Betty Anne Waters: exklusives Interview – Bittersweet Victory

Freitag, 18.03.2011

Betty Anne Waters holte ihren Schulabschluss nach und studierte Jura, um die Unschuld ihres wegen Mordes verurteilten Bruders zu beweisen. Der Kampf dauerte 18 Jahre.

RTEmagicC_Betty-Anne-Waters-Swank-AB.jpg.jpg

Betty Anne Waters' Geschichte ist einfach unglaublich - doch sie ist wahr. Sie handelt von einer scheinbar gewöhnlichen Frau aus der Arbeiterklasse, die lange kämpfte, um die Unschuld ihres Bruders Kenny zu beweisen, den man wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt hatte.

Betty Anne holte den Highschool-Abschluss nach, dann das College. Schließlich studierte sie Jura und bestand die Prüfungen in zwei Bundesstaaten. 18 Jahre dauerte es bis sie ihren Bruder befreien konnte. Kurze Zeit später starb Kenny bei einem tragischen Unfall.

Nun wurde die Geschichte mit Hilary Swank und Sam Rockwell in den Hauptrollen verfilmt. Weitere Hintergründe zum Fall Kenny Waters finden Sie in unserer Gallery.

Im exklusiven Interview mit fem.com berichtet die echte Betty Anne Waters von ihren Erlebnissen, der kaum fassbaren Ungerechtigkeit und dem Kinofilm, der seit 17. März bei uns im Kino zu sehen ist.

Betty Anne, wie hat das ganze Projekt eigentlich begonnen? Ist Tony Goldwyn auf Sie zugekommen?

Als Kenny (gespielt von Sam Rockwell) entlassen worden ist habe ich noch an dem Fall gearbeitet - es bestand die Gefahr, dass es noch nicht ganz vorbei war. Die ersten drei Monate war ich also jeden Tag mit Barry Scheck (gespielt von Peter Gallagher) und Abra Rice (gespielt von Minnie Driver) unterwegs, während Kenny zu Hause war. Den ganzen Tag kamen Anrufe aus Hollywood - und das über Monate hinweg. Letztendlich habe ich mich dann entschieden, dass wir da was machen. Zum einen, weil das Telefon einfach nicht aufhörte zu klingeln und zum anderen, weil ich nicht wollte, dass irgendeiner einen Film daraus macht, der nicht die wahren Tatsachen zeigt. Barry kannte Leute in der Filmindustrie, also habe ich ihn angerufen. Und er brachte Tony Goldwyn ins Spiel. Er wusste von Kennys Entlassung und als er die Geschichte hörte, wollte er unbedingt einen Film darüber machen - sogar noch bevor wir ihn gefragt hatten.

Betty Anne Waters: Gallery – Ein unglaubliche Geschichte

Wie haben Sie reagiert als der Film fertig war und sie sich bzw. Hilary, die Sie spielt, auf der Leinwand gesehen haben?

Ich bin immer noch ganz fasziniert, dass es den Film gibt. Und ich bin so geehrt, dass Hilary mich spielt - sie ist eine großartige Schauspielerin. Aber ich war auch sehr glücklich über alle anderen, die mitspielten: Minnie Driver und Juliette Lewis zum Beispiel. Am Anfang war ich etwas skeptisch bei der Besetzung von Sam Rockwell, der meinen Bruder verkörpert, aber auch nur, weil sie sich vom Äußeren nicht ähneln - mein Bruder war ziemlich groß. Aber er hat einen sehr guten Job gemacht. Es war so, als ob Kenny anwesend war.

War es für Sie eine Art Heilungsprozess? Ihr Bruder verstarb ja so kurz nach seiner Entlassung.

Ja. Es war wirklich eine bittersüße Situation diesen Film zu sehen, aber meinen Bruder nicht dabei zu haben. Ich wollte den Film ja, damit anderen Unschuldigen geholfen werden kann und um die Leute auf diese Fälle aufmerksam zu machen. Aber dass Kenny das nicht mehr miterleben konnte ist sehr traurig. Aber der Film war Teil des Heilungsprozesses. Allein der Dreh - ich musste so viel über Kenny und mein Leben reden, dass ich mich schon fühlte, als ob ich in Therapie war (lacht). Es hat definitiv geholfen.

