Mareile Kurtz: Pfui Spinne, Watte, Knopf – "Vollkommen irrational"

Donnerstag, 21.10.2010

In ihrem Buch "Pfui Spinne, Watte, Knopf" hat die bekennende Knopf-Phobikerin Mareile Kurtz Geschichten über kuriose Ängste aufgeschrieben. fem.com hat sie zum Interview getroffen.

Seltsame Macken, ungewöhnliche Spleens und verrückte Ticks: Das Buch "Pfui Spinne, Watte, Knopf" (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro, bestellbar z.B. über www.amazon.de) versammelt 33 Phobien - absurd, schräg und unterhaltsam.

fem.com hat Autorin Mareile Kurtz (27) spannende Details entlockt - und erfahren, was Phobiker gegen ihr Leiden tun können.

Mareile, in deinem Buch sind 32 absurde Phobien beschrieben, von denen die Welt größtenteils noch nicht gehört hat. Was ist deiner Meinung nach die absurdeste von allen - und warum?

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Absurd sind in meinen Augen alle Phobien. Auch die als "normal" geltenden Phobien wie die Angst vor Spinnen. Denn wenn man es sich mal genau überlegt, ist es vollkommen irrational, sich vor so einem klitzekleinen Krabbelvieh zu fürchten. Die Spinnenphobie gilt nur deswegen als normal, weil bekannt ist, dass viele Menschen unter dieser Angst leiden. Ich würde daher lieber von "ungewöhnlich" sprechen. Und die ungewöhnlichsten, sprich seltensten Phobien in meinem Buch, sind meiner Meinung nach die Xylophobie, der Ekel vor Holzstielen, die Spectrophobie, die Angst vor Spiegeln, die Carnophobie, die Angst vor Salamiwurst, und die Dishophobie, der Ekel vor Geschirr. Phobien wie die Angst vor Puppen und Clowns oder der Ekel vor Füßen wirken zwar auf den ersten Blick auch ungewöhnlich, sind aber alles andere als selten. Auf studivz gibt es beispielsweise zig Gruppen für Menschen mit diesen Phobien. Unter anderem eine Gruppe namens "Ich hasse Füße!". Diese Gruppe verzeichnet knapp 35.000 Mitglieder.     
Du selbst leidest unter einer Knopfphobie. Wie bitteschön kleidest du dich ohne Jeans-, Blusen- und Jackenknöpfe?
Ohne Jeans würde es schon schwer werden. Zum Glück machen mir die Metallknöpfe an einer Jeans aber nichts aus. Auch Druckknöpfe finde ich okay. Es geht nur um die glänzenden, runden Dinger, die zwei oder vier Löcher in der Mitte haben. Lustigerweise ist das bei allen Knopfphobikern genau das gleiche Phänomen. Meistens trage ich Leggins und Stoffkleider. Manchmal auch Jeans oder Jeansröcke und dazu dann T-Shirts, Pullis und Lederjacken mit Reißverschluss. Bei Mänteln muss man eben immer schauen. Vor zwei Jahren habe ich mir auf dem Flohmarkt einen alten Hippie-Mantel mit Druckknöpfen gekauft. Der ist mein ein und alles. Letzte Woche habe ich einen grünen Stoffmantel in einer Boutique entdeckt, der zwar Knöpfe hatte, den ich aber sehr schön fand. Und als ich so komisch rumgedruckst habe, hat die Verkäuferin gefragt, was los wäre. Da meinte ich: "Ich finde den Mantel toll und würde ihn eigentlich gerne haben. Aber ich finde die Knöpfe so eklig. Ich hab da so’ ne komische Phobie." Da hat die Verkäuferin gelacht und gemeint: "Witzig. Meine Freundin hat auch eine Knopfphobie. Wenn Sie wollen, ersetze ich die Knöpfe einfach durch Schnallen und Haken." Naja, und das hat sie dann gemacht und ich war glücklich und um einen Mantel reicher.
Du bist ja durch dein Buchprojekt jetzt quasi Phobien-Expertin: Wie entstehen Phobien eigentlich?
Das ist ganz, ganz unterschiedlich. Die landläufige Vorstellung ist ja, dass man in der Kindheit irgendwas Traumatisches erlebt, sich dann ein Schalter umlegt und man fortan eine Phobie hat. Das kann natürlich so sein, ist aber nur manchmal der Fall. Phobien können auch genetisch bedingt oder erlernt sein oder sich über die Jahre hinweg einfach so entwickeln. Mein Protagonist mit der Holzstielphobie zum Beispiel hat seinen Ekel erst nach dem Abitur, also so ungefähr im Alter von 20 Jahren entwickelt und hat keine Ahnung, warum. Interessant finde ich, dass sein kleiner Bruder ebenfalls einen Holzstielekel hat. Der aber schon seit der Kindheit. Ich hingegen bin die einzige in meiner Familie, die sich vor Knöpfen ekelt und wurde mit dem Spleen bereits geboren. Zumindest hasse ich Knöpfe, solange ich denken kann. Das ist also, wie gesagt, bei jedem Menschen anders und meistens ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren.
Und gibt es eine hilfreiche Strategie, wie man eine Phobie wieder loswerden kann?
Ja. Es gibt die "Systematische Desensibilisierung". Das ist eine Form der Verhaltenstherapie, die auch von der Krankenkasse bezahlt wird. Sie umfasst in der Regel um die 25 Sitzungen. Zunächst übt der Phobiker zusammen mit dem Therapeuten, den Anblick, das Geräusch oder den Geruch des Angst oder Ekel auslösenden Tiers oder Gegenstands auszuhalten. Später muss der Phobiker zu Hause selbstständig üben. Das ist meiner Meinung nach das einzige, das etwas bringt. Von Schocktherapien halte ich nicht viel. Der Fischphobikerin in meinem Buch wurde im Kindesalter beispielsweise zu Therapiezwecken von den Eltern ein Aquarium vor die Nase gestellt. Dadurch ist ihre Phobie nur noch schlimmer geworden. Wenn man von einer Phobie nicht derart eingeschränkt wird, dass man nicht mehr am alltäglichen Leben teilnehmen kann, finde ich es aber nicht notwendig, die Phobie loszuwerden. Man kann sie auch einfach als eine Schrulligkeit annehmen, die zu einem gehört und die einen sogar liebenswert und einzigartig macht und für ein paar lustige Anekdoten sorgt. Ich und die Protagonisten meines Buches nehmen unsere Ticks jedenfalls mit Humor. Doch das muss jeder Phobiker natürlich für sich selbst entscheiden.

Mareile Kurtz wurde 1983 in Ostercappeln geboren. Die Medien-Betriebswirtin arbeitete als Journalistin u.a. für das Kinomagazin Cinema und Focus Online. Ihren ausgeprägten Ekel vor Kleidungsknöpfen entdeckte sie bereits im Kleinkindalter. Anstatt eine Therapie zu machen, schreibt sie eine augenzwinkernde Phobie-Kolumne auf dem Autorenportal Philibuster.de.

"Pfui Spinne, Watte, Knopf"

"Pfui Spinne, Watte, Knopf": Die bekennende Knopf-Phobikerin Mareile Kurtz hat ein Buch über absurde Abneigungen geschrieben. Um den Titel direkt im Online-Shop zu bestellen, klicken Sie einfach auf das Cover.

 

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21.10.2010 16:00
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