Mazies: Kataloniens kleine Hotels – Diesseits der Stille

Donnerstag, 24.02.2011

Im katalanischen Hinterland haben Bauern ihre jahrhundertealten Häuser zu Hotels umgebaut. Eine Reise zu den schönsten belohnt mit zauberhafter Ruhe.
Text: Ronald Reng

Fotos: Tom Sólo
In den Masies, den zu Feriendomizilen umgebauten, jahrhundertealten Landhäusern Kataloniens, fällt immer als Erstes auf, was fehlt: der Lärm, die Hektik des modernen Lebens. Zum reich gedeckten Frühstückstisch bringt Gemma Peyri, die grauen Haare hochgebunden, die Augen lebendig, noch eine selbst gemachte goldene Tortilla mit Pilzen. Die Eier wie auch das gesamte Gemüse und Obst stammen aus eigener Produktion, wenngleich die Hühner nun im nächsten Dorf leben. Im Hühnerstall des Mas Ardèvol wohnen jetzt ja wir.

Ein Loch hinter dem Eingang erinnert an das Weindepot

Das Mas Ardèvol war, wie so viele Masies, kein Herrenhaus, sondern das Heim bescheidener Bauern. Wein wurde hier jahrhundertelang erzeugt und gehandelt, ehe der Großvater von Gemmas Mann Germinal auf Haselnüsse umstieg. Ein Loch hinter dem Eingang, nun unter einer bläulich schimmernden Glasplatte versteckt, erinnert noch an die Ursprünge. Hier war das Weindepot.

Wo einst Hühner Eier legten, befinden sich heute Gästezimmer

"Dort", sagt Germinal und zeigt auf eines der insgesamt fünf Gästezimmer, "wurden die Nüsse getrocknet." Als mit Haselnüssen wegen der billigen Konkurrenz aus der Türkei kein Geld mehr zu verdienen war, schien der Hof dem Verfall ausgeliefert. Es war Gemmas Idee, ihn in ein Gästehaus zu verwandeln. "Ich wäre auf so etwas ja nicht gekommen", sagt Germinal, "aber sie hat ihre Unruhe, sie muss immer etwas machen." Und da blickt er, ein freundlich reservierter Mann, stolz zu seiner Frau. Wo einst Nüsse trockneten oder Hühner Eier legten, befinden sich heute Gästezimmer, die modernen Komfort bieten und trotzdem ihren rustikalen Ursprung bewahren.

Vorbei an mittelalterlichen Dörfern, Wäldern und Seen

In gewagten, ewigen Kurven windet sich die Landstraße vom Mas Ardèvol zwischen den Weinbergen hinunter, wo wir uns mit schlechtem Gewissen an den Trauben am Wegesrand bedienen. Als wir wieder im Auto sitzen, nimmt uns die weite Ebene Westkataloniens mit Feldern bis zum Horizont auf. Ehe eine Stunde vergeht, steigt die Straße wieder an und führt vorbei an mittelalterlichen Dörfern, Wäldern und Seen. Ein frischer Luftzug kündigt die Pyrenäen an.

Stop im 40-Seelen-Ort Senterada

Man glaubt direkt in die Casa Leonardo hineinzufahren, die an der Wegeskreuzung in Senterada steht. Geradeaus geht es Richtung Boital, links ins Foscatal, das nahezu 3000 Meter hohe Berge umrahmen. 40 Menschen leben in Senterada. Mireia Font hat ihre zweijährige Tochter in den sieben Kilometer entfernten Kindergarten gebracht. Es ist der einzige im ganzen Foscatal, sechs Kinder sind sie dort. Die jüngere Tochter, Blanca, acht Monate alt, setzt Mireia an der Bar in der Casa Leonardo ab, ein Gast verspricht aufzupassen.

"Wichtiger als der Beruf ist es mir, auf dem Land zu leben."

Mireia serviert unterdessen mit rechts einem anderen Gast selbst gemachten Apfelkuchen, stellt mit links die Musik im Radio an und erzählt dabei die Geschichte des Hauses. Sie lässt einen erahnen, welch Tüchtigkeit ihr half, mit Ende 20 das leer stehende Heim ihrer Großeltern in ein Gästehaus mit Hang zu verspielten Details zu verwandeln. Sie hat Archäologie in Barcelona studiert, die Ausgrabungen in Syrien und Israel waren toll, "aber ich wusste immer: Wichtiger als der Beruf ist es mir, auf dem Land zu leben".

