Khadra Sufi im Interview – "Heute kann ich weinen"

Dienstag, 16.03.2010

Als 29-Jährige kann man normalerweise noch keine 300-seitige Autobiografie schreiben. Bei der Moderatorin und Journalistin Khadra Sufi ist das anders: Als somalische Diplomatentochter genoss sie in ihrer frühen Kindheit ein Leben voller Luxus. Doch ein Bürgerkrieg ließ ihre Welt aus den Fugen geraten.

Nun hat Khadra Sufi ihre Erlebnisse zu einem Buch verarbeitet: "Das Mädchen, das nicht weinen durfte" (Südwest Verlag, 17,95 Euro, bestellbar z.B. über www.amazon.de).

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Im Interview mit fem.com hat die 29-Jährige, die heute in der Nähe von Köln lebt, über ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte, ihren Glauben und ihr Buch gesprochen.
Khadra, Sie wurden 1980 als Diplomatentochter in Somalia geboren, lebten in Ihrer frühen Kindheit in Ostberlin und kamen mit acht Jahren nach Somalia zurück. Fühlten Sie sich damals mehr als Deutsche oder mehr als Afrikanerin?

Definitiv als Deutsche! Deutschland war das dritte Land, dass ich bis dahin kennen gelernt hatte. Wir lebten dort während meiner wichtigsten und prägendsten Kindheitsjahre. Ich hatte meine ersten Freunde, ging in den Kindergarten, dann in die "Schule der Solidarität" und war sogar Jungpionierin! Ich sog ich alles in mich auf: die Sprache, die Mentalität, das Drumherum - ich liebte dieses Land. Die Jahre in der DDR waren die schönste Zeit meiner kurzen Kindheit.

Gibt es ein besonders prägendes Erlebnis, an das Sie sich aus Ihrer Kindheit in Ostberlin erinnern können? 

Viele! Wir als Diplomaten in Ost-Berlin konnten problemlos in den Westen fahren und zurück. Mein Bruder zum Beispiel besuchte eine amerikanische Privatschule im Westen und wurde jeden Morgen von unserem Chauffeur dorthin gebracht. Mein Vater brachte uns ständig Spielzeug, Kleidung und Süßigkeiten aus dem Westen mit. Einmal war es eine Tüte voller Kirschen. Ich ging damit zum Spielplatz und als die Kinder sahen, was ich in der Hand hielt, versammelten sich alle um mich herum und streckten ihre Hände aus. Jeder wollte eine haben. Es war ihnen verboten, über diese Grenze zu fahren und sich selber welche zu holen.

Mit acht Jahren reiste Ihre Familie dann in die Heimat Somalia zurück - in eine völlig andere Welt. Welche Gefühle waren da bei Ihnen im Spiel?

Es war schlimm für mich, Ostdeutschland verlassen zu müssen. Ich hatte es bis dahin als meine Heimat empfunden und mich eingelebt. Aber ich tröstete mich damit, dass ich nun endlich meine Wurzeln kennen lernen würde und war sehr gespannt darauf. Somalia war eine völlig andere Welt, fernab von dem, was ich bisher gesehen hatte. Teilweise wunderschön und paradiesisch: Wir hatten zum Beispiel eine Villa in der Nähe vom Strand und wenn ich aus meinem Fenster schaute, blickte ich in einen Garten voller Palmen. Wenn ich meine Hand ausstreckte, kam ich sogar an die Kokosnüsse ran. Es gab ein kleines Äffchen, das mich regelmäßig an meinem Fenster besuchte, um was zu essen zu ergattern. Am liebsten mochte es Tomaten und so hielt ich immer eine bereit, falls es wieder zum Mittagessen vorbei kommen würde. Aber es gab auch viel Befremdliches für mich. Die Armut, in der viele Menschen lebten, war nicht zu übersehen.

Die Ereignisse überschlugen sich, als der Bürgerkrieg in Somalia ausbrach. Ihre Familie und Sie wurden zu Flüchtlingen...