Hatten Sie Einfluss auf die Produktion - sozusagen als inoffizielle Beraterin?

Inoffiziell schon. Ich wusste davor gar nicht, ob ich überhaupt am Set sein werde, weil Tony meinte, dass viele Schauspieler die Originalfigur nicht dabei haben wollen. Zur einen hätte ich dann sagen können "Nein, so war das doch alles gar nicht", oder die Schauspieler werden sehr nervös. Es gibt viele Gründe. Aber in diesem Fall wollte Hilary, dass ich dabei bin. Wir haben uns bereits vor den Dreharbeiten getroffen. Sie kam zu mir nach Hause und wir haben immer wieder die Ereignisse durchgespielt. Wir waren sogar am Tatort. Ich war also beim Dreh dabei und sie hat mich zwischendurch viele Dinge gefragt. Es gab viele lustige Momente, aber auch sehr traurige. Bei der Szene, in der Kenny entlassen wird, brach Hilary in Tränen aus und sie sagte: "Es ist unfair. Ich kann immer etwas Positives den Dingen abverlangen, aber hier gibt es einfach nichts Gutes daran." Ich musste sie sogar trösten.

Wie konnten Sie sie noch unterstützen?

Sonst brauchte sie nicht viel Unterstützung. Nicht einmal mit meinem Akzent. Sie hat ihren Sprachtrainer vor den Dreharbeiten zu mir nach Hause geschickt und der nahm eine Kassette auf. Danach hat sie gelernt, so zu reden wie ich, indem sie sich stundenlang dieses Tape angehört hatte. Es war sehr lustig, da sie damit viel Schabernack trieb. Als sie mal bei uns war sind wir in das Restaurant gegangen, das ich führe und Hilary verwirrte die Kellner mit ihrem Akzent, weil alle glaubten, dass ich sprechen würde. Sie hat sogar meinen eigenen Neffen getäuscht (lacht).

Sam Rockwell sieht zwar nicht so aus wie Ihr Bruder, aber Sie waren sehr von ihm beeindruckt. Warum finden Sie, dass er Kenny so authentisch gespielt hat?

Kenny ist kein eindimensionaler Charakter: In der einen Minute kann er süß und nett sein, aber in der nächsten Minute könnte er schon in einen Kampf verwickelt sein. Er wäre einem Kampf nie aus dem Weg gegangen. Das hat ihn auch in viele Schwierigkeiten gebracht. Es ist nicht einfach, so einen Charakter zu spielen, aber Sam hat es perfekt geschafft. In der einen Szene ist er als Kenny vergnügt und charmant und auf einmal kann er sich in jemanden verwandeln, mit dem man sich am besten nicht anlegt. Man muss aber auch betonen, dass Kenny nie einen Streit angefangen hat. Er ist in diese Sachen geraten, weil andere mit ihm ein Problem hatten.

Drehbuchautorin Pamela Grey sagte, es war sehr schwer Details wegzulassen, weil viele von ihnen so faszinierend und unglaublich waren. Wurde etwas aus dem Film gelassen, was sie gerne darin gesehen hätten?

Ich weiß es nicht genau. Es gab vier verschiedene Drehbücher und ich habe nur das letzte gelesen, weil mich das natürlich sehr aufgewühlt hat. Das Einzige, was leider nicht untergekommen ist, ist das Verhältnis von Kenny und mir zu unseren Geschwistern. Wir hatten alle eine Menge Spaß. Aber natürlich konnte sie nur auf Kenny und mich im Speziellen eingehen. Wir sind schließlich neun Geschwister (lacht).

Wie viel ist im Film erfunden?

