Kolumne: Erwachsen werden – Wenn Papa um Rat fragt

Freitag, 26.06.2009

Karsten Weyershausen trauert seiner Jugend nicht hinterher. Denn erwachsen sein hat auch Vorteile. Zum Beispiel, weil es nett ist, wenn die Eltern einen plötzlich um Rat fragen.


Die besten Gespräche führt man seltsamerweise oft im Auto. Vielleicht weil die Enge des Innenraums an einen Beichtstuhl erinnert. Als ich das letzte Mal meinen alten Herrn um Rat fragte, besaß Michael Jackson noch eine Nase.
Damals hatte mir eine dunkelhaarige Schönheit, die ausgerechnet den Namen Julia trug, das Herz gebrochen, und ich litt, wie es nur ein verpickelter, unglücklicher Romeo mit Karottenjeans kann. Es war kein schöner Anblick. Der Leidensdruck war so groß, dass ich weder essen noch schlafen konnte. Es gab nur diese eine Sache, die mich beschäftigte. Während einer nächtlichen Autofahrt brach schließlich alles aus mir heraus.

Das Liebesleben des Vaters

Mein Vater reagierte sehr verständnisvoll. Genau so etwas sei ihm auch einmal passiert, erzählte er. Ich erinnere mich noch gut daran, wie erstaunt ich war, weil er nie zuvor so offen von seinen eigenen Erfahrungen mit dem schwierigen Geschlecht erzählt hatte. Dass er ein Leben vor meiner Geburt hatte, war mir vorher nie in den Sinn gekommen. Dass in diesem Leben noch andere Frauen als meine Mutter eine Rolle gespielt hatten, war mir auch neu. Danach war ich nicht unbedingt weiser, konnte ihn aber ein ganzes Stück besser verstehen.
Situationen wie diese bringen einander näher. Als ich flügge wurde und meine eigenen Wege ging, wurden solche Gespräche immer seltener. Für tiefschürfende Problemgespräche stand mir nun mein Freundeskreis zur Verfügung. Bis sich mein Vater einen Computer zulegte. In der Folgezeit telefonierten wir fast täglich, da er ständig mit den Tücken der Erzeugnisse eines gewissen Bill Gates zu kämpfen hatte. Zeitweise gehörte es fast zur Tagesordnung, dass er mich anrief, um sich bei mir über Flatrates, CD-Brenner oder eBay zu erkundigen.

Schön, helfen zu können!

Solche Gespräche sind zwar nicht unbedingt so gehaltvoll wie jene, die wir vor Jahrzehnten im Auto führten, doch ich möchte sie um nichts in der Welt missen. Schließlich zeigt man dem Menschen, an den man sich wendet, wenn man Probleme hat, vor allem eines: Vertrauen. Mögen die Probleme noch so banal klingen; es ist ein schönes Gefühl, einem Menschen, den man liebt, helfen zu können. Und sei es nur beim Formatieren einer Festplatte. Außerdem lerne ich dabei manchmal sogar noch etwas dazu. Danke, Microsoft!
Karsten Weyershausen

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In seinem Buch "111 Gründe, erwachsen zu werden" (Schwarzkopf &  Schwarzkopf, 9,90 Euro, bestellbar z.B. über www.amazon.de) schreibt der Autor, Cartoonist und Illustrator Karsten Weyershausen witzig und pointiert, warum er irgendwann der Kindheit abgeschworen hat.


Ein Vorteil vom Erwachsenwerden: Irgendwann geben nicht mehr nur die Eltern ihren Kindern Ratschläge, sondern auch andersherum. Hier eine Szene aus dem Film "Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich".

Ein Vorteil vom Erwachsenwerden: Irgendwann geben nicht mehr nur die Eltern ihren Kindern Ratschläge, sondern auch andersherum. Hier eine Szene aus dem Film "Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich".

 

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