"Du sollst nicht lügen" - Interview – "Weniger lügen tut gut"

Mittwoch, 09.06.2010

Was passiert, wenn man 40 Tage versucht, nicht zu lügen? Der Journalist Jürgen Schmieder hat's ausprobiert - und ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. Im fem.com-Interview erzählt er, wie er sich durch das Projekt verändert hat.

Jeder Mensch lügt 200-mal am Tag. Meist nur, um nicht anzuecken. Jürgen Schmieder wagte es, 40 Tage lang auf alle (Gefälligkeits-)Lügen - zu verzichten. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellte. Egal, ob im Ehebett, bei der Steuererklärung oder im Büro: Sein Vorsatz brachte Schmieder immer wieder in Gewissenskonflikte und brenzlige Situationen.

In seinem Buch "Du sollst nicht lügen. Von einem, der auszog, ehrlich zu sein" (C.Bertelsmann, 14,95 Euro, bestellbar z.B. über www.amazon.de) berichtet der Journalist von seinen Erfahrungen mit der schonungslosen Wahrheit.

Herr Schmieder, 40 Tage die Wahrheit sagen - klingt wirklich nach einem harten Projekt. In welchem Moment haben Sie sich am meisten gewünscht, niemals auf diese Idee gekommen zu sein?

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Das war bereits am Anfang, als mich die Ex-Freundin meines besten Freundes fragte, was denn in ihrer Beziehung nicht funktioniert habe. Ich hätte am liebsten gelogen und  gesagt: "Ich weiß es nicht!" So aber musste ich ehrlich sein und sagte: "Ganz einfach: Er hat mit anderen Frauen geschlafen!" Noch schlimmer war, dass ich es meinem Freund beichten musste - auch da hätte ich mir gewünscht, ihn einfach anlügen zu dürfen.

Schätzen Sie mal: Wie oft haben Sie in den 40 Tagen geschwiegen, statt die Wahrheit zu sagen?

Nicht ein Mal, denn schweigen kann auch lügen sein. Es gilt folgende Faustregel: Wenn jemand direkt fragt oder wenn man selbst das Gefühl hat, gerne etwas zu sagen - und man schweigt, dann gilt es als Lüge. Deshalb habe ich nicht wirklich oft geschwiegen. 

Ihre Frau war am Anfang gegen das Projekt. Am Ende fand sie es gar nicht mehr so schlecht. Warum hat sich das Blatt gewendet?

Sie hatte vor allem Angst, dass ich Dinge aus unserem Privatleben ausplaudern würde - und dass ich sie stets kritisieren würde. Nur: Zur Ehrlichkeit gehören auch ehrliche Komplimente - und davon gab es reichlich. Außerdem haben wir beide eingesehen, dass ein ehrliches Wort nicht unbedingt gleich zu Streit führen muss, sondern einer Beziehung eine komplett neue Dimension eröffnet.

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Wie hat sich Ihre Beziehung dadurch verändert?

Wir gehen nun ehrlich miteinander um und sagen uns in fast jeder Situation ehrlich die Meinung. Manche Mitmenschen sind erstaunt, wie direkt wir zueinander sind - aber wir führen eine lustigere und glücklichere Beziehung als zuvor.

Ihr Buch wirkt ziemlich authentisch und enthält viele reale Situationen - zum Beispiel auch aus dem Büro. Wie haben Kollegen und Freunde darauf reagiert, dass sie in Ihrem Buch auftauchen?

Die einen freuen sich und haben bereits gefordert, sich selbst spielen zu dürfen, sollte das Thema jemals verfilmt werden. Andere waren zögerlich und wollten, dass ihre Namen und Berufe geändert werden - was ich auch getan habe. Es hat sich nach dem Erscheinen jedoch niemand bei mir beschwert. Also gehe ich davon aus, dass alle zufrieden sind, wie sie dargestellt wurden.

Haben Sie auch Situationen verändert?


Ich habe die Chronologie verändert, um einen dramatischeren Bogen zu spannen. Aber ich kann mit gutem Gewissen sagen: Ich habe alles so erlebt, wie es im Buch beschrieben ist. Denn es wäre ja paradox, ein Buch über Ehrlichkeit zu schreiben und darin zu lügen.

Was war ihre erste Lüge, nachdem die 40 Tage vorbei waren?

Es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern - so wie Menschen nach der Fastenzeit nur schwer sagen können, ob das erste Stück Schokolade nun Nougat oder Alpenmilch oder Trauben-Nuss war. Ich glaube, ich habe beim Mittagessen behauptet, dass es mir schmecken würde...

Wie halten Sie es heute mit dem Lügen? Sagen Sie häufiger die Wahrheit als früher - oder sind Sie in den Alltags-Lügen-Trott zurückgekehrt?

Ich bin auf jeden Fall ehrlicher als zuvor, weil ich gemerkt habe, dass viele Lügen, die wir täglich verwenden, einfach nur schäbig sind. Ich denke, die Frage sollte nicht lauten: Lügen - ja oder nein. Die Frage muss vielmehr sein: Wie viele Lügen braucht es wirklich? Und ich glaube, dass jeder von uns - nicht nur Politiker und Versicherungsvertreter - auf mindestens 50 Lügen pro Tag verzichten könnte. Und ich glaube, dass dann wirklich viele Menschen glücklicher wären.

Ihr persönliches Fazit aus 40 Tage die Wahrheit sagen?

Ich kann jedem nur raten, sich bei meinen Erlebnissen im Buch wiederzuerkennen und zu sagen: Diese Situation kenne ich, das versuche ich jetzt auch mal! Vielleicht nicht 40 Tage lang, sondern einen Tag oder eine Woche. Auf jeden Fall hoffe ich, dass Menschen erkennen, dass es vielleicht nicht ganz ohne lügen geht - aber dass weniger Lügen den Menschen gut tun würden.

Interview: Annika Mengersen

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40 Tage nicht lügen

40 Tage nicht lügen: Der Journalist und Autor Jürgen Schmieder begab sich auf eine schwierige Mission. Im fem.com-Interview erzählt er, was dabei herausgekommen ist. Um Schmieders Buch "Du sollst nicht lügen" online zu bestellen, klicken Sie einfach auf das Cover!

 

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09.06.2010 18:02
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