"Muslim Girls" von Sineb El Masrar – "Gefährliche Stimmung"

Donnerstag, 07.10.2010

Muslimische Frauen werden unterdrückt und zwangsverhüllt? In ihrem Buch "Muslim Girls" räumt Sineb El Masrar mit Vorurteilen auf. fem.com hat die 29-Jährige zum Interview getroffen.

Wie leben muslimischen Frauen in Deutschland? Wo sehen sie ihren Platz in der Gesellschaft? Wie kämpfen sie um ihre Unabhängigkeit? Eines steht fest: Das Bild in der Öffentlichkeit trifft nicht die Lebenswirklichkeit vieler junger Musliminnen.

Sineb El Masrar, Tochter marrokanischer Einwanderer und in Deutschland geboren, trägt mit ihrem Buch "Muslim Girls. Wer wir sind, wie wir leben" (Eichborn, 14,95 Euro, bestellbar z.B. über www.amazon.de) auf unterhaltsame Art und Weise dazu bei, dieses Bild zurecht zu rücken.

Im Interview mit fem.com erzählt die 29-Jährige von eigenen Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit - und sagt, was sie von der aktuellen Integrations-Debatte hält.

Sie sind Tochter marokkanischer Einwanderer und in Deutschland geboren. Können Sie sich erinnern, wann Ihnen zum ersten Mal klar wurde, dass Sie

"anders" sind als andere deutsche Kinder?
 

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Ich war ein quirliges Kind, genau wie meine Freunde. Leider wurde ich aber von einigen Leuten in die Schublade "Die gehört eigentlich nicht so richtig zu uns" gesteckt. Wir sprachen zuhause außer Deutsch auch Arabisch, hatten oft andere Speisen auf dem Tisch und den Großteil der Familie in Marokko. Das war eine Realität, die ich zunächst mal nur zur Kenntnis nahm. Erst bei der Frage, wann ich wieder zurück möchte - ich muss ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein - wusste ich: Ich muss doch ziemlich anders sein.

Was sind die häufigsten Vorurteile, die Ihnen im Alltag begegnen?

Ich werde ständig gefragt, ob mein freies und selbstbestimmtes Leben nicht eigentlich im Widerspruch zu meinem islamischen Glauben steht.
Tragen Sie Kopftuch?
 
Nein. Für mich persönlich erfüllt die Verhüllung, die einst für muslimische Frauen vorgesehen war, nicht mehr ihren eigentlichen Zweck. Sie sollte in der Entstehungszeit des Islam Belästigungen durch Männer abwehren, signalisieren, dass man nicht zu den Prostituierten gehörte, und zeigen, dass man Muslima und zu respektieren war. Heute brauchen wir keine Verhüllung, um entsprechend behandelt zu werden. Ein angemessenes Auftreten reicht meines Erachtens völlig aus. Leider werden aber verhüllte Frauen heute aufs Übelste beschimpft, auf der Straße geschubst und bespuckt.


Haben Sie persönlich Anfeindungen und Diskriminierungen erlebt, weil Sie Muslima sind?
Bei dieser Frage muss ich sehr in mich gehen: Um Frustration und Hass keinen Nährboden zu bieten, versucht man oft, das Erlebte zu verdrängen. Das Einzige, was mir einfällt, ist mir während der Fußball-WM in der Bahn passiert. Da brüllte mich ein Mann aufs Übelste an und stieß mich an meiner Schulter. Ich sah ihn weder an, noch stand ich ihm im Weg oder tat irgendetwas Provozierendes. In solchen Momenten fragt man sich, in was für einem Land man lebt. Aber ob der Mann so reagierte, weil ich Muslima bin, mag ich zu beweifeln. Meine dunklen Haare reichten ihm aus, um mir seine ausländerfeindlichen Gedanken entgegen zu schleudern.
Ihr Buch passt perfekt zur aktuellen Integrations-Diskussion. Was halten Sie persönlich von Thilo Sarrazins Buch?
Wenn ich Sarrazin sehe, möchte ich ihm in den ersten Sekunden immer ein Käsebrot schmieren und es in mundgerechte Stücke schneiden. Wenn ich an seine Ausführungen im Buch denke, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Das, was er wahrnimmt und als Defizit im Land benennt, ist weder neu, noch komplett falsch. Doch Sarrazin spielt mit seinen widerlegten Schlussfolgerungen und Interpretationen eindeutig mit den Überfremdungsängsten der deutsch-deutschen Mehrheitsgesellschaft und erzeugt damit eine - meines Erachtens - gefährliche Stimmung im Land.

