China, die türkise Couch und ich – Yŭsăn, yŭsăn!

Freitag, 17.12.2010

Sonja Piontek gibt in ihrem Buch "China, die türkise Couch und ich" Einblicke in den ganz normalen Alltagswahnsinn in China. Hier gibt's eine Leseprobe.

Yŭsăn, yŭsăn!

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Es regnet nicht oft in Bĕijng. Doch wenn es regnet, dann scheint es, als ließen die Götter ihrem über Monate angestauten Zorn freien Lauf. Hämisch lachend sitzen sie auf ihren Wolken und ertränken die Stadt im Nass. Nicht Eimer-weise, nein Zuber-weise schütten sie das Regenwasser auf Bĕijng und seine Bewohner. Wer sich noch rechtzeitig unterstellen kann, hat Glück. Wer sich draußen befindet und den Naturgewalten ausgesetzt ist, der hat in jedem Fall - auch mit Schirm -  klatschnasse Hosenbeine, ruinierte Schuhe und eine relativ überflüssige Erfahrung hinter sich.

Ein rettendes Taxi

Die Wolken sehen schon gefährlich dunkel aus. Ich stehe am Straßenrand und sehe mit skeptischer Ehrfurcht nach oben. Mein Schirm steht zu Hause, ganz toll. Also stelle ich mich möglichst gut sichtbar (aber noch in überfahr-sicherer Distanz) an den Straßenrand und winke nach dem grün-gelb lackierten Taxi, das auf mich zukommt, doch es ist schon besetzt. Das nächste auch. Wie auch die drei Taxen, die auf der anderen Straßenseite fahren. Ich winke verzweifelt weiter und blicke einem besetzten Taxi nach dem anderen nach. Langsam verliere ich die Hoffnung. Die dunklen Wolkenformationen am Himmel wirken immer bedrohlicher auf mich. Doch dann, in letzter Minute, nur ganz kurz vor dem Wolkenbruch, wird mein Flehen erhört und ein Taxifahrer hält mit quietschenden Bremsen neben mir an, und das obwohl der Herr mit Sicherheit nicht schneller als 20 km/h unterwegs war. Ich bin dennoch erleichtert! Denn hat es erst angefangen zu schütten, ist es so gut wie unmöglich, in Peking noch ein Taxi zu bekommen.

China, die türkise Couch und ich – Alltag China-Style

Endlich nach Hause
Ich bin neu in der Stadt und dementsprechend unbeholfen ist mein Chinesisch auch noch. Irgendwie mache ich dem Fahrer dennoch klar, dass ich nach Hause fahren möchte. Wir wohnen in einer wunderschönen chinesischen Wohnanlange am Rande der Stadt, die Yosemite heißt, allerdings nur auf Englisch und das versteht der Fahrer nicht. Deswegen habe ich den chinesischen Namen auch schon gelernt und so wiederhole ich immer wieder "Yōu Shān Mĕi Dì“. Dabei versuche ich krampfhaft, die Tonhöhen genau richtig zu treffen. Betont man ein Wort nämlich nur marginal anders, so hat es im phonetisch überaus präzisen Mandarin oft eine völlig andere Bedeutung und das Gegenüber hat schlichtweg keine Chance mehr, zu verstehen, was man eigentlich sagen will. Getrost im Sinne der bayrischen Weißbierwerbung, bei der ein ausländischer Tourist im Biergarten freudestrahlend wie folgt sein Bier bestellt: "Bitte einen Teppich kaufen, danke.“ Ich scheine aber einigermaßen richtig betont zu haben, denn irgendwann nickt der Fahrer und fährt los. Ich lehne mich zurück und lausche der bereits so vertraut klingenden Schepperstimme aus dem Taxameter, das in Peking eigentlich immer ohne Diskussionen eingeschaltet wird. Mit fast beängstigender Begeisterung krächzt die weibliche Tonbandstimme aus dem kleinen Gerät zuerst in Chinesisch ihr "Huān Yíng Guāng Lín“ und begrüßt mich dann euphorisch auf Englisch mit den Worten "Welcome to take Bĕijng Taxi!“. Dann schweigt der Kasten. Ich bin glücklich, dass ich im Trockenen sitze und schon bald zu Hause sein werde. Draußen regnet es mittlerweile, und zwar ziemlich stark. Von allen Seiten prasseln wütende Tropfen wie Geschosse gegen unsere Fenster. Der Scheibenwischer kämpft auf höchster Stufe. Viel sehen kann der Fahrer dennoch nicht. Die Mischung aus lautstark aufprallenden Wassertropfen und dem fast schwarzen Schmier auf der Windschutzscheibe nimmt ihm völlig die Sicht. Entsprechend langsam kämpfen wir uns voran. Der gesamte Verkehr reduziert sich auf Schneckentempo, und draußen wütet das zornige Nass. Dennoch fällt mir zu meiner Verwunderung auf, dass nicht ein einziges Auto die Scheinwerfer angeschaltet hat. Das Verhältnis der Chinesen zum Lichtschalter im Auto ist vorsichtig ausgedrückt generell noch ein wenig ausbaufähig.

