Eine Geschichte übers Fremdgehen – "Ich, das besetzte Klo"

Mittwoch, 03.06.2009

Wie fühlt es sich an, eine geheime Affäre zu haben? fem.com-Autorin Anne Probst hat es in Worte gefasst.

Während wir es tun, geht oft sein Pieper. Dann ist er so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen ist. Er ruft an: "Bin in zwanzig Minuten bei dir." Ich wehre mich selten gegen diese spontanen Besuche, und bin machtlos gegenüber seiner sexuellen Energie.

Er bleibt nur eine Stunde

Hat er mich doch schon erobert, wenn er in seinem Kittel abgekämpft die Stufen hinaufkommt. Dann immer das selbe Ritual: Wir schlafen in meinem Zimmer miteinander, manchmal überkommt es uns schon im Flur. Wir liegen nackt in den weichen Kissen meines Bettes, tollen wie Kinder. Er streichelt hingerissen mein Gesicht - findet mich schön. Meist nach dem Frühdienst schläft er kurz ein. Er bleibt allerhöchstens eine Stunde. 

An dem Tag, als wir das erste Mal Sex hatten, siezten wir uns noch. Seitdem haben wir uns 1.533 E-Mails geschrieben und mehrere hundert Male miteinander geschlafen - immer in meiner Wohnung. Diese Affäre dauert jetzt über zwei Jahre. Er ist verheiratet und seine Frau hat zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens ein Kind zur Welt gebracht. Eine Trennung komme aus verschiedenen Gründen nicht in Frage, erklärte er mir zu Beginn. Ich spekuliere auch nicht darauf. Wenn, dann hoffe ich insgeheim.

Keine gegenseitigen Ansprüche

Ansprüche kann keiner stellen. Weder er an mich, noch ich an ihn. Das ist der Deal. Seitdem ich ihn kenne, hatte ich nur kurze Beziehungen, nie länger als drei Monate. Wenn ich meine, mich in einen anderen verliebt zu haben, stoße ich diese Affäre weg. Weit weg. Dann erzähle ich ihm von dem neuen Mann in meinem Leben, in das ich ihn nicht mitnehmen möchte und schicke ihn in die Wüste. Er kämpft dann nicht um mich. Im Gegenteil: Er zieht sich zurück.

Ich kann auch ohne ihn. Aber die Funkstille hält nie lange an. Und seine Worte tauchen wieder in meinem Posteingang auf, das Telefon klingelt wieder mit unbekannter Nummer. Als könne er riechen, wenn ich wieder empfänglich für ihn bin, als könne er wissen, dass er derjenige ist, von dem ich nicht genug bekommen kann.

Keine erfüllende Beziehung

Dann werde ich zur Betrügerin und werde gleichzeitig betrogen. Betrogen von ihm durch seine Doppelgleisigkeit, betrogen um die Chance, mich auf einen anderen einzulassen. Ich werde darum gebracht, eine erfüllende Beziehung zu leben. Nicht einmal übernachtet haben wir in all den Monaten zusammen. Noch nie bin ich neben ihm aufgewacht.

Und selbst betrogen habe ich jeden, der mir seither begegnet ist. Da waren Männer, mit denen ich es wirklich versuchen wollte, in die ich vermeintlich verliebt war. Aber er holt mich immer wieder ein. "Wenn es dir nicht gut tut, dann will ich es nicht mehr", beschwichtigt er. Erst ziere ich mich, dann treffen wir uns doch. Und immer landen wir wieder im Bett. Das war bisher der Totschlag für meine zarten Beziehungsversuche außerhalb dieser Affäre. Ich kann ihn nicht aufgeben.

Wie ein besetztes Klo

Meine Freundin meint, dass sei simpel: die Theorie vom besetzten Klo. Ich sei einfach nicht frei. Er habe mein Herz okkupiert. Und solange ich nicht den Versuch wage, mich ernsthaft aus dieser Misere herauszuziehen, wird alles andere scheitern.

Von Anfang an habe ich mich an die unausgesprochenen Regeln gehalten: Ich rufe nie bei ihm an, stelle keine Fragen und habe nicht einmal seine Handynummer gespeichert. Ganz anders er: Die Glückwünsche für Prüfungen kommen pünktlich und er versäumt es nicht, sich nach dem Wohlsein meiner Haustiere zu erkundigen. Er verfolgt sogar die Männer-Geschichten meiner Freundinnen, von denen er noch keine zu Gesicht bekommen hat. Er kennt mich und mein Leben.

Bruchstückhaftes Wissen

Seines dagegen liegt wie in Puzzleteilen vor mir. Die wenigen Stücke, die ich habe, schiebe ich umher, weit entfernt von einer Idee, wie das Gesamtbild aussehen könnte. In unserer kleinen Welt aus elektronischer Post und den gemeinsamen Stunden in meiner Wohnung offenbart er sich. Wenn er nach dem Sex neben mir liegt, verflüchtigen sich die vielen Lebensjahre, die uns trennen. Unsere Körper liegen verschlungen ineinander und er beginnt von schwierigen Operationen zu erzählen. Der Name seines Kindes fiel erstmals im Betreff einer Ostermail: "Rosa sucht vergebens".

Meine Wohnung ist seine Oase. Hier verlieren seine Hände den Latex-Geruch und nehmen meinen Duft an. Er lädt sich an mir auf. Das ist mein Joker. Er braucht etwas von mir, das ich ihm verweigern kann. Würde ich nicht so lieben, was hätte ich davon? Ich vermisse ihn nicht im Alltag. Träume von keinem gemeinsamen Abend im Restaurant. All das hatte ich nie mit ihm. Das wusste ich von Anfang an.

Dornröschenschlaf

Trotzdem stehe ich am Herd und rühre geistesabwesend im Kochtopf. Dann überkommt es mich wie ein Wolkenbruch: Was zur Hölle tust du eigentlich? Der  moralische Impetus ist es nicht. Ich kann eine Ehebrecherin sein und an die Geheimhaltung habe ich mich gewöhnt. Nur weiß ich nicht, ob und was er für mich empfindet. Und solange werde ich bei der Stange bleiben. Vielleicht geht der Pieper eines Tages auch so laut, dass ich endlich aus meinem Dornröschenschlaf erwache.

Anne Probst

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Immer nur die Affäre sein, ist nicht so leicht.

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