ADAC-Reisemagazin Trentino – Voll im Trento

Sonntag, 20.03.2011

Italiener halten Trento für eine der attraktivsten Städte ihres Landes. Hier treffen sich alpenländische Tugenden und mediterrane Lebensfreude.

Text: Claudia Schuh

Fotos: Guido Castagnoli

Michele Lanzinger steht auf einem Baugerüst und bewegt seine Hände, als dirigiere er eine Verdi-Oper. "Hier, und hier! Und schauen Sie da!", ruft er und scheint zu erwarten, dass Zuhörer die gleiche Fantasie entwickeln wie er. Besucher sehen aber nur eine neue Markthalle und den nackten Beton von Rohbauten. Kräne ragen am Ufer der Etsch in den Himmel. Lanzinger malt die Umrisse des neuen Wissenschaftsmuseums in die Luft und lobt die geplante Fassade des Gebäudes, die dank Fotovoltaik-Elementen Strom erzeugen soll.

Futuristisches Viertel am Fluss
Mit dem gelben Helm und den Bauarbeiterschuhen wirkt Lanzinger nicht wie ein Visionär. Er hat aber bereits vor Augen, was 2012 Realität wird: ein neuer Stadtteil für Trento. Der 53-Jährige ist Geologe, Dozent und Direktor des Naturwissenschaftlichen Museums in der Altstadt. Ihm sei es vor allem zu verdanken, sagen die Trentiner, dass am Rand des Zentrums ein futuristisches Viertel entstehe, entworfen vom Genueser Stararchitekten Renzo Piano. Lanzinger saß in den Kommissionen, die über das Areal am Fluss entschieden, auf dem bis 1999 Reifen für Michelin produziert wurden.

Extravagant statt provinziell
Piano, der Gebäude wie das Centre Pompidou in Paris und das Debis-Haus nahe dem Potsdamer Platz in Berlin schuf, arbeitet normalerweise in Tokio, New York oder London. Aber in Trento mit seinen gut 100 000 Einwohnern? "Die Vorstellung hat ihn fasziniert, einer Stadt mit großer architektonischer Tradition eine neue Form zu geben", sagt Lanzinger. Als im 16. Jahrhundert das Tridentinische Konzil tagte, war die Stadt das Zentrum der christlichen Welt. Knapp 500 Jahre später ist Trento die Hauptstadt der Provinz Trentino. Provinziell aber wirkt das Städtchen nicht. Es ist kein gewöhnlicher Ort des Alpenraums, sondern ein sehr italienischer, der sich Extravaganzen leisten kann.

Spitze Lebensqualität
Schon ohne das Piano-Viertel belegt Trento regelmäßig einen Spitzenplatz unter Italiens Städten hinsichtlich der Lebensqualität. Trento hat eine gesunde Wirtschaft, ein Bruttosozialprodukt, das doppelt so hoch ist wie das Palermos, und eine Arbeitslosenquote, die nach heiler Welt klingt: drei Prozent. Berge und Grün umgeben die Stadt, deren Kern einem frisch geputzten Puppenhäuschen gleicht. Lokale Erzeuger verkaufen Bioprodukte, die nicht nur so heißen, sondern auch danach schmecken. Die Wege sind kurz, Studenten bewältigen fast alles mit dem Rad. Und die Dolomiten sind genauso nah wie der Gardasee.

Italienisches Flair, deutsche Funktionalität
Trentiner sind im Herzen Italiener, heißt es, denken aber wie Deutsche. Anders als in Bozen, wo auf den Straßen überwiegend Deutsch gesprochen wird, beherrschen in Trento italienische und mediterrane Gewohnheiten den Alltag: Der Aperitivo wird direkt nach der Arbeit oder zum Auftakt des Abendprogramms bestellt; in den Bars trifft sich ein Publikum mit grauen Schläfen und Woody-Allen-Brillen wie in Rom. Aber wenn die Ampel auf Rot schaltet, bleiben Trentiner stehen. Sie parken selten in der zweiten Reihe, und die Müllabfuhr arbeitet ohne nennenswerte Ausfälle. Will heißen: In Trento funktionieren die Dinge.

Grandezza auf dem Domplatz
Auf der Autobahn achtlos an der Stadt vorbeizufahren Richtung Gardasee, hält Signora Franca Passardi für einen Fehler, wenn nicht für skandalös. Die 60-jährige Fremdenführerin spaziert in engen Kleidern über den hell beleuchteten Domplatz und strahlt eine Grandezza aus, die so groß ist wie ihre Brillengläser. Woanders gelebt hat die hauptberufliche Lehrerin nur während ihres Studiums in Bologna.

Stadt des Glücks

Als Kennerin Trentos führt sie mehrmals pro Woche Besucher durch die Altstadt. An der Nordseite des Doms deutet sie auf die Querschiffmauer, wo in der Mitte Fortuna am Rad des Schicksals dreht, an dessen Rand zwölf Gestalten aufsteigen oder abstürzen. "Das Glück kommt und geht", deutet Signora Passardi das mittelalterliche Kunstwerk, "in Trento kommt es oft und bleibt lang."

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Lesen Sie den ungekürzten Text in der aktuellen Ausgabe des ADAC-Reisemagazins "Trentino - Italien ganz oben". Erhältlich hier.

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Dolce Vita pur: Aperol mit Weißwein oder Prosecco auf der Piazza del Duomo von Trento, der Hauptstadt des Trentino.

 

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20.03.2011 10:30
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