China, die türkise Couch und ich – Thomas' Problem

Freitag, 17.12.2010

Sonja Piontek gibt in ihrem Buch "China, die türkise Couch und ich" Einblicke in den ganz normalen Alltagswahnsinn in China. Hier gibt's eine Leseprobe!

Thomas' Problem

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Thomas hat einen Dachschaden. Diesen verdeckt er mit einem Tuch. Natürlich könnte er die völlig zerhackte Zimmerdecke im Bereich der mittleren Fensterfront auch reparieren lassen. Aber die Lust, noch einmal Handwerker in seine Wohnung zu lassen, hat er vorerst verloren.
Es ist ein Mittwoch im Oktober. Draußen windet es ein wenig, generell ist aber ein schöner Tag. Gegen 19:30 Uhr klappt Thomas sein Laptop zu und macht sich auf den Weg nach Hause. Doch hier ist nichts mehr wie es einmal war. Denn da, wo er noch am Vorabend am Fenster seines Apartments im 29. Stock stand und mit einem kühlen Tsingtao Bier den Blick über die nächtliche Stadt genoss, erstreckt sich heute nichts als ein Scherbenfeld. Abertausende von kleinen Glasteilen liegen über den Boden zerstreut. Dahinter: ein gähnendes Nichts. Denn da, wo die Scheibe dem Betrachter noch gestern Sicherheit bot, befindet sich jetzt ein klaffendes Loch. Das mittlere Glaselement der schicken Fensterfront ist total zerstört.

China, die türkise Couch und ich – Alltag China-Style

Verständigungsprobleme

Thomas schluckt erstmal tief. Eine 1,50 m breite und 2,50 m hohe Öffnung im 29. Stock sieht man nicht jeden Tag. Vor allem aber ist es richtig gefährlich. Denn nur wenige Zentimeter hinter der herausgebrochenen Fensterscheibe geht es im 90 Grad Winkel ohne weitere Absicherung 29 lange Stockwerke in die Tiefe. Unverzüglich ruft Thomas das Management Office an. Die Dame am anderen Ende der Leitung allerdings scheint überhaupt nicht zu verstehen, worum es hier geht. Und so nimmt das Gespräch einen für China typischen Verlauf.
Mrs. Táng (notorisch heruntergeleiert): "Hallo hier ist das Management Büro, mein Name ist Mrs. Táng, wie kann ich helfen?"
Thomas: "Hallo hier ist Thomas, Apartment Nr. 2903. Das mittlere Fenster in meinem Wohnzimmer ist kaputt."
Mrs. Táng: "Hallo. Ich wiederhole. Apartment Nummer zwei-neun-null-drei."
Thomas: " Ja, 2903. Das Fenster in meinem Wohnzimmer ist kaputt.
Mrs. Táng: "Sie wollen die Fenster putzen lassen?"
Thomas: "Nein! Das Fenster ist kaputt. Und zwar im neun-und-zwanzigsten Stock."
Mrs. Táng: "Wann wollen sie die Fenster putzen lassen?"
Thomas (sichtlich genervt): "Nicht Putzen! Das Fenster ist kaputt. Keine Scheibe mehr!"
Mrs. Táng (die Ruhe selbst): "Kein Problem. Die Fenster sind sehr gute Qualität und können nicht kaputt gehen."
Thomas (mit leicht erhöhter Stimme): "Das Fenster IST aber kaputt!"
Mrs. Táng: "Bitte rufen Sie morgen nochmal an."
Noch bevor er etwas erwidern kann, legt sie auf. Alle weiteren Versuche wären jetzt nur vergeudete Zeit. Thomas vertagt das Problem also zwangsweise auf morgen und geht ins Bett.
Ein neuer Tag beginnt. Zu Thomas großer Freude hat Mrs. Táng die Nachtschicht beendet und Mrs. Féng, die jetzt verantwortlich ist, ist wesentlich pfiffiger. Sie versteht das Problem sofort und kommt binnen zehn Minuten mit drei Handwerker in Thomas Wohnung. Die Gruppe ist sichtlich bestürzt, als sie die fehlende Scheibe erblickt, sichert die Gefahrenstelle aber im Nu durch das Anschweißen von Sicherungs-Stangen zwischen die einst schicken weißen Stahlelemente. Zwar kann jetzt niemand mehr runterfallen, aber die Stahlträger und Teile des Parketts sind damit endgültig ruiniert.

