Sicher verhüten: Experteninterview – "Was stresst Sie?"

Dienstag, 07.02.2012

Das perfekte Verhütungsmittel zu finden, ist gar nicht so einfach. fem.com hat die Frauenärztin Prof. Dr. Dr. Elisabeth Merkle um Rat gefragt.

Frau Prof. Dr. Dr. Merkle, welche Kriterien muss ein gutes Verhütungsmittel erfüllen und wie finde ich es?


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Ein gutes Verhütungsmittel muss vor allem zu den Lebensumständen der Frau bzw. des Paares passen: Wäre eine Schwangerschaft eine Katastrophe? Suche ich nach einer Langzeitverhütung oder möchte ich die Entscheidung in einem halben Jahr noch einmal überdenken? Lebe ich in einer festen, monogamen Partnerschaft oder habe ich wechselnde Partner? Es gibt auch Frauen, die Fremdkörper wie die Spirale ablehnen oder auf keinen Fall Hormone nehmen möchten. Dazu kommen die medizinischen Kriterien: Der Arzt muss Faktoren wie Rauchen, Übergewicht und Thromboserisiko abfragen. Als drittes sollten auch Zusatznutzen von Verhütungsmitteln einbezogen werden: Soll die Haut schöner oder die Periode schwächer werden? Der Weg zum passenden Verhütungsmittel besteht also darin, sich selbst klar zu werden, was man möchte, anschließend mit dem Frauenarzt zu sprechen - und sich dann zu entscheiden.



Gibt es denn dann tatsächlich für jede Frau das passende Verhütungsmittel?


Ich würde sagen, für fast jede Frau. Manchmal muss man das Verhütungsmittel wechseln, weil Nebenwirkungen auftreten. Auch im Laufe der Jahre kann sich der Körper verändern: Da ist zum Beispiel eine schlanke Mittzwanzigerin mit der Pille jahrelang gut zurechtgekommen, doch mit 35 ist sie 15 Kilogramm schwerer und hat angefangen, zu rauchen. In solchen Fällen muss man eine andere Verhütungsmethode probieren.


Verhütung sollte nicht nur gut verträglich, sondern auch möglichst stressfrei sein...


Ja, eine Frau sollte sich vor dem Besuch beim Frauenarzt Gedanken machen, was genau ihr Stress bereitet. Für manche ist das, an die regelmäßige Einnahme der Pille denken zu müssen, für andere, keinen spontanen Sex haben zu können, weil zum Beispiel die Temperaturmethode angewendet wird. Beraten kann der Arzt natürlich nur dann gut, wenn die Patientin genau sagen kann - oder sich vielleicht sogar aufgeschrieben hat - was sie stresst.



Es heißt ja immer, Männer würden sich heute in hohem Maße mit um die Verhütung kümmern. Stimmt das mit Ihren Erfahrungen überein?


Ich muss ganz ehrlich sagen: Männer tauchen in meiner Praxis nur auf, wenn eine Frau schwanger ist oder eine ernsthafte Diagnose besprochen werden muss. Wenn ich meine Patientinnen frage, ob sie die Verhütungswahl noch einmal mit ihrem Partner besprechen möchten, bekomme ich fast immer die Antwort: "Das muss ich ja sowieso alleine entscheiden."



Die Anti-Baby-Pille ist gerade 50 Jahre geworden. Generationen haben damit verhütet. Welche hormonellen Alternativen gibt es heute zur "Pille"?

Da gibt es den Vaginalring, das Verhütungspflaster, die Östrogenfreie Pille, die Minipille, das Verhütungsstäbchen und die Hormonspirale. Der Vaginalring funktioniert wie die Pille, wird wie ein Tampon in die Scheide eingeführt und gibt dort kontinuierlich drei Wochen lang eisprungverhindernde Hormon ab. Anschließend gibt es eine einwöchige Ringpause, in der die Regelblutung einsetzt. Das Verhütungspflaster wirkt ähnlich, wird aber wöchentlich gewechselt und hat die Nachteile, dass es sichtbar ist, sich auch mal ablösen kann und bei Übergewicht nicht angewendet werden darf. Die Östrogenfreie Pille wird häufig bei stillenden Frauen eingesetzt und ohne Pause eingenommen. Die Minipille ist ebenfalls rein gestagenhaltig, verhindert aber den Eisprung nicht, sondern wirkt über die Veränderung des Zervixschleims. Ihr größter Nachteil ist, dass sie jeden Tag zur gleichen Uhrzeit eingenommen werden muss. Das Verhütungsstäbchen wird vom Arzt für bis zu drei Jahre in den Oberarm implantiert und verhütet östrogenfrei. Die Hormonspirale schließlich gibt die Hormone vor allem direkt in die Gebärmutter ab, muss vom Arzt eingesetzt werden und bleibt bis zu fünf Jahre dort.



