Bezness – Wenn die Urlaubsliebe zum Albtraum wird

Donnerstag, 14.08.2008

Er verspricht ihr ein gemeinsames Leben und ist doch nur auf ihr Geld aus. Sie durchschaut das Schauspiel nicht und steht am Ende vor den Trümmern ihrer Existenz.
Die Geschichten ähneln sich teilweile bis ins Detail: Sie, weiße Europäerin im mittleren Alter, gönnt sich nach einer stressigen Lebensphase (vielleicht sogar einer Trennung oder Scheidung) einen Urlaub in der Türkei oder Nordafrika. Eigentlich will sie dort nur endlich mal wieder richtig ausspannen, sich was Gutes tun und zur Ruhe kommen. Am Strandcafé wird sie von einem jungen Einheimischen angesprochen. Ob sie das erste Mal hier sei, fragt er, und mehr aus Höflichkeit, denn aus Interesse an männlicher Gesellschaft antwortet sie und wird am Ende eines ganz unverfänglichen Gesprächs um ein Treffen gebeten. Warum sollte sie sich nicht etwas amüsieren, denkt sie sich und fühlt sich auch ein bisschen geschmeichelt - er könnte ja fast ihr Sohn sein! Was sie beim vereinbarten Treffpunkt erwartet, ist ein überaus zuvorkommender Charmeur. All seine Aufmerksamkeit gilt ihr allein. Von Anfang vermittelt er das Gefühl, sie sei die schönste und begehrenswerteste Frau der Welt. So sieht man sich öfter, kommt sich näher und es ist der junge Einheimische, der als erster seine tiefen Gefühle ihr gegenüber beichtet. Ganz unverhohlen träumt er sogar von einer gemeinsamen Zukunft. Und sie gewinnt Vertrauen. Wo findet man denn noch in ihrer Heimat Männer, die so offen und ehrlich ihre Gefühle zum Ausdruck bringen? Vielleicht hat sie sich trotzdem zusammengerissen – bis zum Äußersten wollte sie dann doch nicht gehen. Dafür haben sie aber Telefonnummern ausgetauscht. Und seitdem sie wieder zu Hause ist, wird ein paar Mal in der Woche telefoniert - heiße Liebesschwüre lassen die Leitung glühen - und jetzt weiß sie: Er meint es wirklich ernst mit mir! Deshalb zögert sie auch nicht, ihm hundert Euro zu schicken, als er darum bittet - immer wieder. Aber ihr "Habibi" hat es ja auch wirklich nicht leicht. Mit seiner Arbeit, kann er sich kaum über Wasser halten, dabei würde er so gerne ein Haus für sie beide bauen, um dort den Rest des Lebens gemeinsam zu verbringen. Vielleicht lädt sie ihn auch kurzentschlossen nach Deutschland ein. Und auch hier trägt er sie auf Händen. Schnell ist der gemeinsame Entschluss gefasst: Wir heiraten - schon allein, weil er sonst keine Aufenthaltsgenehmigung hätte und bald wieder zurück in seine Heimat müsste.
Doch vom Tag der Eheschließung an ist plötzlich alles anders: Ihr Habibi zeigt ein anderes, ihr fremdes, ein böses Gesicht, sie erkennt ihn gar nicht wieder. Er unterstellt ihr, anderen Männern hinterher zu sehen und ist grundlos rasend eifersüchtig. Er beschwert sich über jede Kleinigkeit, ist mürrisch und vielleicht sogar handgreiflich. Anfangs sucht sie noch die Schuld bei sich: Wenn der Mann, der gestern noch alles für sie getan hätte, wenn ihr Habibi auf einmal so böse mit ihr ist, dann hat er bestimmt triftige Gründe dafür …

Bis es ihr langsam dämmert, dass er sie nur ausnutzt wegen des Geldes, wegen Sex, und nicht zuletzt wegen der Aufenthaltserlaubnis.
Nun fängt sie an zu recherchieren und findet schnell Foren die voll sind von Leidensgeschichten europäischer Frauen, die ihr Herz verloren haben an einen Beznesser.
Bezness ist ein Kunstwort, bestehend aus dem deutschen Wort Beziehung und dem englischen Wort Business und bedeutet eine Verbindung, bei der die Touristin von einer Beziehung nach westlichen Vorstellungen ausgeht, während dem Mann die Verbindung als Lebensunterhalt zum Vergnügen und zum Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung dient. 2007 wurden allein der deutschen Botschaft in Tunis 1.700 Fälle dieses Betrugs gemeldet - die Dunkelziffer wird wie üblich noch sehr viel höher geschätzt.
"Selber schuld…" - dem Impuls, so zu denken, kann man nur schwer widerstehen, wenn man das erste Mal Bezness-Geschichten liest. Als blauäugig bezeichnen sich im Nachhinein viele Bezness-Opfer selber. Zum einen ist da die Unwissenheit über die fremde Kultur - einer Kultur in der die wenigsten Ehen aus Liebe, sondern traditionell aus materiellen Gründen geschlossen werden und vorehelicher Sex absolutes Tabu ist. Zum anderen begehen sie alle den Fehler, das Verhalten ihres Habibi mit der eigenen, westlichen Moral- und Wertevorstellung einzuschätzen und liegen dabei eiskalt daneben.
Viele anonymisierte Leidensgeschichten gibt es beispielsweise auf der Webseite 1001 Geschichte.de.  Gegründet wurde sie 2002 von der Autorin Evelyn Kern, die mit dem Buch "Sand in der Seele" ihre eigene Bezness-Story 2007 veröffentlicht hat. Auf ihrer Seite findet sich, neben der Möglichkeit Selbsterlebtes mit anderen zu teilen, auch eine Schwarze Liste. Einsehbar ist diese Liste nicht. Allerdings kann man selber eine Anfrage abschicken und bekommt Nachricht, wenn der angegebene Name mit einem aus der Liste übereinstimmt.
Teilweise haben die Opfer von Beznessern noch Jahre später psychisch unter der traumatisierenden Erkenntnis zu leiden, dass alles nur ein Schauspiel war. Jahre bedarf es mitunter auch den dadurch entstandenen finanziellen Schaden wieder wett zu machen. Von Horror-Szenarien der Entführung des gemeinsamen Kindes durch den Beznesser und Schlimmerem ganz zu schweigen. Oft stehen die Betroffenen ziemlich alleine vor den Trümmern ihrer Existenz, da sich das eigene Umfeld immer wieder verständnislos abwendet. Und die Behörden vor Ort können und wollen nicht helfen.
So ist es auch nachvollziehbar, dass Frauen mit derartigen Erfahrungen sich zusammentun und versuchen mit all ihrem Zorn gegen das Phänomen Bezness anzugehen - wie im Forum von 1001 Geschichte.de.
Mehr Infos unter: www.1001geschichte.de

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