Gaslighting: Perfider Psychoterror

Dienstag, 14.03.2017

Gaslighting ist nicht erst seit gestern ein Thema und doch kommt es in der vergangenen Zeit vermehrt im Netz zur Sprache. Dabei handelt es sich um eine perfide Art der psychischen Gewalt, bei der Opfer zu vermeintlichen Tätern gemacht werden und so lange manipuliert werden, bis sie völlig an sich selbst zweifeln.

Jemanden in den Wahnsinn treiben – das ist das Ziel beim sogenannten "Gaslighting". Der Psychoterror kennt kaum Grenzen und auch kein Erbarmen. Wer über diese Form des Missbrauchs nicht Bescheid weiß und sich keine Hilfe sucht, droht sein Selbstbewusstsein zu verlieren und womöglich schwere psychische Erkrankungen davonzutragen.

Woher stammt der Begriff?

Bei dem Wort Gaslighting denken wohl die wenigsten zuerst an eine Form psychischer Gewalt. Der Begriff wurde von dem Theaterstück "Gaslight" des britischen Dramatikers Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938 geprägt, das 1944 von George Cukor verfilmt wurde. Unter dem deutschen Titel "Das Haus der Lady Alquist" bekamen damals schon die Zuschauer die volle Macht des Psychoterrors zu Gesicht. Ein Ehemann manipuliert darin über einen langen Zeitraum Gegenstände in der Umgebung seiner Frau, um sie in den Wahnsinn zu treiben. So behauptet er, dass die flackernden Gaslampen nicht existieren würden und gibt ihr wiederholt die Schuld für verschwundene Gegenstände. Irgendwann kann seine arme Frau nicht mehr anders, als an ihrem Verstand zu zweifeln.

Gaslighting: Perfide Manipulation

In dem Film ist Gaslighting natürlich sehr plakativ dargestellt, doch der Kern des psychischen Missbrauchs ist getroffen.

Täter wollen, dass ihre Opfer nicht mehr dem trauen können, was sie sehen und was sie umgibt. Die komplette Wahrnehmung soll infrage gestellt werden, bis das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, sich vollkommen aufgelöst haben. Dabei gehen sie aber oftmals nicht so weit, Gegenstände zu manipulieren – in vielen Fällen machen sie in Streitsituationen das Opfer zum Täter.

Täter geben ihren Opfern die Schuld für Streitigkeiten oder Missstände.

Täter geben ihren Opfern die Schuld für Streitigkeiten oder Missstände.

Ein typisches Fallbeispiel: Katja wohnt seit Jahren mit ihrem Kumpel Max zusammen. Er ist der Liebling im Freundeskreis, hat mit niemandem Probleme. Und trotzdem scheint Katja irgendwie nicht mit ihm zurechtzukommen. Ständig geraten sie im Streit aneinander. Die Gründe treten schnell in den Hintergrund, Max behauptet jedoch stets, dass Katja schuld sei. Er sei ja eine friedliebende Person, die sonst keine Probleme mit anderen Menschen habe. Je öfter es zu solchen Auseinandersetzungen kommt, desto mehr zweifelt Katja schließlich an ihrer eigenen Person. Warum macht sie ihren Mitbewohner nur immer so wütend? Was stimmt mit ihr nicht? Tatsächlich ist mit Katja alles in bester Ordnung. Offensichtlich hat es Max darauf abgesehen, sie in den Wahnsinn zu treiben und sie vom Opfer zum vermeintlichen Täter zu machen.

Der Psychoterror hat viele Gestalten

Diese Form psychischer Gewalt ist nicht neu. "Die Täter verdrehen Sachverhalte, verbreiten Unwahrheiten oder unterstellen Dinge mit dem Ziel, dem Gegenüber die eigene Wahrnehmung abzusprechen. Es fallen Sätze wie 'Was erinnerst du denn da, das war doch ganz anders!' oder 'Jetzt sei nicht so empfindlich, das war doch gar nicht so schlimm'", weiß Psychologin Dr. Bärbel Wardetzki im Gespräch mit "Edition F" zu berichten. Diese Form des Missbrauchs kann also in vielen Situationen stattfinden, selbst im Elternhaus. Täter behaupten, dass die Opfer Dinge getan hätten, an die sich diese nicht erinnern können, bestreiten, dass ein Ereignis wirklich stattgefunden hätte, weisen die Schuld von sich und drehen die Worte im Mund um. Schuldzuweisungen sind allgegenwärtig, richten sich jedoch stets auf die Person, die mit dem Psychoterror verunsichert werden soll. Das Perfide ist, dass "Gaslighting" oftmals durch eine Person zugefügt wird, die dem Opfer nahesteht und ihm wichtig ist.

Psychologische Hilfe ist unerlässlich

Damit Betroffene nicht den Verstand verlieren, ist psychologische Hilfe wichtig.

Damit Betroffene nicht den Verstand verlieren, ist psychologische Hilfe wichtig.

Auch wenn es schwerfällt – insbesondere weil oft tiefe Freundschaften oder nahe Verwandte involviert sind – sollten Betroffene die Beziehung hinterfragen, anstatt an ihrem Verstand zu zweifeln. Bei Gaslighting kann ein Psychologe helfen, die Situation zu durchleuchten und einen möglichen Missbrauch aufzuklären. Denn je weiter sich Opfer in der Abwärtsspirale befinden, desto verheerender können die Folgen sein: Verunsicherung, mangelndes Selbstbewusstsein, Realitätsverlust, schwere Depressionen und Angststörungen. Die größte Arbeit in der Therapie sei es schließlich, den Patienten bewusst zu machen, dass sie sich wehren müssen und das diese Art, für sich selbst einzustehen, absolut legitim ist. Dr. Bärbel Wardetzki spricht aus Erfahrung: "Sie müssen begreifen, dass sie nicht verrückt sind; ihnen ist lediglich etwas Verrücktes passiert."

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Täter und Opfer stehen sich beim Gaslighting gewöhnlich sehr nahe.

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