Namen wie "Zimmer des Friesiertischs"

Am Eingang hat Mireia den Dorfladen von 1920 wie ein Museum erhalten, die alten Holzregale mit Schachteln und Waren der Vergangenheit gefüllt: "Es gefällt mir, wenn mein Haus die Erinnerungen der Gäste weckt." Die alte Küche ihrer Großeltern dient als Wohnzimmer für die Urlauber, mit Ofen und Kamin aus dem Jahr 1913. Die Gästeräume haben keine Nummern, sondern Namen wie "Zimmer des Frisiertischs", je nachdem, welches Mobiliar der Großeltern den Raum schmückt. Besonders verlockend ist das "Zimmer der Badewanne".

Versteckt im Wald: Das "Haus des Glücks"
Auf dem Weg durch die Cerdanya Richtung Figueres hören die Berge nicht auf, aber sie werden grüner und weniger Ehrfurcht gebietend. Das Mittelmeer mit einigen von Kataloniens schönsten Stränden ist nur 15 Minuten und doch eine Welt entfernt, als wir auf einem Feldweg einbiegen und schließlich, im Wald versteckt, das Can Sort erreichen. "Haus des Glücks" heißt es zu Deutsch. Einige seiner vielen Reize verdankt es der Spontaneität seiner Besitzer Cristina und Jaume Solé.

20 Pferde, Reitunterricht und Ausritte

Einmal meldete sich eine Hochzeitsgesellschaft in der Masia an, 70 Leute, "die Mutter der Braut kam im Porsche, und wir dachten, die erwarten sicher einen schmucken Saal", sagt Cristina. Also bauten sie in 30 Tagen einen Festraum hinter dem 200 Jahre alten Bauernhaus. Nun dient er als Aufenthaltsraum, mit breiten Ledersesseln und Fenstern, groß wie Wände. Irgendwann hatte Cristina ihren Mann zum ersten Mal auf ein Pferd gesetzt, er war schon 30 und "kam vor Begeisterung erst zehn Stunden später wieder herunter". Nun gibt es im Can Sort 20 Pferde, Reitunterricht und Ausritte.

Schlichtheit, belebt mit einer Spur Coolness
Es war der Enthusiasmus von Pionieren wie Gemma, Mireia und Cristina, die aus Landhäusern, die zum Sterben verurteilt schienen, mit ihren eigenen Händen Oasen machten. Bei Gastgebern, die ihr Haus lieben, ist es leicht, sich wohlzufühlen. Die Tage bei Inés Puigdevall im Mas Garganta am Rande der Vulkanberge der Garrotxa sind das beste Beispiel. Von eleganter Schlichtheit sind die Zimmer, belebt mit einer Spur Coolness durch blau-weiß karierte skandinavische Sessel. Das Haus selbst wirkt mit seinen Efeu-umrankten Arkadenbögen schon aus der Ferne prunkvoll. Dabei waren die Bögen ursprünglich nur praktische Öffnungen, durch die die Bauern den geernteten Mais herauf-und herunterziehen konnten.

Nichts lärmt, nichts stört

Das Haus gibt es seit 1350. Heute sitzen wir hier beim Frühstück, nichts lärmt, nichts stört, das Brot toasten wir in der Stube über dem offenen Kamin. Ein rußgeschwärztes Schild aus anderen Zeiten warnt: "Es ist nicht gestattet zu fluchen." Vom Balkon wandert der Blick durch die Arkaden über die Weite der Felder und Wiesen, die Sonne vertreibt langsam den Nebel aus dem Tal. Wir sehen ihr dabei zu und lauschen der Stille.

Den ungekürzten Artikel und weitere Informationen finden Sie in der aktuellen Ausgabe des ADAC-Reisemagazins "Katalonien".

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Im katalanischen Hinterland haben Bauern ihre jahrhundertealten Häuser zu Hotels umgebaut.

Der blumengeschmückte Eingang zum Haupthaus Mas Ardèvol (oben). Dahinter verbergen sich charmante Zimmer, in denen sich das Komfortable mit dem Rustikalen verbindet.

 

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