Teil 2: Berlins Nachtleben – Willkommen im Club!

Donnerstag, 24.09.2009

.. "Darf ich?" Dann greift sie ein Weinglas und pfeffert es auf den Nachbartisch, wo ihr Exfreund speist, offenbar mit seiner neuen Flamme. Das Glas zersplittert, der Wein nieselt über die umliegenden Tische, was eine Huch-und-Schock-Reaktion auslöst. Spitze Schreie, fallende Stühle, aufspringende Männer. Nina bleibt gelassen: "Ein Abend, der mit einem fliegenden Glas beginnt, muss ein guter werden!" Nur die Modedesignerin, deren Wein dran glauben musste, grummelt. Sie zieht die Augenbrauen hoch und fragt: "Und wer bezahlt jetzt meinen Drink?"
Aufbruch gegen Mitternacht
Kurz nach Mitternacht bricht die Gruppe auf zur Bar Tausend. Die Kassenfrau ist aus Asien, trägt keinen BH und zeigt das auch jedem, ob der es sehen will oder nicht. Die Bar liegt unter einer S-Bahn-Brücke, sodass sich alle paar Minuten ein Rumpeln unter die Musik mischt, das sich wie ein kleines Erdbeben anfühlt. Die Gruppe wird unübersichtlich. Soeben ist eine zweite Tischgesellschaft aus dem Borchardt eingetroffen. Claudia, eine Freundin Ninas, hatte dort auch "einen Tisch gemacht", sodass nun in der Bar Tausend zwei Dutzend strahlende Menschen tanzen und schnattern. Jeder kennt jeden oder lernt ihn kennen, es gibt Schampus und Schnaps ohne Ende. Eine Stunde später, auf dem Weg zum nächsten Club, bilanziert Nina die erste Station: "Berliner glauben, dass Münchner das Tausend lieben, weil die Drinks in echten Gläsern kommen, die Barkeeper ihren Hokuspokus beherrschen und ab und zu sogar jemand Zigarre raucht." Aber Nina, das war doch großartig, oder? So muss sich ein Oligarch fühlen! Nina meint: "Ich muss sofort tot umfallen vor Langeweile, wenn ich auch nur noch einmal in die Bar Tausend gehen muss."
Die Techno-Szene blüht in Kellern weiter

Die Reise geht weiter. Nächster Halt: der Traditionsclub WMF. Früher befand sich dieser Club in einem alten Werk der Besteckfabrik WMF. Der neue Club WMF hat ein Bürogebäude aus den Siebzigerjahren bezogen, an den Türschildern stehen noch die Namen derer, die hier einst gearbeitet haben - für die Telekom-Niederlassung Potsdam. "Das sieht aus wie ein Gymnasium, in dem einer vortäuscht, eine Technoparty zu veranstalten", sagt Nina. Die Mittdreißigerin hat früher selbst Techno-Partys organisiert und kennt die Szene seit mehr als 15 Jahren. Sie war dabei, als die Love-Parade noch aufregend war, als an den Kiosken noch das Techno-Magazin "Frontpage" lag und sich der Club Tresor noch im Geldschrank des ehemaligen Kaufhauses Wertheim befand. Heute steht dort das Hochhaus einer Versicherung. Von einem Neubau in Mitte verdrängt - viele Clubs aus der Blütezeit der Techno-Szene hat dieses Schicksal ereilt.
Es ist ohnehin erstaunlich, dass die monotone Musik aus dem Rechner ihren ersten Boom Anfang der Neunzigerjahre überlebt hat. Mit dem Verschwinden der Love-Parade aus Berlin schienen viele Clubs am Ende. Aber die Szene überstand die mageren Jahre, sie starb nicht, sie zog sich nur aus den Medien zurück in ihre Kellerlokale. Und steht heute wieder in voller Blüte. "Mit der Bar 25, dem Club der Visionäre, dem Cookies, dem Glashaus, dem Golden Gate, dem Horst Krzbrg, dem Maria, dem Picknick, dem Rechenzentrum, dem Relais, dem Scala, dem Tape, dem Tresor, dem Violet, dem Watergate und dem Weekend gibt es noch mindestens 16 weitere Clubs, die Wochenende für Wochenende Raver anlocken", schreibt der Popjournalist Tobias Rapp im "Spiegel". Rapp ist auch Autor des lesenswerten Buches "Lost and Sound". Die Touristen, die früher einmal im Jahr zur Love-Parade einflogen, kommen nun über das Jahr verteilt. Rapp nennt sie den "Easyjetset".

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Text: Christian Gottwalt für das ADAC Reisemagazin

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Den Originaltext finden Sie in der aktuellen Ausgabe des ADAC-Reisemagazins "Verliebt in Berlin". Weitere Informationen: www.adac.de/reisemagazin

Sei es bleich geschminkt oder mit einem Zaubererhut, sei es mit einer rosa Perücke oder in Begleitung eines Gummi-Delfins - was anderswo nur an Karneval durchgeht, erlaubt sich die Berliner Szene an jedem Wochenende.

Im Sage-Club geht es elegant zu. Hier kann man feiern - und dabei flirten. Mehr zu hören als zu sehen gibt es im weltberühmten Techno-Club Tresor.

 

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Teil 2: Berlins Nachtleben
Willkommen im Club!
.. "Darf ich?" Dann greift sie ein Weinglas und pfeffert es auf den Nachbartisch, wo ihr Exfreund speist, offenbar mit seiner neuen Flamme....
http://www.fem.com/lifestyle/artikel/berlins-nachtleben-willkommen-im-club!-teil-2
24.09.2009 13:00
http://www.fem.com/var/fem/storage/images/lifestyle-old/berlins-nachtleben-willkommen-im-club!-teil-2/167199-1-ger-DE/berlins-nachtleben-willkommen-im-club!-teil-2_contentgrid.jpg
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