Der Film ist sehr nahe an der Realität. Die Abfolge stimmt nicht, aber wir wollten ja auch keine Dokumentation daraus machen. Der Film zeigt, wie mein Bruder wegen Mordverdachts auf der Beerdigung meines Großvaters verhaftet worden ist. Er wurde auch da verhaftet, aber nicht für diesen Mord, sondern wegen etwas anderem. Es sollte aber die Grundstimmung herübergebracht werden und es sollte klar sein, dass die  Polizei etwas gegen Kenny hatte. Und auch das Ende ist nicht ganz korrekt: Der Film endet als Kenny entlassen worden ist. Danach mussten wir aber noch einmal für seine Freiheit kämpfen und mit den Zeugen sprechen, damit es nicht zu weiteren Falschaussagen kam. Im Film machen wir das vor Kennys Entlassung. Der Ablauf stimmt nicht ganz, aber die Fakten schon. Ach ja, da war noch eine Szene, in der ich meiner Mutter die Zigarette aus dem Mund schlage: Das würde ich natürlich niemals tun! Sie wollten aber zeigen, dass meine Mutter oft Dinge sagt, die sie nicht so meint und dass vieles einfach falsch verstanden werden kann. Ich bin manchmal auf meine Mutter sauer, aber so etwas mache ich natürlich nicht (lacht).

Warum waren Sie sich so sicher, dass Ihr Bruder unschuldig ist? Natürlich lieben Sie ihn, aber hatten Sie nie nur den geringsten Zweifel?

Niemals. Bei der Ermordeten handelte es sich um meine Nachbarin, deswegen wurde Kenny auch zur Polizeistelle für eine Aussage zitiert. Kenny hatte schließlich eine Vorstrafe, das war also reine Routine. Nachdem viel Blut am Tatort gefunden worden war, suchten sie nach jemanden, der Schnitte oder ähnliche Verletzungen am Körper hatte. Das war außerdem das Blut, was ich letztendlich auf DNS untersuchen konnte. Kenny hatte keinerlei Verletzungen. Sie haben sein Alibi überprüft und festgestellt, dass Kenny zu der Zeit vor Gericht war - wegen eines anderen Vergehens. Wenn das mal kein perfektes Alibi ist. Und auch während des Verfahrens: Es gab einfach keinerlei Beweise oder Anzeichen, dass Kenny schuldig sein könnte. Und ich dachte, dass die Jury auch zum selben Schluss kommen würde.

Sie hatten schon immer eine gute Beziehung zu Ihrem Bruder. Wie hat sich die entwickelt?

Wir sind insgesamt neun Kinder und er war nur ein Jahr älter als ich. Wir waren wie Freunde und haben alles zusammen unternommen: Wir sind ins Kino gegangen, haben uns viele Probleme eingehandelt indem wir Süßigkeiten gestohlen haben oder auf fahrende Züge gesprungen sind. Wir waren in Wirklichkeit viel schlimmer, als man im Film sehen kann (lacht).

Gibt es zu einer Ihrer anderen Geschwister eine ähnliche Verbindung?

Ich liebe alle meine Brüder und Schwestern, aber die Verbindung entwickelte sich einfach daraus, dass wir fast genauso alt waren. Es war nur ein Jahr Altersunterschied: Er wurde am 16. August 1953 geboren, ich am 27. August 1954.

Es gab so viele Ungereimtheiten und bewiesene Falschaussagen, verlorengegangene Beweise und noch Ähnliches. Wie konnte der Fall Ihres Bruders so schlimm enden?

Hauptverantwortliche ist die damalige Polizistin Nancy Taylor (gespielt von Melissa Leo). Sie wusste die ganze Zeit, dass Kenny unschuldig ist - es handelte sich hier also nicht um einen Irrtum. Die Blut-Beweise zeigten, dass er nicht der Mörder war, aber es bewies noch nicht, dass sie ihn vorsätzlich zu Unrecht beschuldigte. Erst vor ein paar Jahren fand ich heraus, dass es am Tatort sogar blutige Fingerabdrücke gab. Aber Nancy Taylor sagte vor Gericht aus, dass es keine gab. Das beweist, dass sie von seiner Unschuld wusste, ihn aber nicht laufen lassen wollte. Die Fingerabdrücke waren schließlich nicht Kennys und er war sogar auf einer Liste, die Personen vom Tatort ausschlossen.

Aber was war ihre Motivation dafür?

Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Sie redet sich wohl immer noch ein, dass Kenny schuldig ist und dass sie einfach nicht an DNS-Beweise glaubt. Der Grund ist aber wahrscheinlich, dass es in den frühen 80er-Jahren keine Frauen bei der Polizei gab und sie sich durch Kennys Verurteilung profilieren wollte. Anfänglich war sie nämlich nur eine Sekretärin und hatte nicht einmal die Academy absolviert. Doch nach dem Fall ging sie auf die Polizeischule und wurde Polizistin. Sie hätte von Anfang an eigentlich nicht an der Ermittlung beteiligt sein sollen. Aber sie wollte sich behaupten und ergriff ihre Chance: Schließlich sind es normalerweise Frauen, die vergewaltigt werden und die wollen natürlich lieber mit einer Frau reden. Deswegen hatte sie einen besonderen Status, auch ohne Ausbildung zur Polizistin. Und als sie die Chance bekam, wollte sie sie um jeden Preis nutzen, obwohl sie wusste, dass der echte Schuldige immer noch frei war und vielleicht noch weiter morden würde.

Haben Sie oder Kenny Nancy Taylor nach seiner Entlassung getroffen?

Ich schon, Kenny nicht. Ich habe ein Zivilverfahren gegen sie eingeleitet, weil ich beweisen wollte, dass sie von Kennys Unschuld wusste und dass sie es aus niederen Beweggründen getan hatte. Aber da war Kenny schon gestorben.

Wie war es für Sie, der Frau ins Gesicht zu sehen, die an allem Schuld ist?

Es war schrecklich. Als ich sie sah schaute sie mich immer wieder an und lächelte. So als ob wir Freunde wären. Furchtbar.

Arbeitet sie immer noch als Polizistin?

Nein, sie ist in Rente. Aber ich glaube, dass sie gefeuert worden ist. Ich habe einmal von ihr in der Lokalzeitung gelesen und da war sie wieder als Sekretärin tätig. Etwas musste passiert sein, aber ich weiß nicht was.

Haben Sie die zwei Belastungszeugen Brenda Marsh und Roseanna Perry wieder gesehen? Sie haben Sie ja schließlich gut gekannt - beide Frauen waren mit Kenny liiert.

Oh ja! Ich habe die beiden nach Kennys Entlassung wiedergetroffen, aber auch nur weil Barry Scheck, Abra und ich wieder in dem Fall ermittelt haben. Wir mussten wieder mit den Zeugen sprechen, weil die ganze Sache ja noch nicht ganz ausgestanden war. Immerhin haben sie gelogen und wir wussten es die ganzen Zeit.

Letztendlich gab Brenda Marsh zu, dass sie eine Falschaussage gemacht hatte. Sie nannte uns auch den Grund dafür: Ihr damaliger Freund ging zur Polizei und behauptete, dass Brenda ihm gestanden habe, Kenny sei der Mörder. Erst stüzte sie die Aussage nicht, doch dann wurde sie von Nancy Taylor unter Druck gesetzt: Ihr wurde mit Gefängnis gedroht und damit, dass man ihre Kinder wegnehmen würde. Aber in Wirklichkeit wurden ihr die Kinder bereits im Jahr zuvor weggenommen - wegen Nachlässigkeit. Das hatte also gar nichts mit Kenny zu tun. Trotzdem war sie so eingeschüchtert, dass sie die Falschaussage bestätigte.

Auch Roseanna Perry erzählte uns, warum sie gelogen hatte: Sie drohten ihr ebenfalls mit Strafen für Beihilfe. Außerdem fanden wir später heraus, dass sie wegen verschiedener Dinge angeklagt war und diese Fälle wurden alle fallengelassen. Sie hatte also auch ihre Gründe fürs Lügen.

Wie waren die öffentlichen Reaktionen als Kenny damals wegen des Mordes verhaftet worden ist?

In Ayer war es ganz anders als an anderen Orten. Jemand fragte Nancy Taylor, was sie darüber dachte und natürlich sagte sie, dass sie nicht an DNS-Beweise glaube. Das glaubt sie vielleicht heute noch. Nur so kann sie wahrscheinlich damit umgehen: Ihrer Ansicht nach ist Kenny immer noch schuldig. Zwei Jahre nach Kennys Entlassung kam ein anderer Mann aus dem Gefängnis. Und auch in diesem Fall hat sie Zeugen zur Falschaussage gezwungen und er saß 22 Jahre unschuldig im Gefängnis. Kenny ist also nicht der einzige, dem sie das angetan hat.