Von den aufgezählten hormonellen Verhütungsmitteln scheint vor allem der Vaginalring immer beliebter und bekannter zu werden - welche Vorteile hat er im Vergleich zur Pille?


Der Verhütungsring hat den großen Vorteil, dass man nicht täglich an ihn denken muss. Besonders für Frauen, die häufig reisen, im Schichtdienst arbeiten oder viel Stress haben, ist das ideal. Außerdem enthält der Vaginalring weniger Östrogen als die Pille, weil über die Schleimhäute gleichmäßig Hormone abgegeben werden. Bei Einnahme einer Pille steigt die Hormonmenge im Körper erst gewaltig an und sinkt am nächsten Tag wieder ab. Der Vaginalring belastet den Körper nicht mit solchen Schwankungen. Und: Bei Erbrechen und Durchfall wirkt er weiterhin. Das ist nicht nur für die vielen Frauen mit Essstörungen wichtig, sondern auch, wenn man sich mal einen Magen-Darm-Infekt eingefangen hat. Zudem wirkt er sich oft positiv auf die Haut aus, und schwächt die Periode ab. Zwischenblutungen sind sehr selten.


Gibt es Unterschiede zwischen dem Pearl Index des Vaginalrings und dem der Pille?

Nein, beide Methoden sind gleich sicher. Der Pearl-Index des Vaginalrings (auch "PI"; sagt aus, wie viele von 100 Anwenderinnen trotz des Verhütungsmittels schwanger werden, Anm. d. Red.) liegt bei 0,6. Bei neuer zugelassenen Pillen liegt der PI im gleichen Bereich. Dass manche Anti-Baby-Pillen, die schon länger zugelassen sind, einen etwas niedrigeren PI haben, liegt allein daran, dass bei der Berechnung früher keine Anwendungsfehler berücksichtigt wurden.

Und welche Nachteile hat der Verhütungsring?


Meiner Meinung nach ist der einzige Nachteil, dass viele Frauen ihn noch nicht kennen und sich ein wenig vor dem Einlegen und Herausnehmen fürchten. Das ist aber nicht schwieriger, als einen Tampon ein- und auszuführen. Bedenken, dass der Ring beim Sex stören könnte, haben zahlreiche Untersuchungen widerlegt.



Ab welchem Alter dürfen Mädchen überhaupt hormonell verhüten?


Das ist individuell verschieden. Es kommt darauf an, wie ein Mädchen entwickelt ist - körperlich und geistig. Unter 14 Jahren ist man sicherlich sehr zurückhaltend mit hormonellen Verhütungsmitteln. Zwischen 14 und 16 würde man mit Einverständnis des Erziehungsberechtigten die Pille geben, bevor eine Teenager-Schwangerschaft entsteht.

Gibt es beim Alter eine Höchstgrenze?

Hormonell verhüten kann man im Prinzip bis zu den Wechseljahren. Viele Frauen gehen irgendwann zu Langezeitverhütungsmitteln wie Hormon- oder Kupferspirale über. Doch wenn kein Übergewicht besteht, sich die Frau gesund ernährt, nicht raucht und sich ausreichend bewegt, kann sie auch bis zu den Wechseljahren mit Pille oder Vaginalring verhüten. (ame)

Ein Verhütungsmittel muss vor allem zum Lebensstil passen.

Ein Verhütungsmittel muss vor allem zum Lebensstil passen. Ein Beratungsgespräch beim Frauenarzt bringt Klarheit.

 

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07.02.2012 11:02
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