Bettina Wündrich: "Einsame Spitze" – Karriere als Glücksfaktor

Sonntag, 17.07.2011

Die Journalistin Bettina Wündrich hat ihr Buch "Einsame Spitze?" dem Thema "Frauen und Karriere" gewidmet. Im Interview erklärt die 51-Jährige, warum berufstätige Frauen glücklicher sind.

Ehrgeizig, egoistisch, einsam: Weibliche Führungskräfte ohne Familie haben in Deutschland einen schlechten Ruf. Nicht nur bei Männern, die Konkurrenz fürchten - nein: Gegenwind kommt auch aus den eigenen Reihen.

Solidarität unter Frauen? Fehlanzeige. Warum hacken wir lieber öffentlichkeitswirksam aufeinander ein, statt an einem Strang zu ziehen und intensiv an Modellen zur Vereinbarkeit von Karriere und Familie zu tüfteln?

Mütter gelten als wenig belastbar

Wenn es sich nicht gerade um die CDU-Familienministerin handelt, katapultiert das erste Kind Frauen meistens ins berufliche Aus - oder allenfalls auf eine Teilzeitstelle. Denn Mütter gelten nicht als belastbare Mitarbeiterinnen.

Als ehemalige Chefredakteurin verschiedener Frauenzeitschriften weiß Bettina Wündrich, dass Frauen sich nicht auf die Mutterrolle reduzieren lassen wollen, sondern trotz Kinder einen anspruchsvollen Job ausüben möchten - und können! Dafür muss sich unsere Arbeitswelt verändern. Anstelle des Klischees der harten Karrierefrau sollten dringend positive Leitbilder her, die Lust auf Verantwortung machen.

In ihrem aktuell erschienenen Buch "Einsame Spitze? Warum berufstätige Frauen glücklicher sind" (rowohlt, 16,95 Euro, bestellbar z.B. über www.amazon.de) befasst sich Bettina Wündrich ausführlich mit den oben beschriebenen Problemen. fem.com wollte mehr wissen und traf die Journalistin und Medienberaterin zum Interview.

Frau Wündrich, warum sind berufstätige Frauen Ihrer Meinung nach glücklicher als Frauen, die zuhause bleiben?

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Als Chefredakteurin von Frauenzeitschriften habe ich die vergangenen 15 Jahre fast ausschließlich mit Frauen zusammengearbeitet, und mich intensiv mit den Zukunftsvorstellungen von Leserinnen beschäftigt. Da bin ich manchmal sehr erschrocken, wie wenig die berufliche Erfüllung in die Vorstellung vom perfekten Glück mit reinspielt. Glück - das bedeutet für viele Frauen heute noch: einen attraktiven Partner finden, Kinder bekommen, Happy Family. Die Mehrheit meiner jungen Kolleginnen war es gar nicht so wichtig, wie es denn nach der Geburt beruflich weitergehen soll! Das waren top ausgebildete Frauen. Dabei trägt es doch so viel zur persönlichen Zufriedenheit bei, wenn man das, was man gelernt hat, immer weiterentwickelt! Ich baue aus, was in mir steckt! Karriere ist durchaus ein Glücksfaktor.

Ist es denn verwerflich, für Kinder seinen Beruf erstmal aufzugeben, bzw. eine Pause zu machen?

Nein, natürlich nicht. Es ist nur allzu verständlich. Aber wir alle kennen die Statistiken: Wer ein, zwei Jahre pausiert und dann Teilzeit wieder einsteigt, wird nie wieder da hinkommen, wo er mal war. Und: Es ist doppelt mühsam, den Anschluss wieder zu kriegen. Das Leben ist dann eine einzige Hetze. Und wofür? Dafür, dass die Ausbildung zum Fenster rausgeschmissen ist. Die Rente noch schmaler wird. Man vom Ehemann abhängig ist. Und dass man im Falle einer Scheidung - was ja laut Statistik nicht im komplett unwahrscheinlichen Bereich ist - erst Recht dumm da steht, weil man auch gesetzlich dazu angehalten ist, für sich selbst zu sorgen!

