machen sich selbst und ihren Kollegen das Leben schwer. Der Psychologe Albert J. Bernstein erklärt, was man gegen diese Eigenschaft tun kann.

RTEmagicC_Buero-Wahnsinn_TB_01.jpg.jpg

In seinem Buch "Bin ich denn der einzige Normale hier" (Redline, 19,90 Euro, bestellbar z.B. über www.amazon.de) präsentiert der Psychologe Albert J. Bernstein 101 Lösungen, wie man mit vertrackten Situationen im Büro klar kommt.

fem.com präsentiert zehn dieser Lösungen in der neuen Serie "Büro-Wahnsinn".

Teil 10: Die Gefahren des Perfektionismus

DAS SZENARIO 
Wenn Menschen darüber reden, dass sie Perfektionisten sind, weiß ich nie, ob sie damit angeben oder eine Schwäche eingestehen wollen. Für sie bedeutet Perfektionismus, dass sie hart arbeiten und sich ständig motivieren, das Bestmögliche dabei herauszuholen. Was sollte daran falsch sein? Um genau zu sein - wären alle etwas perfektionistischer, gäbe es nicht soviel Stümperei auf dieser Welt. Stimmt’s?
In meinen Augen ist es eher so, dass es die Perfektionisten sind, die für die meiste Stümperei verantwortlich sind. Ein Beispiel: Gwen ist eine Perfektionistin. Sie verlangt nur das Beste von sich und ihren Mitarbeitern. Das heißt, sie hat an allem etwas auszusetzen. Wenn Sie für Gwen etwas erledigen, das zu 99 Prozent in Ordnung ist, wird sie sich auf das eine Prozent stürzen, an dem es ihrer Meinung nach hapert. So geht sie mit sich selbst um, also fühlt sie sich dazu berechtigt, dieselben Anforderungen auch an andere zu richten. In ihren Augen sind Fehler inakzeptabel, fast schon kriminell. So, wie sie die Dinge sieht, sind Fehler Anzeichen eines tief greifenden und gefährlichen Seelenzustands. Wenn man sich kleine Fehler verzeiht, wird man sich große Fehler erlauben. Das ist nicht tolerabel, und es ist Gwens gottgegebene Pflicht, solche Dinge im Keim zu ersticken.
Also teilt Gwen zwar sehr viel Kritik aus, aber niemals ein Lob. Wenn es den Leuten zu gut geht, werden sie unvorsichtig, glaubt sie. Die meisten Gespräche, die Gwen mit Mitarbeitern, Verwandten und sich selbst führt, beinhalten Bemerkungen darüber, was man alles falsch macht. Für den jeweiligen Adressaten ist Gwens wohlmeinende Kritik schwer von Grausamkeit zu unterscheiden.

Nach ein paar erfolglosen Versuchen, es Gwen Recht zu machen, glauben ihre Mitarbeiter, dass sowieso alles, was sie tun, gnadenlos kritisiert werden wird. Warum sich also Mühe geben? Mit Sicherheit haben sie keine Lust, 150 Prozent für Gwen zu geben. Sie würden allerdings noch einiges mehr geben, um ihr aus dem Weg zu gehen. Durch dieses Muster erzeugt Perfektionismus Stümperei. Die einzige Möglichkeit, sich gegen Perfektionisten zur Wehr zu setzen, ist indirekt (und meistens unbewusst) etwas zu vermasseln. Das macht natürlich Gwens Kritik noch vernichtender, was zu weiteren unbewussten Vergeltungsschlägen führt.

Ihre Mitarbeiter liefern keine Pfuscharbeit ab, um Gwen zu ärgern. Es ist nur so, dass der Verstand von Menschen, die für Leute arbeiten, die sie verängstigen oder wütend machen, schlechter funktioniert.
Es ist schwierig abzuschätzen, wie viele Fehler ein Perfektionist verursachen kann. Auch wenn Gwen meistens recht hat, macht sie das nicht glücklich. Man sollte meinen, dass eine Perfektionistin wenigstens nach erfolgreicher Arbeit Freude empfindet. Kann sie aber nicht. Keine Arbeit ist erfolgreich genug. Für sie hat das Leben immer ein winziges Haar in die Suppe gelegt, gerade groß genug, um ihr alles zu verleiden. Dummerweise ist niemand glücklich, solange Gwen es nicht ist.

