Bergnation Belgien – Terrils: Belgiens heiße Hügel

Dienstag, 23.09.2008

"Transterrilienne" das klingt ein bisschen wie "Transamazonas", also auch nach  Abenteuer, Einsamkeit und Gefahr. Was durchaus zutrifft - obwohl die Bergkette mitten in Belgien liegt.  
"Da rauf?". Wie eine schwarze Wand erhebt sich der Terril du Boubier aus der Ebene. Das Kohlegestein knirscht und rutscht unter den Füßen, einige wenige Sträucher klammern sich an den Hang. Der Blick nach oben ist genauso Schwindel-erregend wie die Aussicht nach hinten. Gut 160 Meter ist der Terril hoch, mit einer Steigung von 45°. Dann, von oben, der Blick. Atemberaubend! Belgien ist grün. Und flach. Genauer gesagt: Wäre flach, gäbe es nicht die "Transterrilienne", die sich wie eine Ansammlung riesiger Maulwurfhaufen schräg durch den Süden des Landes zieht. Überall, wo einst Steinkohle gefördert wurde um die Stahlfabriken am Laufen zu halten, wurden die riesigen schwarzen Abraumhalden aufgeworfen. Um die 1.000 gibt es davon – der höchste der dunklen Giganten misst immerhin 364 Meter!  
Feuer im Bauch: Innentemperatur bis zu 600 Grad
Lange Zeit hat man sich in Belgien nicht um die Terrils gekümmert, denn sie sind das Symbol der industriellen Vergangenheit Walloniens, standen für Dreck, Kohle-Bergwerke und später Arbeitslosigkeit - nutzloses Terrain, das oft nicht einmal bebaubar ist. Denn: Viele der Terrils brennen. Teils enthalten die Terrils noch bis zu 20% Kohle, die sich selbst entzündet. Auf bis zu 600°C erhitzen sie sich im Inneren, selbst an der Oberfläche kann es noch 40° C warm werden. So wie der Terril des Hiercheuses nahe Charleroi: Nein, eigentlich darf man ihn nicht betreten, denn immer wieder tun sich über Nacht neue Öffnungen auf, aus denen der Rauch quillt, reißen kleine Hänge ab. Es riecht nach Schwefel und dampft aus dem Gebüsch - die Gebäude am Fuße des Terrils sind längst abgebrannt. Was langfristig aus dem schwarzen Hügel werden soll, weiß niemand so genau. Die Nachbarn zucken mit den Schultern: Privatbesitz.
Wie Phoenix aus der Asche: Der Berg lebt
Um die staatlichen Terrils steht es besser: In den letzten Jahren sind sie mehr und mehr ins öffentliche Interesse gerückt. Gleich zwei Initiativen kümmern sich heute um die touristische Erschließung der Halden: So hat das EU-Projekt "Pays des Terrils" in der Region Lüttich eine ganze Kette von Terrils beschildert und mit einem Wegenetz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auch die "Fédération de la Chaine des Terrils" organisiert Wanderungen über die Halden. Die offiziellen Touren freilich sind vor allem auf den erloschenen Terrils zu haben. Wer will schon seine Touristengruppe in einem rauchenden Loch verschwinden sehen? Der Spaziergang ist trotzdem nicht minder beeindruckend. Selbst die inaktiven Halden locken aufgrund ihrer Farbe mit einem einzigartigen Biotop: Die schwarzen Böden heizen sich schnell auf und sind extrem wasserdurchlässig. Kein Wunder, dass Fauna und Flora der Terrils eher an Süditalien denn an Belgien erinnern. Um die 500 Pflanzen- und rund 90 Vogelarten findet man hier, von denen viele in Wallonien eigentlich nicht heimisch sind. Jenseits aller Statistiken ist diese unglaubliche Biodiversität auch für den Laien offensichtlich: Bei jedem Schritt erhebt sich eine bläuliche Welle von Blauflügelheuschrecken, es flattert und zwitschert wie in einem Nationalpark. Und weil es so unglaublich viele Terrils gibt, bleibt der Wanderer meist allein in der Idylle – mitten in einer der am dichtesten besiedelten Regionen Europas.
Françoise Hauser

Weitere Informationen:
www.paysdesterrils.eu
www.terrils.be

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