Aufräum-Profi im Interview, Teil 2 – "Ausmisten ist ein Abenteuer"

Mittwoch, 24.06.2009

Wovon könnten Sie sich niemals trennen?

Von der Keramikschale meiner verstorbenen Schwester Susanne. Sie ist mein Schatz und Zugang zu meiner Trauer.

Welchen Einfluss hat Ihre Auseinandersetzung mit Zen Meditation auf Ihren Beruf?

Was ist wichtig? Was ist wesentlich? Unser Geist ist ständig beschäftigt und schlägt hohe Wellen. Das verhindert den Blick in die Tiefe und wir bleiben an der Oberfläche. Bei stillem Sitzen (Za-Zen) kann man dieses Phänomen genau betrachten. Es gibt Momente, wo die Wellen sich glätten, der Geist ruhig wird. Dann ist alles in Ordnung, so wie es ist. Das sind Momente des Loslassens. Aufräumen ist ein gutes Übungsfeld für das Loslassen.

Ich benutze das stille Sitzen oft zu Beginn meiner Arbeit - um mich und meine Kunden zu erden.

Warum können wir uns oft nur schwer von Dingen trennen, die wir nicht mehr benutzen?

Dafür gibt es viele Gründe. Ich nenne mal zwei:

Erstens: Das Sammeln hat sich in den 190.000 Jahren des Homo Sapiens als Überlebensstrategie bestens bewährt. Sammeln bietet Sicherheit, Reichtum, Macht und Ansehen. Vor 150 Jahren besaß der Durchschnittseuropäer ca. 200 Dinge. Heute sind es 10.000! Es ist neu, dass wir so verwirrend viel besitzen. Wir haben noch keine Strategien entwickelt, mit diesem Überfluss sinnvoll umzugehen.

Zweitens: Wir sind uns oftmals nicht darüber im Klaren, dass die meisten Dinge nicht halten, was sie versprechen. Sie sind überfrachtet mit Bedeutungen, Werten und Illusionen. Sich von Illusionen zu trennen ist besonders schwer.

Sich von Dingen, die mit Erinnerungen verknüpft sind zu trennen, ist mit vielen Gefühlen verbunden und macht vielen Leuten Angst. Mit welchen Strategien überzeugen Sie diese Menschen, diesen Schritt zu wagen?

Wenn die Erinnerungsstücke seinen Besitzer in seinen Zielen, Wünschen und Träumen unterstützen, gibt es keinen Grund sich davon zu trennen.

Wenn sie ihn an eine unliebsame Vergangenheit binden und daran hindern, das Leben zu führen, das er führen will, sollten sie gehen dürfen. Unter diesen Aspekt werden die einzelnen Gegenstände geprüft. Das ist eine grundlegende Strategie meiner Arbeit. Grundsätzlich ist das Loslassen oft mit Ängsten und Verlust verbunden. Und wer will das schon? Aber es gehört zum Leben. Das Aufräumen bietet eine gute Gelegenheit, loslassen zu üben und ganz bewusst seine Erfahrung damit zu machen. Wie fühlt sich das an? Ist es wirklich so schlimm, wie ich mir das vorgestellt habe? Aufräumen ist ein Abenteuer. Man weiß nicht genau, wo es einen hinführt. Strategien wie abfotografieren können hilfreich sein, um die Hürde des Loslassens zu verkleinern. Ich führe mit manchen Kunden ein "Reisetagebuch", in dem Bilder, Fragmente von Gegenständen und Gefühle ihren Platz finden.

>> Warum es unser Leben bereichert, wenn wir uns von Altem trennen, und wie wir verhindern, dass sich erneut Überflüssiges anhäuft, erfahren Sie im dritten Teil des Interviews.


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