Aprés-Ski in Ischgl – Berglöwe jagt Skihase

Donnerstag, 10.12.2009

In Ischgl wird Skifahren leicht zur Nebensache. Exzessiver als hier wird wohl nirgends dem Aprés-Ski gefrönt. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt ...
Peter lächelt selbstverliebt, als wäre die Sonne ein Scheinwerfer, der nur auf ihn gerichtet ist. Als hätten sich all die tektonischen Platten der Kontinente in Millionen von Jahren nur deshalb verschoben und riesige Felsmassen aufgetürmt, damit er jetzt hier sitzen kann – bei einem Weißbier auf 2.000 Meter Höhe im Skigebiet von Ischgl.

Skihase: eine rare feminin-humane Spezies

Es ist einer dieser sonnigen Februartage, an denen es keinen schöneren Platz auf der Welt gibt als in den Bergen. Für Peter sind es aber nicht nur die glitzernden Gipfel, die klare Luft und das wohlige Geräusch der kratzenden Kanten auf dem harten Schnee, die ihn auf den Berg locken. Es sind die Skihasen. Eine rare, feminin-humane Spezies, die gerne im Rudel auftritt. Die Paznauer Taja ist so etwas wie ihre Wasserstelle.

Unbeholfener Paarungstanz von Pinguinen

An der Eisbar draußen feiern hunderte Menschen schon am frühen Nachmittag. Der DJ brüllt ins Mikrofon: "Gebt mir ein H ..." Und dann grölen alle: "Humta-Humta-Humta-Täääteeräää." Dazu tanzen sie in klobigen Skistiefeln, was ein bisschen an den unbeholfenen Paarungstanz von Pinguinen erinnert oder auch an die Szene, als King Kong durch Manhattan wütete. Eine Blondine holt sich gerade einen fliegenden Hirschen (Jägermeister mit Red Bull) an der Schneebar. Peter beobachtet sie. Sie hat schon angebissen.

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Vulgär-Schlager im Schwingerclub

Sie weiß nur noch nichts davon. In den letzten Jahren haben sich Teilbereiche der Alpen zu einem Trink- und Flirtmassiv gewandelt. Bis mittags schwingen die Skiläufer über die Piste, dann wird die Szene zum Schwingerclub. Aus den Boxen dröhnen Vulgär-Schlager. An den Liften hängen große Warnschilder, dass die Anlagen betrunken nicht benutzt werden dürfen. Mit jedem Meter über der Meereshöhe, so scheint es, schwinden die Hemmungen.

Umso höher der Berg, desto niedriger die Moral

Es wirkt fast so, als gäbe es eine moralische Gravitation, welche mit zunehmender Distanz zum Erdmittelpunkt abnimmt. Jede Frau, die in der Paznauner Taja nicht bei drei auf dem Baum ist, wird angebaggert. Das Skigebiet von Ischgl liegt glücklicherweise fast komplett über der Baumgrenze.
Der Ort hat sich in den letzten Jahren zur absoluten Metropole des Après-Ski entwickelt. Natürlich ist es ein großartiges Skigebiet. Die Bergbahnen investierten viel Geld in 40 supermoderne Liftanlagen.

235 Pistenkilometer, beheizte Gondeln, 580 Schneekanonen

Die Kapazität reicht aus, um jede Stunde sämtliche Bewohner einer mittleren Kleinstadt auf den Berg zu befördern. Das Skiareal liegt zu über 90 Prozent schneesicher auf einer Höhe zwischen 2.000 und 2.872 Metern. Die Saison geht von Ende November bis Anfang Mai. Es gibt insgesamt 235 Pistenkilometer, eine elf Kilometer lange Abfahrt, 580 Schneekanonen, beheizte Gondeln und auf der Idalp so viele kreuzende Liftanlagen, dass man sich eher an ein amerikanisches Autobahnkreuz erinnert fühlt als an ein Bergpanorama.

Über den "Duty free"-Run ins Zollparadies

Man kann über den "Duty free"-Run sogar ins Schweizer Zollparadies Samnaun fahren. Im Dezember wurde hier die Schönheitskönigin "Queen of the World" gekrönt, und auf der riesigen Freiluftbühne standen schon Stars wie Elton John.
Und doch ist der geheime Motor des Erfolgs von Ischgl das latente Versprechen, man könne hier mehr erleben als schnittiges Carven. Ischgls neuer Slogan lautet dementsprechend: "Relax. If you can ...".