Der Krieg kam völlig überraschend für mich. Eines Nachts hörte ich, wie draußen schwere Gefechte ausgetragen wurden. Bomben und Schüsse fielen. Unser Haus wurde übersät mit Einschusslöchern, so groß wie Tennisbälle. Von da an hieß es: Lauf - und rette dein Leben! Unsere Flucht begann. Zu sechst flohen wir von einem Ort zum anderen, quer durch Somalia. Nirgends schien es länger als ein paar Tage sicher zu sein. Es gab Nächte, da wurden wir von Lärm aus dem Schlaf geschreckt, rissen die Augen auf und blickten plötzlich in den Lauf von Maschinengewehren, weil ein Dutzend bewaffneter Soldaten uns überfiel. Das war das erste und hoffentlich letzte Mal, dass ich Todesangst hatte. Menschen wurden willenlos getötet, auf den Straßen lagen Leichen tagelang in der prallen Sonne und wurden nicht weggetragen, weil sie vom gegnerischen Klan waren. Es war ein Alptraum und wir waren gefangen in unserem eigenen Land.

Aber Ihnen gelang die Flucht.

Durch Gottes Hand haben meine Eltern, meine drei jüngeren Geschwister und ich es geschafft, unter schwersten Bedingungen aus diesem Land zu kommen. Wir landeten in Ägypten, wo wir ebenfalls lernen mussten, ums Überleben zu kämpfen - aber diesmal auf eine andere Art.

1991 kam Ihre Familie dann nach Bonn - als Asylbewerber. Was war das für ein Gefühl und wie haben Sie das mittlerweile vereinigte Deutschland aus diesem Blickwinkel heraus erlebt?

Erst einmal waren wir alle glücklich, es geschafft zu haben, wieder nach Deutschland einreisen zu dürfen. Die Zeiten hatten sich geändert: Das letzte Mal, als wir dort lebten, waren wir reiche Diplomaten, die alles hatten - jetzt waren wir arme Flüchtlinge, die um Asyl betteln mussten. Raus aus der Lebensgefahr, rein ins Flüchtlingsheim, wo man die Toilette im Flur mit sechs anderen Familien teilen musste. Als uns der Alltag eingeholt hatte, mit den Gängen zum Sozialamt, mit dem Abstempeln bei der Arbeitssuche, mit den Klamotten von der Altkleidersammlung und sehr wenig Geld, als wir realisiert hatten, wie unser Leben sich verändert hatte und dass es auch keine rosige Zukunft für uns geben würde, da kam der Zeitpunkt, an dem ich förmlich beobachten konnte, wie meine Familie und vor allem mein Vater, mein Held, daran zerbrach.

Aus welchem Grund beschlossen Sie dann im Alter von 16 Jahren, Ihrer Familie nicht nach London zu folgen, sondern allein in Deutschland zu bleiben?

Ich hatte mir bis dahin all den Druck, Probleme und das Leid meiner Familie aufgebürdet. Ich fühlte mich dafür verantwortlich, den anderen Mut zu machen und ihnen die Ängste und Sorgen zu nehmen. Ich konnte es einfach nicht ertragen, sie so unglücklich zu sehen. Trotzdem hätte ich nichts machen können, um ihnen zu helfen: Das war das Schlimmste für mich. Irgendwann beschlossen meine Eltern, in das nächste Land zu ziehen, weil wir hier in Deutschland keine richtige Aufenthaltserlaubnis bekamen. Mein Vater wollte eine gesicherte Zukunft für uns Kinder und nicht der Gefahr ausgesetzt sein, dass wir irgendwann abgeschoben werden. Also zog meine Familie nach England. Für mich kam es nicht in Frage, dieses Land noch einmal zu verlassen. Nicht noch mal fliehen, nicht noch mal neu anfangen. Ich blieb auf eigenen Wunsch zurück, musste aus der Sozialwohnung meiner Eltern raus, zog in eine Abstellkammer und danach in eine Garage. Das Einzige was ich besaß, waren zwei Matratzen. Die legte ich in der einen Zimmerecke übereinader und machte nachts in der Hoffnung die Augen zu, dass ich schnell einschlafen würde, um an meinen Sorgen nicht zugrunde zu gehen.

Haben Sie sich nicht furchtbar einsam gefühlt?