Können Sie das genauer ausführen?

Seit Erscheinen seines Buches hat sich das Gefühl breit gemacht "endlich" nicht mehr nur am Stammtisch seine Meinung äußern zu dürfen, sondern auch öffentlich. Während der Eine wildfremden, ausländisch-stämmigen Männern hinterruft, man solle doch als Affe gefälligst richtig Deutsch sprechen lernen, spuckt der Andere Frauen mit Kopftüchern auf offener Straße an.
Plötzlich geht ein hysterischer Aufschrei durchs Land und man meint tatsächlich einen Tabubruch begangen zu haben und sich um die Meinungsfreiheit sorgen zu müssen.
Sie haben 2006 das multikulturelle Frauenmagazin "Gazelle" gegründet und waren Mitglied der Integrationskonferenz. Hat sich seit der neuesten Diskussions-Welle etwas in Ihrem Leben verändert?
Ich arbeite immer noch viel und gönne mir wenig Freizeit - so wie vorher auch schon. Aber natürlich werde ich jetzt öfter mal zum Thema Integration für Talkshows angefragt. Das ist eben auch Teil meines Berufs.
Wie könnte man Ihrer Meinung nach die Integration von Einwanderern in Deutschland verbessern?
Es wäre erst mal nützlich zu wissen, was man unter "Integration" genau versteht. Anschließend kann man überprüfen, was davon bereits von Einwanderern und deren Nachkommen erfüllt ist. Wenn es um die Menschen geht, die erst noch nach Deutschland kommen, dann ist Deutschlernen ein Muss. Aber im Umkehrschluss darf man auch nicht an diesen Kursen sparen, so wie es derzeit geschieht. Genauso könnte man über eine Kostenbeteiligung der Teilnehmer reden. Des Weiteren würde es nicht schaden, wenn jeder Deutsche in sich gehen und überlegen würde, wie es ihm wohl im Ausland ergehen würde oder ergangen ist. Wie wurde er aufgenommen? Was hat ihm gefehlt? Wonach hatte er Sehnsucht? Das hilft dabei, miteinander in Dialog zu treten. Man muss kein Blatt vor den Mund nehmen, so lange das im gegenseitigen Respekt geschieht. Aber man muss auch realisieren, dass Vorbehalte besonders gegenüber Einwanderern, und heute besonders gegenüber Muslimen, so tief sitzen, dass es sich sogar auf den Umgang mit Kleinkindern in Kindergarten auswirkt.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Zukunft?
Viele "Migranten" leben in der vierten Generation in Deutschland, sind hier geboren und aufgewachsen. Ihnen ist Deutschland vertrauter als das Herkunftsland ihrer Großeltern. Wenn man bedenkt, dass man sich nie wirklich um die Eingliederung gekümmert hat, ist Vieles noch sehr gut gegangen. Es ist an der Zeit, sich gegenseitig besser kennenzulernen und zu begreifen, dass man nicht alles gleich machen muss, sondern eine Vielfalt an Persönlichkeiten, Glaubensrichtungen und sexueller Orientierung zulassen sollte. Gemeinsam sollten wir uns den gesellschaftlichen Problemen zuwenden, von denen alle betroffen sind: Arbeitsmarkt, Bildung, Gesundheit, Pflegeversorgung und Rentendasein. Wenn dieser Gemeinschaftssinn geweckt ist, dann lässt sich über alles reden - und niemand muss beleidigt aus der Wäsche gucken.

Interview: Annika Mengersen

Sineb El Masrar, 1981 als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren, wuchs in der niedersächsischen Provinz auf. Nach zwei Ausbildungen als Erzieherin und Kauffrau und einigen Stationen in der Marktforschung, an Grundschulen und in der Filmbranche gründete sie im Jahr 2006 das multikulturelle Frauenmagazin "Gazelle". El Masrar saß 2006 in der Arbeitsgruppe "Medien und Integration" der Integrationskonferenz von Maria Böhmer im Kanzleramt und ist heute Teilnehmerin der Deutschen Islam-Konferenz. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

 

Muslim Girls. Wer wir sind, wie wir leben

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"Gefährliche Stimmung"
Muslimische Frauen werden unterdrückt und zwangsverhüllt? In ihrem Buch "Muslim Girls" räumt Sineb El Masrar mit Vorurteilen auf. fem.com h...
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07.10.2010 18:30
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