"Aprés-Ski-Lehrer" mit Schlagersänger-Bräune

Entspannung ist tatsächlich schwierig bei diesem Lärm auf der Paznauner Taja. Da muss man schon ein Gemüt haben wie Peter. Er ist Monteur und - nennen wir es mal - "Après-Ski-Lehrer" aus Innsbruck. Anfang 30. Mit einem Grad der
Bräunung, den man überhaupt nur als Skilehrer oder Schlagersänger erreichen kann. Er trägt halblanges Haar, das er immer wieder mit einer eleganten Bewegung scheitelt. Peter, um im Bild der Tierwelt zu bleiben, ist der Leitlöwe dieser Wasserstelle. Er lauert darauf, bis der Jägermeister-Red-Bull seine enthemmende, ja lähmende Wirkung entfaltet hat. Und dann schlägt er zu.

Dresscode: Hintern-schluckende Jet-Hosen

Natürlich muss man sich fragen, warum ausgerechnet in den Bergen das alkoholenthemmte Feiern im Ballermann-Stil so große Erfolge feiert. Après-Ski ist nicht nur eines der am häufigsten falsch geschriebenen Worte der deutschen Sprache ("Apre´s Ski", "Aprés-Ski"), sondern auch das vielleich überraschendste Phänomen der modernen Bergkultur. Die Leute tragen dicke Daunenjacken und Hintern-schluckende Jet-Hosen. Es ist kalt.

Viele Berglöwen - wenig Skihasen
Aus geöffneten Skischuhen qualmt es süß-säuerlich. Außerdem gibt es deutlich bessere Reviere als diese Wasserstelle. Denn es sind sehr viele Löwen, die hier auf der Lauer liegen. Und nur sehr wenige Skihasen, die es zu erlegen gilt. "Ich habe gehört, dass hier viele Leute hinfahren, die eine Affäre suchen", sagt Systemadministrator Frank. Aber man kann bereits prognostizieren, dass weder er und seine Skat-Truppe aus Herne reüssieren werden - noch die jungen Herren aus Hoffenheim, die mit ihren "Wir sind Herbstmeister"-T-Shirts. 

Party mit dem Charme einer Männerpension

Gegen 16 Uhr steuert die Party in der Paznauner Taja dem Höhepunkt zu. Ein junger Mann strippt lasziv, damit die anwesenden Damen seinen Waschbrettbauch sehen können, und wird dafür mit Schneebällen beworfen. Frank und seine Jungs haben sich bereits tierisch einen hinter den Wollschal gekippt. Sie sind ein wenig frustriert, weil die Party eher den Charme einer Männerpension ausstrahlt. Nur Peter ist ins Gespräch gekommen mit der Blondine. "Hier muast schnei sein, sonst sans furt", weiß er und verabredet sich mit ihr in der Trofana Alm, dem traditionell nächsten Stopp der Feiergemeinde.

100 Prozent Luftfeuchtigkeit
Nun müssen die Après-Ski-Jünger mit den Glühwein-geschwächten Knien die blaue Abfahrt auf der roten Piste ins Tal meistern. Also vereint sich die Gemeinde gegen Liftschluss zu einer feuchtfröhlichen Spaß-Lawine, die ins Tal niedergeht. Die Trofana Alm sieht aus wie eine ausgebaute Tenne am Pistenrand mit zwei Etagen. Es gibt jeden Nachmittag denselben Cocktail: 1.000 Leute und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Dazu viel Alkohol und musikalische Perlen wie das "Fliegerlied". Hier kann man das offizielle Ischgl-T-Shirt kaufen mit dem Aufdruck: "Du hast mich 1.000-mal belogen".

Ursuppe der guten Laune
"Die Fliege war nicht dumm ... Sie machte summ summ summ", dröhnt aus den Boxen. Auf dem Parkett kann man sofort erkennen, wer bereits länger zur Après-Ski-Gemeinde gehört und die komplexe Schrittfolge beherrscht und wer nicht. Denn die Ballermann-Community ist eine Art chiffrierte Geheimgesellschaft. Man gehört nur dazu, wenn man weiß, dass man etwa beim Lied "Geboren, um Liebe zu geben" von Roland Kaiser nach "Joana" im Kollektiv "Du geile Sau" rufen muss. Erst diese gemeinschaftliche Inszenierung schweißt die Spaß-Gemeinde zusammen, sodass am späten Nachmittag von der Trofana Alm in die Schatzi Bar und vom Kuhstall ins Romantica eine Ursuppe der guten Laune hin und her schwappt, deren Fahne man bei gutem Wind bis zum Großglockner riechen kann.