Ich habe mich gefühlt wie der einsamste Mensch auf der Welt, aber ich habe versucht, es nicht zu sehr an mich heran zu lassen. Ich war kalt, sehr hart zu mir selber - das musste ich tun, sonst wäre ich zerbrochen.

Wie erklären Sie es sich selbst, dass Sie es vom mittellosen Teenager zur erfolgreichen Journalistin, Moderatorin und Autorin geschafft haben?

Der unerschütterliche Wille hat mich damals aus diesem Loch geholt und mich dahin gebracht, wo ich heute bin. Ich habe nie aufgegeben, an mich zu glauben So habe ich die Dinge erreicht, die scheinbar unmöglich zu sein schienen. Es klingt wie eine Plattitüde, aber ich sage es aus eigener Erfahrung: Es gibt nichts, was man nicht erreichen kann, wenn man bereit ist, dafür zu arbeiten.

Haben Sie ein Lebensmotto oder gibt es einen Vorsatz, der Ihnen in diesen schweren Jahren geholfen hat?

Der Glaube an Gott, der uns in den dunkelsten und hoffnungslosesten Stunden trotzdem die Kraft gegeben hat, all das zu überstehen. Jeder Neuanfang ist eine Chance - egal, wie tief man anfängt. Durch meine Geschichte habe ich gelernt, wie besonders all das ist, was die meisten Menschen als völlig selbstverständlich betrachten. Deshalb sage ich Danke für jeden Tag, der mir geschenkt wird, für jeden Sonnenstrahl, den ich auf meiner Haut spüren darf, und für jedes Lachen, dass von Herzen kommt.

Sie scheinen wirklich eine Kämpfernatur zu sein. Doch oft fühlt man sich ja im tiefsten Innern anders, als einen viele Menschen sehen. Wie würden Sie selbst die Person Khadra Sufi in wenigen Sätzen beschreiben?

Ich bin oft auf der Suche nach dem tieferen Sinn. Ich mag keine oberflächlichen Gespräche, ich will den Menschen sehen, der da vor mir sitzt. Deshalb bin ich selber auch sehr zugänglich und offen. Ich tausche mich gern aus, interessiere mich für Geschichten und bin weltoffen. Durch meinen Beruf kann ich das auch zum Glück gut ausleben.

Ihr Buch trägt den Titel "Das Mädchen, das nicht weinen durfte" - dürfen Sie heute weinen?

Ja, weil es wichtig ist, auch schwach sein zu können. Das musste ich erst einmal lernen. Wer zu stark ist, ist  meist auch zu hart zu sich selber. Es ist völlig okay, Schwächen zu haben - das ist der Mensch in dir.

Warum haben Sie sich entschlossen, Ihre Lebensgeschichte zu einem Buch zu machen?

Es war - wie vieles im Leben - ein Zufall, oder eher eine Schicksalsbegegnung, die mich dazu gebracht hat, dieses Buch  zu schreiben. Es gibt viele Menschen, die etwas zu erzählen haben und die besten Geschichten schreibt das Leben. Ich habe auch eine Geschichte zu erzählen - und die Gelegenheit dazu habe ich genutzt. Während ich das Buch geschrieben habe, war ich natürlich auch dazu gezwungen, das Geschehene intensiv zu verarbeiten. Das war teilweise sehr schwer, aber es hat mir letztendlich gut getan und mir geholfen, ein altes Kapitel abzuschließen und ein neues anzufangen.

Interview: Annika Mengersen

Luxuriöse Kindheit in Ostdeutschland, Flucht aus Somalia, Existenzängste in Bonn: Khadra Sufi hat mit ihren 29 Jahren schon mehr erlebt, als manche 60-Jährige. Nun hat die in Deutschland lebende Afrikanerin ein Buch über ihre ungewöhnliche

Luxuriöse Kindheit in Ostdeutschland, Flucht aus Somalia, Existenzängste in Bonn: Khadra Sufi hat mit ihren 29 Jahren schon mehr erlebt, als manche 60-Jährige. Nun hat die in Deutschland lebende Afrikanerin ein Buch über ihre ungewöhnliche Geschichte geschrieben: "Das Mädchen, das nicht weinen durfte". Um den Titel direkt im Online-Shop zu bestellen, klicken Sie auf das Cover!

 

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16.03.2010 13:52
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