Doch wo wir lebten gab es eigentlich nur positive Reaktionen von den Menschen - jeder hat Kenny gemocht. Das hat Kenny nach seiner Entlassung geliebt und er wollte mit allen reden. Am ersten Tag nach seiner Entlassung flogen wir nach New York und waren in den ganzen Morgenshows, später waren wir auch bei "Oprah".  Aber egal wo er hinging, er war begeistert, dass die Leute mit ihm reden wollten. Einmal rief er mich mitten in der Nacht an und sagte 'Betty Anne, Betty Anne, du musst kommen. Die Leute wollen unbedingt meine Schwester kennenlernen'. Er war gerade in irgendeinem Nachtclub (lacht). Er hatte eine große Lust am Leben und er wollte den Rest seines Lebens einfach glücklich verbringen.

Hat der Film Ihr Leben zusätzlich verändert? Jetzt sind Sie eine Berühmtheit.

Nicht sehr viel. Aber ich reise sehr viel, um den Film zu promoten. Das ist recht ungewöhnlich für mich. Doch gleichzeitig bin ich sehr froh, dass ich damit vielleicht anderen Leuten helfen kann, die unschuldig im Gefängnis sitzen. Es wäre schön, wenn die Menschen sich das System mal genauer anschauen würden und sich fragen: Wie kommt es, dass Unschuldige ihrer Freiheit beraubt werden. Es gibt glaub ich noch 267 Fälle, in denen heutige DNS-Tests Klarheit schaffen könnten. Und ich hoffe, dass diese Fälle genau untersucht werden. Es gibt da einen roten Faden und der führt hoffentlich dazu, dass das System geändert wird. Zeugenaussagen zum Beispiel sollten immer aufgenommen werden. Es muss mehr Klarheit in die Fälle gebracht werden und die Beweisaufnahme muss besser überwacht werden, damit die Geschworenen den Fall auch dementsprechend präsentiert bekommen können. Korruption brachte Kenny ins Gefängnis. Das muss unterbunden werden - die Polizisten müssen einer größeren, gegenseitigen Kontrolle unterliegen. Der Präsident weiß, was Gewaltenteilung bedeutet, dann sollten das auch Polizisten. Sie haben eine Menge Macht.

Sie haben ja seitdem immer wieder für das "Innocent Project" gearbeitet. Konnten Sie beobachten, ob sich das System schon ein bisschen geändert hat?

Es hat sich ein kleines bisschen geändert. Es ist aber immer noch nicht genug und es geschieht vor allem nicht schnell genug. Zum Beispiel in Massachusetts: DNS-Tests sind da nicht garantiert. Barry Scheck und ich mussten über ein Jahr kämpfen bis sie endlich die DNS vom Tatort getestet haben, obwohl es Kennys Unschuld bewiesen hat. Es kann natürlich auch ein Beweis für die Schuld sein. Aber es geht darum, dass es keine Garantie dafür gibt, dass überhaupt DNS-Tests durchgeführt werden. Und einmal schuldig gesprochen heißt so viel wie: Das war's - wir wollen darüber nichts mehr hören.

Nachdem Kenny entlassen worden ist, gingen sie wieder zurück nach Bristol (Rhode Island) und wurden Geschäftsführerin von "Aden's Pub". Warum haben Sie nicht als Anwältin weitergearbeitet?

Ich bin Teilinhaber - Aden und ich sind seit 20 Jahren mit dem Pub verbunden. Ich habe dort als Kellnerin, Tellerwäscherin und Bardame angefangen. Jetzt mache ich den ganzen Papierkram. Als praktizierende Anwältin bin ich nicht mehr tätig. Nur ab und zu helfe ich Freunden bei kleinen Angelegenheiten. Und ich unterstütze natürlich weiter das "Innocent Project" wie zum Beispiel gerade das in Boston bei einigen Fällen.

