ADAC-Reisemagazin: Londoner B&Bs
My Home is your Home
Familienanschluss ist in einigen Londoner Bed & Breakfast-Unterkünften inklusive. Ein Besuch im "40 Winks" und fünf weitere Top-Adressen.
Text: Julia Grosse
David Carter öffnet mit einem kräftigen, routinierten Ruck die schwere Eingangstür. Seine Garderobe sitzt tadellos, ein tiefblauer Anzug von Alexander McQueen mit kleiner Einsteckrose zu kunstvoll abstehenden Haaren. Eine dandyhafte Mischung aus jungem David Bowie und "Edward mit den Scherenhänden". Der Blick des Besuchers wandert neugierig nach unten, in Erwartung edler Lederschuhe, doch was ist denn das? David Carter trägt ein niedliches Paar Hausschläppchen mit Schleife!
Weiße Frauenköpfe mit Geweih
"Jeder zieht bei uns diese Schläppchen an", sagt der gebürtige Ire gespielt streng und deutet auf eine ganze Armee der weichen Hausschuhe im Flur. An den Wänden hängen üppige Kreationen aus pinkfarbenen Flamingofedern neben weißen Frauenköpfen, aus denen Geweihe wachsen. Carters Schlafzimmer im ersten Stock sieht aus wie ein Ankleidezimmer aus Choderlos de Laclos’ Roman "Gefährliche Liebschaften". Im Gäste-Doppelzimmer unter dem Dach stehen alte Koffer mit vergilbten Zetteln, die verraten, wohin die Schiffsreise damals ging. Auf der Fensterbank im Salon starrt ein Totenschädel neben einer alten Glasglocke ins Leere, darunter leuchtet eine Koralle.
Die Tür geht zu, der Alltag verschwindet
Willkommen im derzeit exzentrischsten Bed & Breakfast der Stadt. Wer im 40 Winks ("to have forty Winks" bedeutet "ein Nickerchen machen") eines der zwei Zimmer bucht, betritt kein normales Hotel. Es ist, als habe eine von Filmemacher Tim Burtons schrägen Figuren das Set verlassen, um sich selbstständig zu machen. Der Übergang von der Hauptstraße - wo Autos hupen, Kinder schreien und Gemüseverkäufer streiten - in Carters eigenwillige Welt wirkt wie eine filmreife Inszenierung. Die Tür geht zu, der Alltag ist verschwunden.
In die Privatsphäre anderer eintauchen
Ein Bed & Breakfast-Aufenthalt gewährt Gästen einen kurzen Einblick in die Seele eines Landes. Wer wissen will, wie seine Menschen ticken, was die Engländer über den aktuellen Premier denken oder wo es das beste Thai-Curry gibt, wird die Antwort nicht in einem Hotel finden. Bei der Hausherrin oder dem redseligen Besitzer eines B&B dagegen schon. Vor allem aber befriedigt diese Art des Übernachtens unseren heimlichen Wunsch, in die Privatsphäre anderer Menschen einzutauchen. Das Konzept eines B&B lautet: Urlaub bei fremden, freundlichen Menschen.
Anekdoten, Chardonnay und Orlando Bloom
Gäste dürfen in jedem Haus eine Biografie betreten: sei es die der 70-jährigen Dame mit ihrem Papagei, die sich ein bisschen Unterhaltung in ihrem Stadthaus wünscht, oder die Geschichte des Designers Carter im nervösen Osten der Stadt. Zwar gibt es bei ihm keine Spa-Landschaft, keinen Zimmerservice und auch keinen Begrüßungscocktail, dafür aber den exklusiven Einblick in das Leben eines Dandys, der über einem Gläschen Chardonnay Anekdoten aus der Welt der Stars erzählt. Von Hollywood-Star Orlando Bloom zum Beispiel, der kürzlich für ein Fotoshooting vorbeikam. "Draußen lauerte kein einziger Paparazzo! Orlando hat sie einfach abgehängt!"
Raus aus den Schläppchen, zurück in die kalte WeltDie Abreise aus Carters Reich macht sich zuerst an den Füßen bemerkbar. Die werden plötzlich kalt, denn sie müssen aus den wohlig warmen Schläppchen zurück in die Stilettos. David Carter winkt noch kurz hinterher, schließt die schwere Tür und verschwindet wieder in seiner eigenen Welt.
Mehr Infos: www.40winks.org
Weitere ungewöhnliche B&B-Adressen in London:
The Main House; Notting Hill, Nähe Portobello Road
Stil: Afrikanischer Kolonialstil trifft viktorianisches Understatement
Baujahr: 19. Jahrhundert
Hausherrin: Ex-DJ, Ex-Club-Besitzerin, Ex-Safariführerin Caroline Main
Beds: zwei Etagensuiten, zwei Einzelzimmer
Breakfast: Kaffee und Tee - Frühstück zum Sonderpreis in Tom's Deli um die Ecke
Berühmte Gäste: japanische Popstars, amerikanische Filmproduzenten
Besonderheiten: Schaf- und Kuhfelle auf dem Parkett
Kosten: DZ ab 110 Pfund
Mehr: www.themainhouse.co.uk
Rough Luxe; King's Cross
Stil: Hausbesetzer-Charme mit Luxusmöbeln
Baujahr: um 1820
Beds: acht Doppelzimmer
Breakfast: kontinental mit Whisky-Orangen-Marmelade, Croissants und Pain au Chocolat
Berühmte Gäste: geheim
Besonderheit: Wutentlademaschine, die Porzellan zertrümmert
Kosten: DZ ab 177 Pfund
Mehr: www.roughluxe.co.uk
4 First Street; Chelsea
Stil: schlichte Opulenz
Baujahr: um 1830
Beds: ein Doppelzimmer unter dem Dach
Breakfast: Kaffee und Tee, das kontinentale Frühstück gibt's gegenüber bei Baker and Spice
Berühmte Gäste: Sie?
Besonderheiten: eigener, kleiner Balkon
Kosten: DZ 100 Pfund
Mehr: www.uniquehomestays.com
66 Camden Square; Camden Town
Stil: europäischer Minimalismus trifft Bungalow aus afrikanischem Teak
Baujahr: 1987
Beds: ein Doppelzimmer, ein Einzelzimmer
Breakfast: kontinental, bei schönem Wetter im tropisch anmutenden Garten
Berühmte Gäste: führende New Yorker Polizeibeamte; eine schwedische Prinzessin
Besonderheit: der sprechende Papagei Peckham
Kosten: DZ ab 100 Pfund
Mehr: suejdavis[at]btinternet.com
22 Marville Road; Fulham, Grenze Chelsea
Stil: Urlaub bei der schicken Tante
Baujahr: 1870
Beds: ein Doppelzimmer, ein Einzelzimmer
Breakfast: kontinental plus selbst gemachte Orangenmarmelade
Besonderheit: die Hunde Tess und Ben
Kosten: DZ ab 90 Pfund
Mehr: www.londonguestsathome.com
Lesen Sie den ungekürzten Text in der aktuellen Ausgabe des ADAC-Reisemagazins "London". Erhältlich hier.
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Tags:
London, Hotels, ReiseKommentare

Londontrip mit Familienanschluss gesucht? Einfach in einer Bed & Breakfast-Unterkunft einmieten. Etwa im "Rough Luxe" (oben) nahe King's Cross, dem "40 Winks" (rechts) im Mile End und dem "4 First Street" im schicken Chelsea.
Foto: ADAC Reisemagazin; Peter Günzel













