Brainfuck: neue Kolumne – Anne Probst in Endzeitstimmung

Mittwoch, 05.11.2008

Können Sie es hören? Ein zartes Tick - und ein feines Tack. Es beginnt ganz leise.


Dann hämmert es immer lauter bis das Tick Tack schließlich dauerpräsent wird, unmittelbar im Ohr sitzt wie ein Tinnitus. Das biologische Uhrwerk wird bei jedem irgendwann hörbar. Mit den Jahren schaltet sich es sich in unseren Alltag ein, gibt den Takt vor, und bringt uns schließlich um den Verstand, wenn wir dem Geticke nicht nachgehen und - uns endlich Kinder wünschen.

Sie sehen überall nur noch Babys?

Wenn die biologische Uhr mal fühlbar schlägt, verändert sich die Wahrnehmung einer jungen Frau: Überall blitzen Kinder auf anstelle von Designer-Labels. All die süßen Racker, die beim Anstehen in der Bäckerei aufgeweichte Brezel-Stückchen umherspucken; die auf ihren Dreirädern Schlangenlinien ziehen, so dass es auch in der größten Eile auf dem Gehsteig kein Vorbeikommen gibt; und erst ihr Geschrei, das in unseren hormondurchbluteten Ohren klingt wie Alicia Keys. Plötzlich ist alles süß, was vorher genervt hat. Das ist noch der angenehme Teil.

Prosecco, Designer-Labels? Passé!

Wirklich hinterrücks ist, dass die Biouhr unser Gehirn wäscht. Sie tickt unaufhörlich, immer lauter bis eine Art Endzeit-Rythmus in unserem Oberstübchen eingekehrt ist. Einst straffe Vorstellungen eines erfüllten Lebens nur mit sich selbst werden porös wie trockene Erde. Lineare Gedanken werden mühsam, weil unser Geist nur noch um ein Thema kreist: Familie! 

Unter Freundinnen höre ich nicht mehr das Klirren unserer vollen Gläser. Statt Prosecco prickeln die Worte "Mann", "Kinder", "Familie", und "Alter" auf unseren Zungen. Ja, sie hat sich zu uns an die Bar gemogelt. Die biologische Uhr, sitzt da, prüde mit ihrem stillen Wasser, bestimmt das Gespräch, und versaut mir den Abend. Wenn sie erstmal den Verstand einer einzigen Frau besetzt, breitet sich eine Torschlusspanik aus wie Tinte auf Löschpapier.

Auch die Tagträume ändern sich

Träumen wir jetzt nicht mehr vom Quickie auf dem Etagendrucker im Büro, dem Gefühl von Wind in den Haaren oder DEM Job? Laufen alle Wege am Ende zu einer einzigen Hauptstraße zusammen - Richtung Familie? Diktiert jetzt die Biologie die Fragen: Wer ist der Richtige? Wird es langsam knapp? Hat Kerstin Maier aus der Abschluss-Klasse etwa auch schon...?

Keine Panik, Babybrei passt zu scharfen Schnitten

Das Tick Tack ist jetzt immer dabei. "Familiengründung" wird von der Vorspeise bis zum Dessert in allen Gängen wiedergekäut. Das ist zäher als Diskussionen über Steuersenkung, die man noch eher herbeireden kann als den richtigen Mann oder Kinder. Ich kann nicht mehr! Ich fühle mich älter als ich bin.  Freundinnen zetteln nur noch "Wir müssen uns jetzt beeilen"- Gespräch an. Dabei will ich doch nur das alte Menü wiederhaben. Da wurde noch alles serviert. Natürlich auch Babybrei. Aber nur als Dessert, nach den scharfen Schnitten, und schlüpfrigen Zwischengängen.

Suchen Sie nicht auf dem falschen Hof!

Ich weiß, dass die Biouhr daran schuld ist. Sie bestimmt wie wir ticken. In unseren Augen blitzt jetzt eine neue Sehnsucht. Der Glanz der großen Freiheit weicht dem Flackern eines warmen Nestes. Und es stimmt, wir müssen unsere verbleibende Zeit mit der Eieruhr in Einklang bringen, wenn es eigene Kinder sein sollen. Aber wenn der Richtige nicht da ist oder ein Kind gerade nicht passt  gibt es einfach nichts zu timen. Der Biouhr ist das egal. Sollen wir doch platzen! Sie tickt weiter und versetzt sogar Twentysomethings in Torschluss-Panik. Junge Frauen in Endzeitstimmung verpassen die Gegenwart, weil sie beim Übermorgen sind. Wie kopflose Hühner rennen sie Tore ein und finden am Ende ein Korn, vielleicht aber auf dem falschen Hof.

Schon erwähnt? Männer erwischt es auch!

Noch was Angenehmes: Wir sind nicht allein mit den versauten Abenden. Männer können es auch hören, das Tick Tack. Eierstöcke werden mit dem Alter wohl fauler und Eizellen büßen Qualität ein. Aber auch Spermien werden langsamer. Männer haben wie Frauen ein biologisches Verfallsdatum. Ab dann geht es nur noch bergab. Ich freue mich schon auf den Abend, wenn der Freund nach Hause kommt und wehklagt, dass ein Kumpel den "Bier & Gute Platten"- Abend ruiniert hat, weil er sich hormongeplagt auf dem Teppich gewälzt hat und wie besessen schrie: "Ich brauche sofort eine Frau und ein Kind! Bald ist es zu spät!" Ja, ja. Tick Tack.

Die Autorin von Brainfuck: Anne Probst ist ein mediales Multi-Talent. Sie arbeitet als Regisseurin, Fernsehkolumnistin und Autorin. Die studierte Philosophin hat lange in London gelebt und trägt nach eigenen Angaben ihr "Herz im Kopf". Klingt kompliziert? Ist es nicht: Annes journalistische Spezialgebiete sind Emo-Themen. "Eins plus eins ist nicht gleich zwei" sagt sie und geht dieser Ungleichung von Berufswegen auf den Grund. Wo sie ihr Wissen sammelt werden wir nie erfahren, dafür teilt sie ihre Erkenntnisse als Autorin mit fem.

Weitere Artikel

article
15652
Brainfuck: neue Kolumne
Anne Probst in Endzeitstimmung
Können Sie es hören? Ein zartes "Tick" - und ein feines "Tack". Es beginnt ganz leise. Kolumnistin Anne Probst über kopflose Hühn...
http://www.fem.com/lifestyle/artikel/brainfuck-neue-kolumne-anne-probst-in-endzeitstimmung
05.11.2008 11:30
http://www.fem.com
Lifestyle

Kommentare