Immer erreichbar - Brainfuck – "Mach' dich rar!"

Mittwoch, 15.04.2009

Anne Probst über Omas Weisheiten - und darüber, wie Handys und Facebook Frauen entwaffnen.

Omas Hausmittelchen funktionieren in der Regel: der Trick fürs korrekte Maschen-Fallenlassen oder wie man mit Hautcreme einen Kaugummi aus dem Haar läst.

Bei einem Tipp hat sie allerdings leicht reden: "Mach' dich rar, mein Kleines! Dann wird er schon ankommen..." Ich hab's versucht, Oma. Aber im digitalen Zeitalter von Handys, Lokalisten und Facebook müsste ich schon Totalverweigererin neuer Medien werden oder lernen, Raum und Zeit zu überwinden, wollte ich mich auch nur ansatzweise rar machen.

Die neuen Kommunikationstechnologien schenken uns eine Dauerpräsenz. Sie nehmen uns aber auch einiges: eine anständige Streitkultur zum Beispiel, Mut und vielleicht eine der stärksten Waffen der Frau - nicht immer abrufbar zu sein.

Der perfekte Streit

Letztes Wochenende der perfekte Streit: er und ich draußen vor dem Club. Unsere Arme fuchteln wild in der kalten Luft. Ich schreie irgendwas. Er auch. Dann tippele ich - er hätte mich einholen können - auf die andere Straßenseite. Ein Wink: Taxi! Ich fahre davon, und er blickt mir nach.

Ein guter Abgang. Solche Bilder bleiben im Gedächtnis. Im Taxi denke ich noch: "So schnell sieht der mich nicht wieder. Ich bin nicht selbstverständlich wie der Sonnenaufgang." Seine erste SMS kommt nach wenigen Minuten. Dann ein Anruf. Am Morgen danach fahre ich den PC hoch und sehe, dass er bereits online war - auf Facebook und den Lokalisten. Er hat mich angeklickt und gepostet: "Peace?"

Selbst wenn ich nicht antworte - keine SMS ist auch ein Statement. Das Handy-Ausmachen kann er auch als Aussage verstehen. Und im Netz bekommt er immer ein Stück virtuelle Anne. Dabei will ich doch nichts - außer nichts tun!

Die alte Schule

Oma hat keiner angeklickt oder ein Streit-Protokoll zugesimst. Bei ihr klopften die Büßer noch an die Tür und brachten die Entschuldigung persönlich vorbei - oder holten sich persönlich den Korb ab. Auch ich erinnere mich noch an die Zeit vor Handy und Internet. Damals war schon das Anbandeln eine Mutprobe. Man musste noch was wagen.

Von wegen eine kurze SMS à la "hättest du vielleicht Lust mit mir...". Erstmal über StudiVZ oder Facebook die digitale Freundschaft anbieten; die Profilbilder durchstöbern; abchecken, ob derjenige schon vergeben ist... - früher habe ich das Festnetz in mein Zimmer geholt, tief eingeatmet und bei dem Objekt meiner Begierde angerufen. Ohne im Vorfeld ein Persönlichkeitsprofil erstellt zu haben.

Die gläserne Frau

Was das Streiten und Balzen angeht, sind Omas und meine Situation nicht mehr vergleichbar. Omas Weisheit ist allerdings immer noch aktuell. Denn sich mit ein wenig Mythos zu umgeben, hat noch keiner Frau geschadet. Wer nicht immer da ist, nach dem kann man sich auch sehnen.

Die moderne Frau ist fast immer erreichbar. Sie macht sich eher öffentlich als rar. Im Internet lädt sie Urlaubsbilder vom Plattensee hoch. In die Statusanzeige bei Facebook tippt sie sogar ein, wenn sie eine Magen-Darm-Verstimmung hat. Im Sinne der Web-2.0-Mentalität könnte ich für den Mann, der mich zuletzt ins Taxi hat steigen sehen, bei Facebook die Nachricht hinterlassen: "Anne - schmollt".

Viel lieber will ich allerdings schreiben: "Anne wird Totalverweigererin". Denn auch, wenn das Internet den Jagdgefilden des 21. Jahrhunderts entspricht, und auch, wenn es schön ist, eine Kurztextnachricht auf der Zugspitze zu empfangen - immer abrufbar sein bringt die Frau um die stärkste Waffe überhaupt: für ihn auch mal unerreichbar zu sein!
DIE AUTORIN VON BRAINFUCK:
Anne Probst ist ein mediales Multi-Talent. Sie arbeitet als Regisseurin, Fernsehkolumnistin und Autorin. Die studierte Philosophin hat lange in London gelebt und trägt nach eigenen Angaben ihr "Herz im Kopf". Klingt kompliziert? Ist es nicht: Annes journalistische Spezialgebiete sind Emo-Themen. "Eins plus eins ist nicht gleich zwei" sagt sie und geht dieser Ungleichung von Berufswegen auf den Grund. Wo sie ihr Wissen sammelt werden wir nie erfahren, dafür teilt sie ihre Erkenntnisse als Autorin mit fem.com.

"Mach' dich rar, Mädchen!" Omis Tipp zu beherzigen, ist im Zeitalter des Web 2.0. kaum noch möglich.

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Anne Probst über Omas Weisheiten - und darüber, wie Handys und Facebook Frauen entwaffnen.
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15.04.2009 09:46
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