Nahrungsmittel-Intoleranz: Interview – "Keine Fertigprodukte!"

Freitag, 27.11.2009

Lebensmittel-Unverträglichkeiten sind in Deutschland auf dem Vormarsch. fem.com hat Expertenwissen und -tipps zum Thema eingeholt.

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Dr. Markus Pfisterer studierte Humanmedizin an der Universität Heidelberg und betreibt seit dem Jahr 2000 eine privatärztliche Praxis mit Schwerpunkten in den Bereichen Naturheilverfahren, Akupunktur und Ernährungsmedizin in Heilbronn. fem.com sprach mit ihm über Nahrungsmittel-Intoleranzen und was man dagegen tun kann.

Herr Pfisterer, was unterscheidet eine Lebensmittel-Unverträglichkeit von einer Lebensmittel-Allergie?

Der Unterschied liegt vor allem im Entstehungs- und Reaktionsmechanismus. Bei einer Allergie ist das körpereigene Immunsystem wesentlich beteiligt und erzeugt Überreaktionen auf bestimmte Substanzen. Wenn das Immunsystem nicht direkt an der Entstehung beteiligt ist, spricht man von einer Intoleranz. Die Unterscheidung ist für den Patienten allerdings weniger bedeutend, da er nahezu die gleichen Beschwerden hat.

Welche Symptome beobachtet man bei diesen Erkrankungen?

Die Beschwerden können sehr unterschiedlich sein, was die Diagnose erschwert. Ich unterscheide zwischen drei Kategorien von Symptomen: So können sich Magen-Darm-Symptome durch Übelkeit, Völlegefühl, Sodbrennen, Durchfall, Verstopfung, Blähungen, Krämpfe, Bauchschmerz, Kratzen im Hals oder Schwellungen an Lippen und Hals bemerkbar machen. Außerhalb des Magen-Darm-Trakts können Hautrötungen, Ekzeme, Juckreiz, Gelenkschmerzen, Hustenreiz, eine laufende Nase, Schwellungen der Augenlider oder Wasseransammlungen im Körper auftreten. Schließlich gibt es zentralnervöse Symptome, die sich durch Müdigkeit, Schläfrigkeit, Schwindelanfälle, Konzentrationsstörungen oder psychische Veränderungen auszeichnen können.

Außerdem gibt es noch das so genannte "Reizdarmsyndrom", das ebenfalls entsprechende Symptome auslöst. Wie kann man herausfinden, woran man leidet?

Das Reizdarmsyndrom ist eine schulmedizinische Ausschlussdiagnose. Man spricht von diesem Syndrom, wenn Beschwerden vorhanden sind und keine andere organische Erkrankung vorliegt. Nun gilt es herauszufinden, was den Reiz auslöst - und dabei stößt man häufig auf Lebensmittelunverträglichkeiten wie Gluten-, Histamin- oder Fructose-Intoleranzen. Um die Ursache genau zu identifizieren, gibt es eine Reihe unterschiedlicher Laboruntersuchungen, die von Atemtests über Blut- bis hin zu Stuhluntersuchungen reichen.

Weiß man schon, welche Faktoren eine Nahrungsmittel-Intoleranz begünstigen?

Als wesentliche Faktoren kommen Störungen und Veränderungen der Darmflora in Frage, wie sie etwa nach Antibiotika-Therapien, Entzündungen oder im Verlauf von Allergien auftreten können. Auch ein Mangel an Mikronährstoffen wie Zink oder B-Vitaminen kann die Entstehung von Lebensmittelintoleranzen begünstigen.

Wie kann ich mich vor einer Lebensmittel-Intoleranz schützen?

Zur Vorbeugung ist es wichtig, für eine optimale Ernährung der Darmflora zu sorgen. Dazu ist eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung nötig, die viele Ballaststoffe enthält und reich an Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten ist. Zudem sollte man weitgehend auf Fertigprodukte verzichten.
Fructose und Lactose kennt man als Frucht- und Milchzucker. Aber was genau sind Histamin und Gluten - und worin sind diese Stoffe enthalten?

Histamin ist ein Produkt der Eiweißvergärung. Es handelt sich also um ein Fäulnisprodukt, das vor allem in eiweißhaltigen Lebensmittel vorkommt, etwa in Käse, Fleisch, Wurst oder Fisch. Auch Sekt oder Rotwein unterliegen einem Gärungsprozess und können somit Histamin enthalten. Gluten ist ein bestimmtes Eiweiß, das in Getreidesorten wie Roggen, Weizen, Dinkel, Hafer oder Gerste vorkommt.

Wie verbreitet sind Gluten-, Lactose-, Histamin und Fructose-Unverträglichkeiten hierzulande?

Dazu liegen keine genaue Zahlen und Statistiken vor. Nach derzeitigen Schätzungen gehen wir davon aus, dass von einer Lactose-Intoleranz etwa 20 bis 40 Prozent und von einer Fructose-Malabsorption - auch "intestinale Fructose-Intoleranz" genannt - rund 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Etwa fünf Prozent der Deutschen leiden unter einer Histamin- und bis zu ein Prozent unter einer Gluten-Intoleranz.

Gibt es Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten in verschiedenen Ausprägungen?

Ja, die Symptome können sehr unterschiedlich ausfallen. Teils tritt nur ein Symptom auf, zum Teil jedoch kommen aber auch mehrere verschiedene Beschwerden zusammen. In Einzelfällen kann es sogar zu schweren, lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schockzuständen kommen.

Was kann man als Betroffener gegen eine Intoleranz auf bestimmte Nahrungsmittel tun?

Zunächst sollten die unverträglichen Lebensmittel vermieden werden, um die Darmflora und -funktion wieder herzustellen. Unterstützend wirken außerdem Enzympräparate, die die Verdauung der unverträglichen Lebensmittel gezielt unterstützen, zum Beispiel das diätetische Lebensmittel Daosin gegen Histamin-Intoleranz oder das Nahrungsergänzungsmittel Fructosin gegen Fructose-Malabsorption.

Sie sind Mitglied der "Wissenschaftlichen Gesellschaft zur Forschung und Weiterbildung im Bereich der Nahrungsmittelintoleranzen", kurz "NutriDis". Was steckt dahinter?

Die Gesellschaft NutriDis versteht sich als unabhängige Informationsplattform für Ärzte, Apotheker und Wissenschaftler sowie für Betroffene im Bereich der nahrungsmittelbedingten Unverträglichkeiten. Das Ziel von NutriDis ist es, die Forschung auf dem Gebiet der Intoleranzen zu intensivieren und fundierte Informationen zu diesem Bereich zu erarbeiten und zu verbreiten. Zudem setzen wir uns dafür ein, eine Ausbildungsplattform für diesen Bereich an der wissenschaftlichen Institution der Ärzteakademie zu schaffen. Und schließlich geht es uns auch darum, zusätzliche Informationen für betroffene Patienten anzubieten. Alle Informationen zu NutriDis gibt es im Internet unter www.nutridis.at.

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27.11.2009 13:39
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