Tierblähungen und Popelgeschosse
Die Ballermann-Fraktion hat mit "Feuer, Eis und Dosenbier" sogar ein filmisches Denkmal erhalten. Der Kinofilm handelt von zwei Freunden, die sich vor dem Wehrdienst nach Ischgl flüchten. Der "Filmspiegel" rezensierte den Film so: "Es wird das Publikum bedient, das Tierblähungen und Popelgeschosse lustig findet." Natürlich kann man in Ischgl auch einen entspannten Urlaub erleben. Dem Trubel aus dem Weg gehen und das wirklich großartige Skigebiet genießen. Und sich in die Sauna eines wunderbaren Spas setzen. Hierfür allerdings benötigt man als Gast schon die Fähigkeit, den ganzen Rummel auszublenden.

Vom Tagelöhner-Bergdorf zum Aprés-Ski-Olymp

Auch die Einwohner zahlen einen hohen Preis. Das einstige Bergbauerndorf Ischgl hat nur 1.500 Einwohner. Es wurde schon vor über tausend Jahren von den Rätoromanen besiedelt. Die Bevölkerung in dem kargen Tal konnte sich kaum ernähren. Vor zwei Generationen waren hier viele noch Tagelöhner. Im Jahr 1963 beschlossen die Bauern, all ihr Geld zu investieren, um der Armut zu entkommen. Damals bezweifelten freilich noch manche im Tal, dass der Skitourismus jemals groß genug werden könnte, um die 60-Personen-Gondel auch nur einmal im Jahr komplett zu füllen.

Superstars statt feschen Alpenjodlern
Inzwischen ist fast jeder hier Unternehmer. Wer auch nur ein kleines Stück Land besaß, ist reich. Die Silvretta Seilbahn AG steckt seit ihrem Bestehen jeden Euro in die Modernisierung und Erweiterung der Anlagen. Ischgl hat alles richtig gemacht. Luxus-Hotels für hunderte Millionen Euro gebaut. Einen 190 Meter langen Fußgängertunnel gebohrt, der die Skifahrer auf Laufbändern unterirdisch von der Dorfmitte zur Seilbahn bringt. Hier treten keine feschen Alpenjodler auf, sondern Superstars. Ischgl hat mittlerweile über 11.000 Gästebetten. Jeder Gast lässt durchschnittlich 145 Euro pro Tag in dem Ort.

Deutlicher Männerüberschuss
Frank und seine Jungs feiern seit drei Stunden in der Trofana Alm. Sie prosten ein paar Mädchen zu. Après-Ski ist ein gutes Studienobjekt für die fundamentalen Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Die Frauen genießen, dass sich Angebot und Nachfrage in Ischgl dramatisch zu ihren Gunsten verschoben haben. Auch Damen, die gemeinhin nicht im Mittelpunkt des männlichen Interesses stehen, können hier auf Freigetränke und
Komplimente hoffen. Aber sie wissen, dass sich die Männer, die sie bei "Ein Stern, der deinen Namen trägt" antanzen, schnell als Sternschnuppen herausstellen können.

Erst "Sex on the Snow", dann heimtaumeln
Die marodierenden Männergruppen hingegen halten sich alkoholbedingt für äußerst attraktiv und signalisieren schnell und ungefragt ihre Paarungsbereitschaft. Und feiern damit wenige Erfolge. Nur Peter hat seine Blondine überzeugt, mit ihm einen Spaziergang zu machen. Es gibt da diesen Stern, den er nach ihr benennen möchte. Die anderen ziehen weiter von Kneipe zu Kneipe, bis sie zu später Stunde in einen Club wie das Pacha gehen, wo sie noch einen "Sex on the Snow" (Wodka und Pfirsichschnaps mit Orangensaft) trinken. Dann stecken sie den Go-go-Girls ein paar Euro zu und taumeln heim. Am nächsten Tag am frühen Nachmittag liegen sie in der Paznauner Taja wieder auf dem Boden und rudern zum Lied vom "knallroten Gummiboot". Und wenn sie dann wieder nach Hause fahren, dann erzählen sie von unglaublichen Abenteuern, von Affären und Skihasen ...

Text: Oliver Kuhn

Den ungekürzten Text und viele wertvolle Ischgl-Tipps finden Sie im ADAC-Skimagazin "Winter 2010-Pistenglück". Weitere Informationen unter: www.adac.de/reisemagazin.

Ischgl: Winterliche Flirthochburg par Excellence

Stimmung wie am Ballermann. Aprés-Ski wurde in Ischgl erfunden - behauptet zumindest der dortige Tourismusverband.

 

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10.12.2009 08:56
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