Neurologie: Gehirn und Angst – Mehr als einen Streich gespielt!

Dienstag, 04.12.2012

Das Gehirn ist ausgesprochen komplex und besitzt erstaunliche Fähigkeiten und dennoch ist es nicht vollkommen und spielt uns doch sehr oft einen Streich. Wir kennen die Unzuverlässigkeit beim Erinnern an Namen, Gesichter, Telefonnummern oder auch unsere Anfälligkeit bei Werbung.

Die vermeintlich wohlüberlegten Entscheidungen und Handlungen, sind zuweilen alles andere als rational. Das Gehirn eignet sich für manche Aufgaben ganz hervorragend, für andere leider überhaupt nicht. Die Entscheidung, welche Aufgaben in welche Kategorie gehört, ist nur eine der Schwächen. Die Bugs, also Fehlleistungen unseres Computers namens Gehirn, beeinflussen unser gesamtes Leben. Beschränkungen, Fehler, Schwächen und Voreingenommenheit führen zu dramatischen Aussetzern, Fehlentscheidungen und zuweilen zu tödlichen Folgen. Wie schön wäre es da, nur ein neues Update oder Upgrade zu installieren?!

Angst

Nicht nur auf den Einzelnen kann Angst einen großen Einfluss haben, sondern auf unsere gesamte Gesellschaft. Während Flugangst, Angst vor dem Zahnarzt, Angst vor Verbrechen, vor Orten oder vor Tieren betreffen den einzelnen, Angst vor Unterschieden zu anderen kann in Diskriminierung und Schlimmeres führen. Meist fürchten wir aggressive Handlungen anderer Menschen mehr als andere Gefahren. Entzieht sich etwas unserer Kontrolle, so fürchten wir es umso mehr. Angst ist ursprünglich eine Methode der Evolution, die dafür sorgt, dass Tiere vorsorgliche Maßnahmen bei lebensbedrohlicher Gefahr unternehmen wie beispielsweise gegenüber natürlichen Fressfeinden oder giftigen Tieren. Der Hintergrund ist die Artenerhaltung. Bleibt man so lange am Leben, dass man zur eigenen Arterhaltung beiträgt, ist diese Aufgabe der Natur erfüllt. Doch die Frage ist, ob das, was vor Jahrmillionen gefährlich war und in unserer Evolution mitgeliefert wurde, heute noch zeitgemäß ist? Angst als solches ist keine Macke, aber wie in einem Computer kann sie in dem einen Zusammenhang nützlich sein, in einem anderen fehlerhaft. Das Angstmodul ist so stark veraltet, dass sich fehlgeleitete Befürchtungen, Ängste, skurrile Phobien und Angstmacken mit Anfälligkeit für Paniken bilden.

Unterschiedliche Angst

Man unterscheidet drei Arten von Angst: angeborene Ängste (Gene), erlernte Ängste (Umwelt) und eine Mischform, die eine genetisch angelegte Neigung ist, durch die Angst vor bestimmten Dingen erlernt werden kann. Durch Experimente an Affen schließt man daraus, dass Kinder Angst durch die Beobachtung anderer lernen. Durch die wahrgenommene Reaktion der Eltern auf bestimmte Situationen, übernehmen die Kinder deren Ängste und Befürchtungen. Hinzu kommt, dass wir durch Beobachtung völlig unwillkürlich die Angst vor Dingen erlernen, die in keinster Weise für uns oder nur unwahrscheinlich gefährlich sind. Das Erlernen der Angst durch Beobachtung funktioniert ganz effizient durch Betrachten von Videos – ganz gleich ob sie zeitlich oder räumlich weit von uns entfernt entstanden sind und auch das gezeigte nur Schauspielerei ist. Ein Beispiel ist die Angst vor Haien. Der Film "Der weiße Hai" fördert unsere angeborene Neigung, vor Tieren mit spitzen, scharfen Zähnen Angst zu haben. Diese selektive Assoziation erklärt, warum man Phobien beispielsweise leichter vor Schlangen oder Spinnen entwickelt als vor defekten Elektrokabeln. Das breite Spektrum an Gefahren aus zweiter Hand wie Bilder von Wirbelstürmen, Flugzeugabstürzen, gefährlichen Raubtieren oder Katastrophen von realen oder fiktiven Ereignissen, wird vom Gehirn als Beobachtung erster Hand aufgenommen. Auch wenn die Bilder schneller gezeigt werden als sie die bewusste Wahrnehmung aufnehmen kann, wird die Angst erlernt. Die eigene Einstellung wird automatisch gebildet, da das Gehirn unbewusst diese Assoziationen knüpft, auch wenn wir wissen, dass der Angriff des weißen Hais nicht wirklich stattfindet: Wir trauen uns nicht ins Meer.

Die Lösung

Wer über eingehendes Wissen über die neuronalen Mechanismen des Gehirns und somit über die Angst selbst verfügt, kann lernen, der prähistorischen Funktion Einhalt zu gebieten und die Bedrohungen, die das Wohlbefinden und Überleben wirklich gefährden, zu erkennen.

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Das Buch

Mehr Wissenswertes aus Experimenten, Forschungen und zu den Fehlern und Stärken unseres Gehirns erzählt Dean Buonomano in seinem Buch "Brain Bugs. Die Denkfehler unseres Gehirns", erschienen im Verlag Hans Huber, um 25 Euro. Der Professor für Neurobiologie und Psychologie beschreibt, woher die sogenannten Brain Bugs kommen, warum uns unser Gehirn oftmals betrügt und warum wir Entscheidungen treffen, die teilweise ganz irrational sind. Das Buch ist spannend geschrieben und auch für Nicht-Wissenschaftler gut verständlich. Die vielen Aha-Effekte geben Erkenntnisse für den Alltag und lassen uns überdenken, wie wir in vielen Situationen handeln.

Text: Elisa Gianna Gerlach

"Das Fremdschäm-Buch": Kostprobe – Einmal fremdschämen, bitte!

Brain Bugs: Wenn die Fehlleistungen unseres Gehirns uns einen Streich spielen!

Das menschliche Gehirn ist wie ein Hochleistungscomputer und dennoch kommt es sehr oft zu "Brain Bugs". Diese Fehlleistungen erklärt der Neurowissenschaftler Dean Buonomano und macht verständlich, warum wir wie handeln. Wie die Brain Bugs und Angst in Zusammenhang stehen, ist besonders interessant und lehrreich.

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04.12.2012 17:56
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