#So fahren wir für ungefähr 20 Minuten. Bis der Fahrer plötzlich am Straßenrand bei einem Kiosk und ein paar durch den Regen besonders schäbig aussehenden Hütten anhält und mir ein recht rau klingendes "Yŭsăn“ entgegen schmettert. Ich gehe davon aus, ihn  durch den starken Regen schlecht verstanden zu haben und wiederhole freundlich mein "Yōu Shān Mĕi Dì“. Er winkt ab und wiederholt ganz bestimmt "Yŭsăn“! Und noch einmal "Yŭsăn“. Und dann zeigt er auch noch auf die Hütten am Straßenrand. Ich weiß nicht was er meint, versuche ihm aber klar zu machen, dass ich hier nun wirklich nicht wohne. Ich will nicht zu seinem Yŭsăn, was auch immer das heißt, sondern nach Yōu Shān Mĕi Dì. Irgendwie schaffe ich es, ihm klar zu machen, dass wir noch nicht da sind und er weiterfahren soll. Nach etlichem hin und her dreht er sich mit einem verzweifelt klingenden Stöhnen um, murmelt noch zwei dreimal sein Yŭsăn und fährt schließlich weiter.

Die Ungeduld wächst
   
Um nach fünf Minuten erneut am Straßenrand anzuhalten. Mein Gott, was will er denn nun schon wieder? Aber ich hätte es mir ja denken können. "Yŭsăn“. Natürlich "Yŭsăn“. Wenn er doch endlich begreifen würde, dass ich einfach nur heim nach Yōu Shān Mĕi Dì will. Vielleicht versteht er mich besser, wenn ich meine Stimme anhebe: "YŌU SHĀN MĚI DÌ“... Mensch, kann doch nicht so schwer sein! Doch nein, er fängt schon wieder mit seinem "Yŭsăn, yŭsăn“ an und fuchtelt mittlerweile noch dazu recht aufgeregt mit seinen Armen umher. Irgendwie fast witzig, denn mir scheint, als sei er von meiner Begriffsstutzigkeit genauso genervt wie ich von seiner. Aber dann kommt das Höchste, er steigt einfach aus! Wir stehen am Straßenrand irgendwo außerhalb von Bĕijng, draußen schüttet es in Strömen, ich will nichts als nach Hause und mein sagenhafter Yŭsăn-Held steigt einfach aus und rennt davon. Na toll. Mich wie ein zur Ferienzeit am Autobahnrand stehen gelassener Hund fühlend sitze ich alleine in seinem Taxi. Der Motor hustet vor sich hin und ganz kurz kommt mir sogar der Gedanke, einfach auf den Fahrersitz zu klettern und endlich in mein geliebtes Yōu Shān Mĕi Dì zu fahren. Aber natürlich tue ich dies nicht, sondern harre einfach der Dinge. Ich starre stoisch auf den Wasserfall, der die Windschutzscheibe hinunter jagt, lausche dem fast monotonen Prasseln des Regens auf dem Dach und wundere mich einfach nur darüber, wie fremd mir dieses Land doch noch ist. Warum kann mich der gute Mann nicht einfach nach Hause fahren? Warum nur wiederholt er immer wieder diese dämlichen zwei Worte, wo ich mein Yōu Shān Mĕi Dì doch so perfekt einstudiert habe. Und warum zum Teufel ist er jetzt da draußen und WAS genau macht er? Ich bin kein phantasieloser Mensch, aber mir fällt beim besten Willen nichts ein, was der Mann da draußen tun könnte. Die Regentropfen hämmern nach wie vor auf das Dach des Taxis. Fast hämisch scheinen sie die Worte "Yŭsăn“ zu raunen. "Yŭsăn, yŭsăn, yŭsăn,....“

Beschämt
Ich erschrecke fast, als plötzlich die Türe auf geht und der mittlerweile klatschnasse Taxifahrer (endlich!) wieder auf seinem Fahrersitz Platz nimmt. Das schwarze Haar hängt ihm in nassen Strähnen ins Gesicht, und ich sehe, wie ein kleiner Tropfen langsam seine Wange runter läuft. Am Kinn hält er kurz inne, wackelt ein, zwei mal unentschlossen um kurz darauf mit einem stummen Platsch auf der durchnässten und fälschlicherweise nur mit zwei Streifen versehenen "Adiddas“-Jacke des Mannes zu landen. Irgendwas hält dieser in der Hand. Es ist eine von Wassertropfen übersäte Plastiktüte mit länglichem Inhalt. Also hat er etwas gekauft. Was, ist mir mittlerweile egal, ich will einfach nur heim. Ich bin genervt. Doch dann dreht er sich zu mir um und tut etwas, das mich angesichts meiner Genervtheit und völlig falschen Einschätzung dieser Geste bis heute zutiefst beschämt. Mit einem riesigen Strahlen im Gesicht greift er in die Tüte und  reicht mir einen Schirm. Dann sagt er in einfachstem Englisch: "Yŭsăn, for you!“, dreht sich um und fährt mich auf direktem Wege nach Hause. Keine 10 Minuten später bin ich in Yosemite. Um einen Schirm und eine wundervolle Erfahrung reicher. Allerdings noch immer sprachlos und beschämt.

Noch ein Leseprobe gefällig? Was ist eigentlich Thomas' Problem?

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Sonja Piontek (geb. 1976) studierte Kulturwirtschaft mit Schwerpunkt Südostasienkunde an den Universitäten Passau und Padjadjaran (Bandung, Indonesien). Bei einem mehrjährigen Aufenthalt in Neuseeland begann sie als freie Autorin zu schreiben. Das Buch "China, die türkise Couch und ich" entstand während ihrer dreijährigen Arbeit in Peking, wo sie als Marketing-Managerin tätig war.
Das Buch "China, die türkise Couch und ich" ist im Conbook Verlag erschienen und über www.amazon.de bestellbar.

Autorenfoto: Nick May

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17.12.2010 11:59
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