Ein Drahtseilakt
Schon morgen soll die fehlende Scheibe ersetzt werden. Solche Dinge gehen in China schnell. Da Thomas unter Tags nicht zu Hause sein kann, wird seine Āyí, also seine Haushälterin, sich darum kümmern. Als er am Abend die Wohnung betritt, ist jedoch nichts passiert. Nach wie vor klafft das große Loch hinter den provisorisch angeschweißten Sicherungs-Stangen. Der Grund, warum sich noch nichts getan hat, ist eigentlich recht banal. Man hätte wohl doch keine Scheibe dieser Größe parat. Thomas gibt sich damit jedoch nicht zufrieden und nach einigem Hin und Her scheint es doch irgendwo eine entsprechende Scheibe zu geben. Diese steht wahrlich am nächsten Tag nachmittags bereit und wird unter großen Schwierigkeiten und etlichem Stöhnen in den Lastenaufzug und damit in den 29. Stock gebracht. Oben angekommen tragen fünf Arbeiter die kostbare knapp vier Quadratmeter-Scheibe mit vereinten Kräften (aber ohne die für den Glastransport so praktischen Haftsauger, Handschuhe oder sonstige Hilfe) in die Wohnung. Dann halten zwei Mann das gute Stück fest, während die anderen Arbeiter die Sicherheits-Stangen von den verkratzten Designer-Balken entfernen.

Nach etwa einer Stunde liegt der Abgrund wieder gefährlich frei. Ein leichter Herbstwind bläst den Männern durchs Haar, als wolle er sie vor der möglichen Gefahr warnen, die das Loch jetzt wieder birgt. Vorsichtig und mit deutlich kleinen Schritten nähern sie sich gemeinsam der Fensterfront. Die Scheibe haben sie zwischen sich genommen, drei Männer rechts, zwei links. Langsam, ganz langsam werden sie sie von unten zwischen die zwei Stahlträger einfügen. Das ist der Plan. Da der Vermieter jedoch nachträglich ein besonderes Parkett hat einbauen lassen reicht die Höhe zwischen Boden und Decke gerade nicht mehr aus, um die Scheibe gekippt von unten in die gewünschte Position einhebeln zu können. Also muss ein neuer Plan her. Doch als Plan kann man das darauf folgende Desaster wohl nicht bezeichnen. Denn die Männer versuchen, die Scheibe unten so weit nach draußen zu halten, dass sie sie oben in den Spalt einfügen können. Hierzu muss die Scheibe von Hand aus der Wohnung heraus (!) über den Abgrund (!!) aus dem 29. Stock (!!!) gehalten werden, um dann geschickt von oben in den engen Spalt eingefügt zu werden… Schade, dass in diesen Minuten keine Video-Kamera läuft. Denn zumindest im Internet hätte sich der nahezu filmreife Absturz unserer Glasscheibe richtig gut gemacht.
Von einem markerschütternden Schrei untermalt ist die 1,50 x 2,50 Meter große Scheibe den fünf armen Männern einfach aus der Hand geglitten und die 29 Stockwerke am Haus entlang in die Tiefe gerast. Dass bei diesem fatalen Unfall niemand verletzt worden ist, grenzt wahrhaft an ein Wunder. Und so ist die traurige Bilanz des Tages Gott sei Dank nur: eine ‚verlorene‘ Glasscheibe, ein paar erschreckte Anrufe beim Management, ein völlig ruiniertes Blumenbeet sowie eine lauthals heulende Āyí.

