Vaginismus: Was ist das und was dagegen tun?

Dienstag, 24.01.2017

Vaginismus – mit diesem Begriff können noch immer die wenigsten etwas anfangen. Doch dabei sind viele Frauen betroffen. Sie verspüren nicht nur beim ersten Mal Sex Schmerzen, sondern ständig, sobald sie penetriert werden. Vier Frauen wollen jetzt aufklären – und idealerweise sogar Abhilfe schaffen.

Frauen, die unter Vaginismus leiden, haben eine verkrampfte Scheidenmuskulatur. Auch der Beckenboden ist oftmals betroffen. Dadurch kann der Partner nicht nur schlecht eindringen – es entstehen auch unwillkürlich Schmerzen. Tipps wie "Entspann dich mal" helfen da wenig.

Vaginismus: Eine sexuelle Funktionsstörung

Vaginismus ist eine ernst zu nehmende sexuelle Funktionsstörung.

Vaginismus ist eine ernst zu nehmende sexuelle Funktionsstörung.

Wer unter Vaginismus leidet, der kann das Liebesspiel kaum genießen. Die Vagina verkrampft ständig und macht das Eindringen zu einem schmerzhaften Vorgang – wenn es überhaupt so weit kommt. Bei einigen Frauen ist diese sexuelle Funktionsstörung sogar so stark ausgeprägt, dass sie nicht mal einen Tampon einführen können. Wie viele von Vaginismus betroffen sind, ist bislang leider nicht bekannt. Medizinische Stichproben lassen jedoch vermuten, dass zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Frauen die Beschwerden haben.

Unterstützung und Aufklärung

Vier verschiedene Frauen haben sich im Gespräch mit "Broadly" zu dem Thema Vaginismus geäußert. Sie alle arbeiten in unterschiedlichen Bereichen und haben es sich zur Aufgabe gemacht, betroffenen Frauen helfen zu wollen – auf ihre ganz eigenen Weisen. Die 29-jährige Lina beispielsweise weiß genau, wovon sie spricht. Sie litt ebenfalls jahrelang unter der sexuellen Funktionsstörung und fühlte sich alleingelassen mit ihren Problemen. Ärzte forderten sie auf, sich zu entspannen, während sie bei den Untersuchungen starke Schmerzen erlitt. Solche Ratschläge halfen ihr gar nichts, also entwickelte sie ihre ganz eigene Methode, den Krämpfen den Kampf anzusagen. Heute bietet sie Betroffenen einen kostenpflichtigen Online-Kurs an, bei dem es vor allem um Unterstützung und Aufklärung geht. Denn viele Frauen denken immer noch, alleine mit ihrem Problem zu sein. Von grundlegenden Informationen bis hin zu Entspannungshilfen und Eindring-Übungen reicht sie den Ladys eine helfende Hand.

Bekanntmachung mit dem eigenen Geschlecht

Auch die anderen Vaginismus-Expertinnen sind davon überzeugt, dass neben den physischen Symptomen auch immer die Seele und das Bewusstsein über den eigenen Körper eine wichtige Rolle spielt. Die Osteopathin und Physiotherapeutin Christine Horn etwa will, dass sich Frauen mit ihrem eigenen Geschlechtsorgan auseinandersetzen. "Die meisten von ihnen haben sich [ihre Vagina] noch nicht einmal richtig angeschaut", sagt sie im Gespräch mit "Broadly". Indem sie betrachten, was sich zwischen ihren Schenkeln befindet, würden sie eine sexuelle Identität entwickeln und Selbstzweifel lösen. Eine gute Idee, wie auch Sexualtherapeutin Beatrice Wagner befindet. "Viele meiner Patientinnen fühlen sich nicht als echte Frau", gesteht sie im Gespräch.

Sanfte Dehnübungen für die Vagina

Selbst das Einführen von Tampons wird zur schmerzhaften Prozedur.

Negative Erfahrungen können dazu führen, dass die Muskulatur verkrampft.

Zudem sei es wichtig, die körperlichen Beschwerden zu lindern. Dafür empfehlen die Expertinnen, leichte Dehnübungen zu praktizieren. Welche Behandlung sich eigne, würde sich nach der Art der Erkrankung richten. Dabei wird sie in zwei verschiedene Formen unterteilt. Primärer Vaginismus besteht zumeist schon in jungen Jahren, zum Beispiel der Pubertät. Sekundärer Vaginismus entsteht hingegen, nachdem Frauen bereits sexuelle Erfahrungen gesammelt haben. Die Krämpfe entwickeln sich infolge von Operationen, Geburten oder belastenden Partnerbeziehungen – und in solchen Fällen ist eine psychologische Therapie unerlässlich, damit Sex nicht dauerhaft negativ assoziiert wird.

Für die körperlichen Beschwerden eignen sich sanfte Dehnübungen. Beim sogenannten Dilatoren-Training werden Stäbe geringen Durchmessers eingeführt, damit sich die Vagina an das Eindringen von Fremdkörpern gewöhnen kann. Lockert sich die Muskulatur nach und nach, können auch die Partner mit Übungen einbezogen werden.

Behandlungen mit Botox

Zwei der Frauen sind nicht ganz überzeugt von dieser Behandlungsmethode. Die Osteopathin Christine Horn befindet: "Das Eindringen ist für die Betroffene bereits eine negative, oft qualvolle Erfahrung. Ich bin mir nicht sicher, wie hilfreich eine unangenehme Behandlung mit kalten Metallstäben da ist." Deshalb führt die Ärztin Dr. Katrin Lossagk in einer Praxis für plastische Chirurgie in München eine Behandlung mit Botox durch. Das normalerweise als Faltenglätter bekannte Mittel entkrampft die Muskulatur. Es wird direkt injiziert und hilft Betroffenen, ein Jahr lang positive Erfahrungen mit Sexualität zu sammeln.

"Der Körper hat ein Schmerzgedächtnis", führt die Medizinerin aus. Deshalb sei es umso wichtiger, den Teufelskreis zu brechen. Durch die negativen Assoziationen, die Vaginismus-Betroffene mit Sex verbinden, verkrampfen sie bereits bei den ersten Berührungen. Wird nichts unternommen, verschlimmern sich die Symptome. Die Frauen sollten vielmehr merken, dass rein anatomisch Sex möglich ist und sogar Spaß macht – und dabei helfe diese Therapie. Sie gibt zu, dass die Botox-Behandlung oft als der letzte Schritt erachtet wird. Trotzdem sei sie sehr sinnvoll, wenn andere Therapien einfach nicht anspringen wollen. "Die Frauen, die zu uns in die Praxis kommen, haben zumeist einen sehr langen Leidensweg über viele Jahre hinter sich. Wir sind die letzte Instanz", so die Ärztin.

Abschließend hält Lina, die die Online-Kurse anbietet, jedoch noch fest: "Jede Frau und jeder Körper ist anders. Jeder hat eine eigene Herangehensweise." Frauen, die unter Vaginismus leiden, sollen die Hoffnung nicht verlieren und sich in Ausdauer und Geduld üben – und sich sanft den Weg zu schmerzfreiem Sex ebnen.  

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