Geht Karriere nicht immer zu Lasten des Privatlebens?

Privatleben, Karriere - ich trenne das gar nicht so strikt. Auch im Job findet - eingeschränkt - mein Privatleben statt. Ich treffe Freundinnen zum Mittagessen, verbinde einen Termin mit einer kleinen Shopping-Tour. Und je weiter oben man beruflich ist, desto autonomer kann man seinen Tag gestalten. Da ist es auch okay, wenn man nicht jeden Abend um 18 Uhr aus dem Büro rennt, um sich mit anderen ins Café zu hocken. Ehrlich gesagt, finde ich es manchmal auch erquicklicher, abends Unterlagen zu lesen, die mich interessieren, statt mich über einen mittelmäßigen Kinofilm zu ärgern.

Oft hat man ja den Eindruck, dass die "Fronten" zwischen (Karriere-)Frauen mit und ohne Kinder ziemlich verhärtet sind - Motto: "Die eine gönnt der anderen nichts". Können Sie das bestätigen?

Da ist leider etwas dran. Ich selbst habe keine Kinder - und habe mehr als einmal kritische Bemerkungen kassiert. Allerdings: Das ist auch menschlich. Männer haben nur die eine Lebens-Option, nämlich beruflichen Erfolg. Frauen können ihr Leben vielfältiger gestalten - aber das produziert Unsicherheiten: Habe ich die richtige Wahl getroffen? Hinzu kommt, dass Frauen heute immer noch um Anerkennung kämpfen müssen, egal, ob sie nun Fulltime-Mütter oder kinderlose Karrierefrauen sind.

Wie schaffen wir Frauen es, trotz Konkurrenz an einem Strang zu ziehen?

Es wäre viel besser, wir würden die strengen weiblichen Stereotypen auflösen - und auch die Männer von ihrer einzigen Option "befreien" und sie viel stärker als Väter sehen. Selbstverständlich mit all den Pflichten, die dazu gehören. Außerdem können Frauen ganz gut voneinander lernen - und sich gegenseitig unterstützen. Zickerei, Stutenbissigkeit - das sind doch alles Angstreflexe, damit das Terrain, das man mit so viel Anstrengung besetzt, nicht auch noch wegbricht. Das kostet viel zuviel Kraft.

Mütter gelten leider selten als belastbare Arbeitnehmerinnen, eine Führungsposition rückt so oft in weite Ferne, wenn ein Kind unterwegs ist. Was kann man Ihrer Meinung nach tun, um den Anschluss nicht zu verlieren?

Für mein Buch habe ich mit so vielen unterschiedlichen Frauen gesprochen, Nicht-Mütter, Mütter ... wir alle wollen ja dasselbe: Dass sich etwas verändert! In meinem Buch versuche ich aufzuzeigen, wie das gehen kann. Wie besonders junge Frauen, die noch so viel vor sich haben, ein Leben, das Kinder UND berufliche Erfüllung verheißt, bewerkstelligen können.

Interview: Annika Mengersen

Zum Weiterlesen:
Bettina Wündrich, "Einsame Spitze? Warum berufstätige Frauen glücklicher sind" rowohlt, 16,95 Euro.

Bettina Wündrich, geboren 1960, ist unverheiratet und hat keine Kinder. Ihr 30-jähriges Abiturtreffen gab den Anstoß zu diesem Buch. Nach ihrem Studium besuchte Wündrich die Henri-Nannen-Schule, wurde Redakteurin bei "Brigitte", anschließend Redaktionsleiterin von "jetzt" sowie stellvertretende Chefredakteurin bei "Elle". Des Weiteren arbeitete sie an Konzeption und Aufbau sowie in der Chefredaktion von "Glamour", "Vogue Business" und "emotion". Derzeit ist Bettina Wündrich als Beraterin für Entwicklungsprojekte bei Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen tätig.

Bettina Wündrich: Einsame Spitze?

Bettina Wündrich, Autorin des Buches "Einsame Spitze?" ist der festen Überzeugung: "Arbeitende Frauen sind glücklicher!".

 

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