Auf ein Neues
Für den Versuch zwei am nächsten Tag hat man dazu gelernt. Ein so riskantes Manöver wie gestern will das Team nicht wiederholen, also wird eine Alternative diskutiert. Während Thomas (weiterhin vom Schlimmsten ausgehend) in der Arbeit sitzt und seine Āyí (noch sichtlich schockiert von den gestrigen Vorfällen) mit Argusaugen in der Wohnzimmertüre steht, begeben sich die Handwerker rechts und links auf eine A-förmigen Leiter und schlagen wie wild auf die Decke in der Nähe des kaputten Fensters ein. Die Höhe des Zimmers ist zu niedrig, um die Glasscheibe von innen einfügen zu können. Also wird sie in Fensternähe kurzerhand durch das Wegschlagen etlicher Zentimeter Deckenbeton höher gemacht. Um auch wirklich sicher zu gehen, dass sie zweite Scheibe erfolgreich eingefügt werden kann, gehen die Arbeiter hierbei recht großzügig vor. Dass sie sich in ihrem Eifer nicht durch die gesamte Decke schlagen ist verwunderlich, denn beinahe sieht es danach aus.
Nach über sechs Stunden und der Anhäufung eines großen Berges Decken-Schutt gelingt es ihnen tatsächlich, die neue Scheibe anzubringen. Da man die Gefahr nicht mehr eingehen wollte, eine zweite Scheibe beim Einsetzen in die Stahlelemente zu verlieren wurde schlichtweg eine auf beiden Seiten drei Zentimeter breitere Scheibe bestellt. Diese sitzt jetzt nicht mehr formschön zwischen den Stahlelementen, sondern schlichtweg hässlich davor. Mit ganz viel Silikon wird sie von innen an die Träger geklebt. Der Auftrag ist damit erfüllt. Ohne auch nur einen Versuch zu unternehmen, die zerklüftete Decke zu reparieren, verlassen die Arbeiter das durch die neu angebrachte Scheibe entstandene Trümmerfeld. Ihr Auftrag ist schließlich erfüllt und der sah beim besten Willen weder das Aufräumen noch das Richten der zerstörten Decke vor. So ist das eben.
Ziehen wir die Bilanz:

  • Die erste Scheibe ist zerschmettert. Aber wo ist das Problem? Es wurde ja eine neue bestellt.
  • Die zweite Scheibe wurde nicht sauber in den Spalt zwischen die schicken Stahlträger eingefügt, sondern hässlich von innen angeklebt. Aber wo ist das Problem? Die Scheibe ist dran und bietet jetzt wieder den nötigen Schutz.
  • Das Parkett ist völlig zerkratzt. Aber wo ist das Problem? Die Āyí hat ja den Teppich, der davor unter dem Kaffee-Tisch war auf die ruinierte Stelle vor dem Fenster gelegt.
  • In der Decke ist noch immer ein klaffendes Loch. Aber wo ist das Problem? Auch dieses kann ja theoretisch wieder repariert werden.
  • Wo genau ist also Thomas Problem?

Noch ein Leseprobe gefällig? Yŭsăn, yŭsăn!

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Sonja Piontek (geb. 1976) studierte Kulturwirtschaft mit Schwerpunkt Südostasienkunde an den Universitäten Passau und Padjadjaran (Bandung, Indonesien). Bei einem mehrjährigen Aufenthalt in Neuseeland begann sie als freie Autorin zu schreiben. Das Buch "China, die türkise Couch und ich" entstand während ihrer dreijährigen Arbeit in Peking, wo sie als Marketing-Managerin tätig war.

Das Buch "China, die türkise Couch und ich" ist im Conbook Verlag erschienen und über www.amazon.de bestellbar.

Autorenfoto: Nick May

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17.12.2010 16:19
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