DIE LÖSUNG

RTEmagicC_Perfektionismus-Frau.jpg.jpg

Ich weiß ganz genau, dass einige Perfektionisten jetzt denken: "Aha, Perfektionismus ist also schlecht, wie? Was soll ich denn sonst machen? Einfach alles zusammenschustern und mich nicht weiter drum kümmern?" Nicht ganz. Haben Sie sich je Gedanken darüber gemacht, was das Gegenteil von Perfektionismus sein könnte? Nein, Schlamperei ist es nicht. Es ist Effizienz.

Effizienz bedeutet, dass man mit dem geringsten Aufwand den maximalen Nutzen erzielt. Für Leute wie Gwen gilt, dass sie umso weniger erreichen, je mehr sie sich und andere in den Wahnsinn treiben.

In der Welt des Perfektionisten gibt es keine Vorstellung von Abstufungen. Es gibt nur falsch oder richtig. Wenn etwas falsch ist, muss man es hervorheben. Die eigentliche Wichtigkeit der Aufgabe und die Größe des Fehlers zählen nicht. Kein Fehler ist zu klein, um ihn zu kritisieren. Wenn Sie ein Perfektionist sind und sich ändern möchten, ist heute Ihr Glückstag. Die Heilung ist einfach, Sie müssen es nur perfekt durchziehen. Das sollte kein Problem sein.

Folgendes ist zu tun:

Geben Sie für jeden Ihrer Kritikpunkte vier aufrichtige Komplimente - sich selbst und den anderen. Das wird vielleicht nicht die Anzahl der Komplimente anheben, die Sie vergeben, aber mit Sicherheit Ihre Kritik reduzieren. Sie wird nämlich zu anstrengend, weil Sie sich immer vier positive Ergänzungen einfallen lassen müssen.

Kritisieren Sie ausschließlich den größten Fehler des Tages. Der zweite Teil der Heilung ist schwieriger, muss aber auch perfekt umgesetzt werden. Da Sie ein Perfektionist sind, der seine Kritik einschränkt, werden Sie zweifellos erwarten, dass die Leute sich mehr Patzer leisten, weil sie von Ihnen nicht länger belehrt und auf ihre Fehler hingewiesen werden. Sollten Sie bemerken, dass das passiert - und das werden Sie - erlauben Sie sich nur, den ungeheuerlichsten Fehler des Tages zu kommentieren. Über den Rest schweigen Sie wie ein Grab. Für immer. Der Sinn dieses Teils der Übung ist es, dass Sie entscheiden, welche Fehler wirklich wichtig sind. Das ist nicht einfach, aber wenn Sie sich anstrengen, werden Sie vielleicht ganz gut darin. Niemand kann das perfekt.

Albert J. Bernstein, PhD, ist selbstständiger Psychologe, Bestsellerautor und Experte im Bereich der Konfliktlösung.

Mehr Infos: www.redline-verlag.de

P.S.: Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan von fem.com: www.facebook.com/femcom

"Perfektionismus" ist in Vorstellungsgesprächen oft die Antwort auf die Frage nach der größten Schwäche

"Perfektionismus" ist in Vorstellungsgesprächen oft die Antwort auf die Frage nach der größten Schwäche - weil's irgendwie trotzdem professionell klingt. Der Psychologe Albert J. Bernstein erklärt, warum Perfektionismus in Wahrheit eine handfeste Schwäche ist.

 

Weitere Artikel

article
13706
Perfektionismus - Job-Beratung
Gut ist gut genug!
Perfektionisten machen sich selbst und ihren Kollegen das Leben schwer. Der Psychologe Albert J. Bernstein erklärt, was man gegen diese Eigenschaft t...
http://www.fem.com/lifestyle/artikel/perfektionismus-job-beratung-gut-ist-gut-genug
30.06.2010 17:25
http://www.fem.com/var/fem/storage/images/private/perfektionismus-job-beratung-gut-ist-gut-genug/219558-1-ger-DE/perfektionismus-job-beratung-gut-ist-gut-genug_contentgrid.jpg
Lifestyle

Kommentare