Wie haben Sie es geschafft, in der langen Zeit nicht den Mut zu verlieren?

Mein Bruder. Er hatte so viel Vertrauen in mich gesetzt und man konnte nicht 'nein' sagen. Im Film heißt es, dass ich die Idee gehabt hätte, das Jurastudium zu absolvieren. Das stimmte nicht - es war eigentlich Kennys Idee. Nachdem er die Berufung verlor wurde er suizidal und er sagte, dass er es im Gefängnis nicht aushalten kann. Doch als er die Idee mit dem Jurastudium hatte, war er so überzeugt, dass ich seine Unschuld beweisen würde und ihn da raushole. Das war für mich unvorstellbar - ich war ein Schulabbrecher und hatte gerade einmal meinen Highschool-Abschluss nachgeholt. Doch er war überzeugt: Egal wie lange es dauern würde - so lange würde er überleben und irgendwann wieder frei sein. Und dann hab ich es einfach Schritt für Schritt gemacht. Und erst auf dem Weg fing ich an zu glauben, dass ich das vielleicht sogar schaffen könnte. Ich hatte so viel Angst, aber es hat mich bis hierher gebracht.

Wie waren die Reaktionen Ihrer Kommilitonen?

Keiner von ihnen wusste, warum ich Jura studierte. Ich habe davor bereits die Erfahrung gemacht, dass wenn man den Leuten von einem unschuldigen Bruder im Gefängnis erzählt, sie einen mitleidig ansehen und eigentlich glauben, er sei sowieso schuldig. Das ist ja irgendwie auch verständlich: Unschuldige sollten ja auch nicht für Mord im Gefängnis sein. Ich habe es erst wieder Abra (im Film gespielt von Minnie Driver) erzählt, die zu meiner besten Freundin wurde und die mich sehr unterstützt hat. Und wir hatten auch eine Menge Spaß im Studium und wir sind immer noch eng befreundet. Aber in der Zeit war sie vor allem jemand, an den ich mich anlehnen konnte. Und auch nach dem Studium half sie mir, Kennys Unschuld zu beweisen.

Denken Sie trotz allem gern an die ganzen Geschehnisse zurück oder wünschten Sie sich, dass sie einfach alles vergessen könnten?

Natürlich wünschte ich mir, das alles wäre nicht geschehen und Kenny wäre nicht im Gefängnis gelandet. Aber es wurde zu meinem Leben. Wenn mich jetzt einer fragt, ob ich es noch mal machen würde: absolut. Kenny war zwar nur für sechs Monate frei, aber diese sechs Monate waren die 18 Jahre harte Arbeit wert.

Ihr Bruder hat den fertigen Film nicht mehr mitbekommen, aber glauben Sie, dass er hinter dem Projekt gestanden hätte?

Absolut. Kenny hätte es geliebt. Er hatte immer davon gesprochen und er war ganz aufgeregt. Und ich glaube, er hätte es sehr gemocht, wie Sam Rockwell ihn porträtiert hat. Und auch die Tatsache, dass der Film nicht seinen Tod zeigt, sondern nur seine Entlassung in die Freiheit. Er wäre begeistert gewesen.

"Betty Anne Waters" läuft seit 17. März in den deutschen Kinos! Mehr Informationen zum Film finden Sie unter www.betty-anne-waters.de.

Betty Anne Waters

Hilary Swank (re.) spielt in "Betty Anne Waters" die Rolle der Protagonistin.

 

Weitere Artikel

article
16981
Betty Anne Waters: exklusives Interview
Bittersweet Victory
Betty Anne Waters holte ihren Schulabschluss nach und studierte Jura, um die Unschuld ihres wegen Mordes verurteilten Bruders zu beweisen. Der Kampf...
http://www.fem.com/lifestyle/artikel/betty-anne-waters-exklusives-interview-bittersweet-victory
18.03.2011 11:33
http://www.fem.com/var/fem/storage/images/lifestyle/betty-anne-waters-exklusives-interview-bittersweet-victory/307437-1-ger-DE/betty-anne-waters-exklusives-interview-bittersweet-victory_contentgrid.jpg
Lifestyle

Kommentare